Der Wirt Wollschläger und der Referendar Wildgruber sahen sich einigermaßen verwundert in die Augen, nahmen aber die Ausführungen des Gastes Harms ohne jeglichen Kommentar zur Kenntnis, zumal just in besagtem Augenblick eine Anzahl wohlbekannter Stammgäste das Gasthaus betrat.
Es waren die Mitglieder des Gemeindekirchenrats, fast vollständig im Beisein des Pfarrers, der im nahen Dom routinemäßig getagt hatte und nun, wie üblich, einen Schlummertrunk zu sich nehmen wollte, was in Folge auch geschah. Man versammelte sich um den Stammtisch, schob einen zweiten noch dazu und war alsbald in eifriges aber dennoch fröhliches Gespräch vertieft, bei dem selbst der Geistliche ein gutmütiges Lachen ab und an sich erlaubte.
Auch der Referendar vergaß kurzzeitig seinen Kummer und trug mit mancher Erzählung aus dem Amt zur allgemeinen Heiterkeit so gut er konnte bei. Es mochte eine gute Stunde vergangen sein, als plötzlich der Fremde von seinem Lehnhocker sprang, sich visavis der humorvollen Runde positionierte, die Arme weit spannte, dass sich sein Mantel wie Drachenflügel ausnahm, in den Knien leicht einknickte und mit hochrotem Antlitz, als sei er der Gottseibuns in pontificalibus, die verblüfften Honoratioren anschrie:
"Aufgepasst, ihr Löcher vom Orden des Arsches, ich verkünde euch hier und jetzt die Wahrheit, und zwar nur einmal, ihr Kuttenbonzen ihr, ein einziges Mal, dann ist Schluss, ein für alle Mal, also hört zu:
Ich, Harms aus Berkenthin, vertrete hier die Posamenten, das Posamentiergewerbe, und sage euch, es handelt sich um ein altes Gewerbe, um ein uraltes, ururaltes, sehr ururaltes Gewerbe sozusagen, und daran wird sich auch nichts ändern, nie! Und deshalb rate ich euch, spottet nicht den Posamenten, noch dem Gewerbe, schon gar nicht mir, ihr Batschkappenträger, vermaledeite, die ihr seid."
An dieser Stelle unterbrach ihn der Pfarrer und wollte wissen, wer oder was ihm das Recht gäbe, sie hier in einer derart unflätigen Art zu beschimpfen.
"Das Recht?", schrie Harms nun umso lauter, "Das Recht gibt mir die Landkriegsordnung von 1688, du Sappel, von 1688 und immerfort, die Landkriegsordnung, jawohl. Denn merkt euch: Die Posamenten sind die Fundamente der Grundlage und nicht andersrum, ihr Rechtsverdreher. Ich bin weit gereist, bis in diese verschnarchte Stadt Wetzlar, euch die Posamenten zu bringen, ihr Volldeppen und Äbbelwoipflücker, ihr bauernlümmeligen Bratärsche, hessische. Wetzlarer Pfurzer nenn ich euch, Lahnpinkler und Pfahlkacker, Hundefresser, Nägelbeißer, arschige. Presskopfgesindel und Kochwurstkotzer, störrische Katzenwurstler, ihr dämlichen Kahn … Kahn…" Allmählich gingen ihm die Argumente aus.
"Ihr dämlichen Kanuten, jawohl, Kanuten."
Harms schnaubte noch einmal in die andächtige Stille der Lauschenden, drehte sich schwungvoll und verschwand hinter dem Windfang durch die Wirtshaustür. Dann hörte man noch kurze Zeit seine Schritte auf dem Katzenkopfpflaster der Gasse und endlich trat vollkommene Ruhe ein.
Die so Getitelten schauten in Ermangelung anderer Autoritäten auf den Wirt hinter seinem Tresen, dem sich, ob des Geschreis des trunkenen Posamentenhändlers, seine Frau aus der Küche zugesellt hatte. Wollschläger hob, entschuldigend fast, die Schultern und sagte mit Blick auf seine ihm Angetraute:
" Ei, bezahlt hadder, gell Mama?"
Den um den Stammtisch versammelten Mitgliedern des Gemeinderats aber war die unschuldige Fröhlichkeit vergangen. Was Wunder auch, wer lässt sich schon gerne als Pfahlkacker, Lahnpinkler und, das traf sie am Schlimmsten, als Kochwurstkotzer bezeichnen, wo doch die Kochwurst, neben der Gelbwurst freilich, als ein von allen geschätztes und hoch geachtetes Lebensmittel galt, das man genoss und nicht kotzte. Ein jeder nuckelte an seinem Glas herum, bis der Pfarrer die Initiative ergriff, seinen Krug leerte und in Richtung Tresen sagte:
"Mach emal die Rechnung uff, Schorsch. Isch glaab, meine Herre, mir sollde die Gedränge heut mal aus de allgemene Kass begleische, nach dem, was ma uns von dem dusselische Daddel, dem Lumbesäckel, dem, da habbe anheere misse. De is ja woll völlisch verrickt inne Kopp, de Dammbatzer, de. Oder is do jemand anderster Aasischt?"
