Der Rest dieses Tages war wie ein Lauf durch dicken Nebel. Ich funktionierte rationell und von außen drang nichts richtig bis zu mir vor.
Nachdem ich Schritt für Schritt abgearbeitet hatte, was ich zu diesem Zeitpunkt für notwendig erachtete, fuhr ich nach Hause und ließ meinen Gefühlen freien Lauf. Nun begann ich zu bereuen, dass ich mir so wenig Zeit für meine Familie genommen hatte. Bilder aus der Vergangenheit stürmten auf mich ein und ich sah so vieles, was ich hätte anders oder besser machen können.
Das Klingeln des Telefons riss mich aus meinen trübsinnigen Gedanken. Meine Schwester erkundigte sich nach meinem Befinden und bot mir an, mich in den kommenden Tagen zu unterstützen. Ich war dankbar für dieses Angebot, denn die Einsamkeit in diesem Haus war belastend. Nachdem ich einige Bier getrunken hatte, kam ich soweit zur Ruhe, dass ich mich entschloss, zu Bett zu gehen. Doch nach höchstens zwei Stunden Schlaf schreckte ich aus einem Albtraum hoch. Meine Decke war ein einziger Knoten und der Schlafanzug klebte schweißnass an meinem Körper. Nachdem ich mich umgezogen und das Bett wieder in Ordnung gebracht hatte, legte ich mich wieder hin, doch an Schlaf war nicht mehr zu denken.
Die folgenden Tage und Nächte bis zur Beerdigung waren nicht leicht für mich und ich weiß nicht, wie ich sie ohne die Hilfe meiner Schwester überstanden hätte. Da meine Eltern nicht mehr lebten, war sie meine nächste lebende Verwandte und ihre Nähe half mir sehr. Am Tag der Beerdigung wurde alles noch einmal so richtig aufgewühlt und ich musste alle Kraft zusammennehmen, um ihn zu überstehen.
Seit diesem Tag stelle ich mir ständig die Frage: Was wäre geschehen, wenn ich nachgegeben hätte? Was wäre, wenn ...
Das Schlimmste kam aber noch, denn ich wusste ja noch nicht alles über diesen Unfall. Aber es traf mich wie ein Schlag, als ich zwei Tage nach der Beerdigung das erste Mal wieder in der Firma erschien. Ich hatte lange überlegt, wie es nun weitergehen sollte und war schließlich zu dem Ergebnis gekommen, dass es das Beste wäre, wenn ich mich wieder in meine Arbeit stürzen würde. Die Arbeit würde mich ablenken, sodass ich nicht ständig über das Warum und Wieso nachdenken könnte. Meine Belegschaft war wirklich sehr verständnisvoll. Besonders Frau Wagner, meine Sekretärin, hatte wieder bewiesen, dass sie die perfekte Besetzung für diese Stelle war. Alles, was ich nicht unbedingt selbst entscheiden musste, hatten sie und andere leitende Angestellte in der Zwischenzeit zu meiner vollsten Zufriedenheit erledigt. Nur die Dinge, die kein anderer entscheiden konnte, waren, sauber nach Wichtigkeit geordnet, auf meinem Schreibtisch bereitgelegt. Ich ging mit ihr diese Angelegenheiten durch und wir hatten schon einiges abgearbeitet, als das Telefon wieder einmal klingelte. Sie ging an ihren Schreibtisch und nahm den Hörer ab. Im selben Moment konnte ich an ihrem Gesichtsausdruck erkennen, dass sie diesen Anruf zwar erwartet, aber insgeheim gehofft hatte, dass er nicht käme. Sie legte das Gespräch in die Musik und sagte zu mir: ›Es ist wieder dieser Herr Igor und er lässt sich einfach nicht abwimmeln. Er hat schon in den letzten zwei Tagen mehrfach hier angerufen. Was soll ich ...?‹
›Geben Sie das Gespräch her. Der erwischt mich gerade auf dem richtigen Fuß! Dem werd ich jetzt ein für alle Mal die Meinung geigen!‹, sagte ich zornig. Ich nahm das Gespräch an und meldete mich betont forsch.
