Doch vorerst hatte ich damit zu tun, meine Gedanken zu ordnen, zur Ruhe zu kommen und mich nur auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Zeit, in der ich aufgewachsen und in die ich hineingewachsen war, war so angefüllt von Reizen und äußeren Einflüssen, dass der Geist eigentlich gar nicht mehr zur Ruhe gekommen war.
Es war kein Wunder, dass es so viele Menschen mit Schlafstörungen gab, dass so viele Menschen hektisch, nervös und überreizt waren. Wie oft hatte ich es selbst gemacht oder bei anderen gesehen, dass mehrere Dinge auf einmal oder nebeneinander abliefen. Schon als Jugendlicher hatte ich bei den Hausaufgaben laut Musik gehört, durch das geöffnete Fester die Nebengeräusche von der Straße, Gespräche der Passanten oder Familienmitglieder gehört und doch keines von alledem richtig oder einprägsam wahrgenommen.
Wie oft hatte ich gesehen, dass jemand ein Buch las, den Fernseher anhatte und einen Film anschaute und doch keines von beiden richtig verstand. Oder dass beim Zusammensein mit Freunden der Fernseher lief und sich dann der eine oder andere wunderte, wenn man unaufmerksam beim Gespräch war oder einen Einwurf weit weg vom Thema machte.
Dasselbe galt für Bücher und Filme. Wenn ich einen Film bewusst anschaute oder ein Buch bewusst las, ohne mich durch etwas anderes stören oder beeinflussen zu lassen, nahm ich Kleinigkeiten wahr, die mir sonst oft entgangen waren und die mir zum Verständnis des Ganzen oftmals fehlten. Wenn ich mir am Ende des Filmes oder Buches dann noch die Zeit nahm, mit geschlossenen Augen über bestimmte Stellen nachzudenken, fielen mir dann manchmal noch Kleinigkeiten auf, die ich vorher gar nicht wahrgenommen hatte.
Zu diesen Erkenntnissen gelangte ich in den Zeiten der Meditation. Ich brachte meinen Körper und Geist zur Ruhe und lernte bewusst zu leben. Mit der Zeit ordnete ich meine Gedanken, lernte aus meinen Fehlern und verstand es, gute Dinge bewusst wahrzunehmen und zu leben.
Doch es gab auch Momente, in denen ich an meine Familie und mein dummes Verhalten, das zum Tod meiner Lieben beigetragen hatte, dachte. Am Anfang zerbrach ich dann fast immer an diesen Erinnerungen und die Selbstvorwürfe wollten kein Ende nehmen. Doch irgendwann verstand ich, dass ich das Geschehene doch nicht mehr ändern konnte und nun das Beste aus meinem jetzigen Leben machen musste. Vielleicht sollte das so sein, vielleicht hatte auch alles einen tieferen Sinn und das Geschehene trug zu etwas Wesentlichem und Wichtigem bei. Vielleicht waren diese Gedanken auch Ausflüchte und Wunschvorstellungen, aber sie halfen mir sehr, meinem Leben wieder einen Sinn zu geben. Doch es dauerte lange, bis ich mein Gleichgewicht gefunden hatte und auch mit diesen Erinnerungen umgehen konnte.
Mithilfe des Trainings, das bis auf die wenigen Pausen fast den ganzen Tag und sieben Tage in der Woche andauerte, lernte ich langsam meinen Körper kennen und verstehen. Mit der Zeit stählte sich mein Körper und ich lernte Muskeln, wenn sie schmerzten oder überanstrengt waren, zu schonen, die Anstrengung auf andere oder mehrere Körperpartien zu verteilen oder es durch Geschwindigkeit wettzumachen. Da das Training jeden Tag durchgeführt wurde, und in der jetzigen warmen Jahreszeit nur an den wenigen ganz heißen Tagen nachmittags durch Meditation und Andacht im kühlen Tempel ersetzt wurde, machte ich auch gute Fortschritte. So kam es, dass ich schon nach einigen Wochen die ersten Kampf- und Bewegungstechniken erlernte. Doch um einen Trainingskampf selbst mit einem der jüngsten und schwächsten Mönche auch nur annähernd zu bestehen, musste noch viel Zeit vergehen.
Am Anfang fiel es mir noch schwer, meine Ungeduld zu bezähmen und ich wollte rasche Fortschritte sehen. Irgendwann fiel aber die Hektik und Unruhe meines bisherigen Lebens von mir ab und ich wurde ruhiger und gelassener. Ich lernte, dass man vieles mit Ruhe ertragen konnte, wenn man bereit war, es als gegeben und unumgänglich hinzunehmen.
Eines Tages erkannte ich auch, dass der kahlgeschorene Kopf der Mönche nicht nur rituelle Bedeutung hatte, sondern dass es auch einen rein praktischen Hintergrund gab. Der ständige Juckreiz auf dem Kopf war belastend und beim Kratzen bemerkte ich, dass ich Läuse hatte. Als ich das Wang Lee mitteilte, machte dieser mir klar, dass es besser wäre, wenn ich mir den Kopf kahlrasieren lassen und die andere Körperbehaarung kurz halten würde. Auf diese Weise wurde ich diese Plagegeister wieder los und ich fühlte mich nicht einmal unwohl, da alle um mich herum so aussahen.«
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