Wie die menschliche Natur es will, war keiner anderer Ansicht, wem auch stand es schon zu, den Worten Hochwürdens zu widersprechen? Also machte der Wirt Wollschläger die Rechnung und man begab sich kopfschüttelnd und unter mancherlei Gebrumme auf den Heimweg.
Nur der Referendar Wildgruber blieb stumm an seinem Platz hocken und zählte die Striche auf seinem Deckel. Die Tirade des Berkenthiners hatte ihn zurück in die Trübsinnigkeit seines Daseins geradezu katapultiert und er meinte, der Verzweiflung näher zu sein als je zuvor.
3
Wollschläger schloss die Wirtsstube ab, löschte das Außenlicht, füllte am Tresen drei Gläser seines besten Äbbelwois und setzte sich zu Wildgruber an den Tisch.
Dann rief er in Richtung der offenen Küchentür:
"Mama, geh halt emal her und setz disch zu uns, des mir emal mit dem Wolfi schwätze, so geht des net weider, jetz mache mer Näschel mit Köpp, gell Wolfi, des muss jetz emal geklärt werde, des mit dem Erika. Isch habb langsam de Schnauz voll, abbä rischtisch. Des aanzische, was isch waaß is, des isch nix mehr waaß un aach nix mehr verschteh."
Und Frau Wollschläger kam aus ihrer Küche, trocknete sich ein paar Tränen an ihrer, natürlich, blendend weißen Kittelschürze ab und setzte sich zu den beiden Männern.
Es wurde eine lange Nacht, in der die drei Leidgeprüften die Situation, in die sie, unverschuldet davon gingen sie reinsten Herzen aus, geraten waren, nach bestem Wissen und Gewissen besprachen, von der einen, aber auch der anderen Seite zu beleuchten trachteten, Schlüsse zogen und wieder verwarfen, Lösungen erwogen und Pläne schmiedeten, das Erika zur Rückkehr zu bewegen. Anfänglich war der Referendar einsilbig noch, ohne Zutrauen und Energie. Allmählich aber wurde er mitgerissen vom Optimismus des alten Wollschläger, zog sich hoch an der kummervollen Gestalt der Wirtsgattin, die allerweil an ihrer Kittelschürze zupfte und in regelmäßigen Abständen seufzte:
"Ach, Schorsch, nee, wo soll des alles enne? Was, Wolfi, saach doch aach emal ebbes."
Und der Referendar Wildgruber sagte und sagte, nach guter und reiflicher Überlegung freilich, und sagte nochmals, mit Nachdruck diesmal, und entwickelte einen Plan, den er sponn, wieder kürzte, erneut erweiterte, vervollständigte, ergänzte und strich, mit Anmerkungen versah, andere wegnahm und als undurchführbar zu erkennen meinte, bis er endlich fertig war und die beiden rührigen Alten zustimmend nickten, als die Tauben vom nahen Dom mit ihrem Gurren schon vom Morgengrauen Kunde brachten.
Das war dann der Zeitpunkt, an dem der alte Wollschläger mit der rechten Hand platt auf den Tisch schlug und verkündete:
"So mache mer des, un kaa bissi anderster, un wenn isch bis Frankford dääd laafe misse!"
Der Plan des Referendars gestaltete sich folgendermaßen: Er wollte heute noch, der neue Tag war in sommerlicher Fülle angebrochen, im Amt einen sofortigen Urlaub unbestimmter Dauer erwirken und zwar wegen einer dringlichen Familienangelegenheit begründet, wie sich die Sache mit dem Erika ja nicht nur in seiner Vorstellung, sondern in realiter darstellte. Infolge der Bewilligung, wovon er angesichts einer Unzahl von bisher nicht eingelöster Stunden an Mehrarbeit in den Gerichtskabinetten ausging, gedachte er, wenn möglich am heutigen Abend noch, spätestens aber in der Frühe des morgigen Tages sein Automobil zu besteigen und seiner vor der Trauung temporär Verflossenen nachzureisen. Dies gestaltete sich insofern nicht schwierig, da das Erika schon einen Tag nach ihrer Abreise eine Karte an ihre Eltern der Post anheimstellte, in der sie unter Angabe des Aufenthaltorts ihre glückliche Ankunft daselbst mitteilte, um Verständnis für den kurzfristigen Aufbruch warb und darum bat, sie, die Eltern Wollschläger, mögen ihr doch ein gutes Gelingen für ihre Zukunft wünschen.
Читать дальше