›Ja! Kaufmann am Apparat!‹
›Ahhh, Herr Kaufmann. Schön, dass Sie wieder im Geschäft sind.‹
›Was wollen Sie? Ich denke, ich habe Ihnen meine Position klar und verständlich mitgeteilt! Also, warum belästigen Sie mich trotzdem noch?‹
›Also, also, Herr Kaufmann. Nicht so aggressiv! Ich bedaure das mit Ihrer Familie sehr, aber es sollte eigentlich nur ein Warnschuss werden. Dass es dann so schlimm ausgegangen ist, war wirklich die Verkettung unglücklicher Umstände. Ich habe meine Mitarbeiter schon bestraft für ihr übertriebenes Vorgehen. Ich hoffe Sie wissen nun, dass wir es ernst meinen und auch die Möglichkeit haben, unsere Forderungen durchzusetzen!‹
Mit einem Schlag ging mir ein Licht auf. Ich verstand nun, wie es zu diesem Unfall hatte kommen können. Mir verschlug es die Sprache und die Hand mit dem Telefonhörer sank mir auf die Brust. Ich rang nach Luft und Frau Wagner, die durch die offene Tür hereingeschaut hatte, war schon auf dem Sprung, um mir zu helfen, als ich mich aufraffte und den Hörer wieder hochnahm.
›Hallo? Hallo, Herr Kaufmann? Sind Sie noch da?‹
›Ja … Ja, ja‹, stotterte ich, ›was haben Sie da eben gesagt? Sie … Sie sind dafür verantwortlich? Ich … ich kann das gar nicht glauben!‹
›Tja, dann finden Sie sich mal mit diesem Gedanken ab! Ich hatte Sie vorher mehrfach gewarnt! Es sollte nicht so hart ausfallen, sollte nur ein Warnschuss werden, aber vielleicht war es auch gut so. Nun wissen Sie wenigstens, dass wir es ernst meinen! Ich denke, Sie sollten nun eine Änderung Ihrer Meinung in Betracht ziehen, denn wir haben auch noch andere Möglichkeiten, unseren Willen durchzusetzen. Also, ich lasse Sie das Ganze noch einmal in Ruhe überdenken. Äh, sagen wir ein, oder besser zwei Tage, dann melde ich mich wieder und wir handeln die Einzelheiten aus!‹ Es folgte eine kleine Pause.
›Und denken Sie nicht mal im Traum daran, die Polizei oder jemanden anders zu informieren! Ich würde auf jeden Fall recht schnell davon erfahren und dann ist Ihre Firma und Ihr Leben keinen Pfifferling mehr wert! Ich denke, dass ich mich da klar ausgedrückt habe.‹
Wut stieg in mir hoch und ohne irgendwelche Konsequenzen zu bedenken, schrie ich in den Hörer:
›Sie sind wohl nicht mehr ganz bei Trost?! Nachdem, was Sie mir jetzt erzählt haben, erwarten Sie auch noch eine Kooperation von meiner Seite? Ich denke ja nicht mal im Traum daran, auch nur im Geringsten in irgendeiner Form auf Ihre Forderungen einzugehen! Sie können sich Ihre Drohungen sonst wohin stecken! Sie, Sie Stück Dreck, Sie! Sie ... Arrr!!‹
Mit diesen Worten knallte ich den Hörer so wütend auf die Basisstation, dass er auseinanderbrach. Noch wütender dadurch, wischte ich das Telefon inklusive einiger anderer Dinge vom Schreibtisch. Ohne Rücksicht auf weitere Schäden ging ich durch die heruntergeworfenen Gegenstände, nahm meine Jacke vom Garderobenständer und verließ ohne ein weiteres Wort das Firmengebäude in Richtung Auto. Aus den Augenwinkeln konnte ich noch das entsetzte Gesicht meiner Sekretärin sehen, doch ich war zu aufgewühlt, um in diesem Moment darauf einzugehen.
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