Unter den Truppen, die in den Libanon geschickt wurden, war auch die Einheit, zu der Eje gehörte. Er befehligte eine Abteilung Kampfwagen, die bereits in wenigen Tagen zu den Fußtruppen in einer vorgelagerten Festung stoßen sollte. Die leichten Wagen, die von zwei Pferden gezogen wurden, kamen rasch voran. Fußtruppen aus dem Delta hätten den Marsch nur verzögert. In der Festung waren genügend kampferprobte nubische und libysche Soldaten. Von der Festung aus gelangte man in zwei Tagen in die Gegend von Gubla. Rib-Addi hatte die Stadt so lange halten können. Späher hatten die Feinde aus Amurru in einem kleinen Tal ausgemacht. Von hier aus wollten sie gerade in einem neuen Angriff gegen Gubla vorstoßen, als ihnen die nubischen Bogenschützen und die Libyer, die mit Lanzen und Dolchen bewaffnet waren, den Weg versperrten. Es kam zum Kampf, in den auch Eje mit seinen Leuten eingriff. Er selbst lenkte den Wagen allen voran in das Schlachtgetümmel. Neben ihm stand der Bogenschütze. Immer wieder zog dieser einen der langen Pfeile mit ihren Metallspitzen aus dem ledernen Köcher, der am Wagen befestigt war. Und mit jedem dieser Pfeile traf er einen feindlichen Soldaten. Eje hielt mit der einen Hand die Zügel der Pferde, in der andern schwenkte er ein langes Schwert, das ihm allerdings weniger zum Kampf als zur Anfeuerung seiner Leute diente. Erst als sich der Kampf dem Ende zu neigte, die Feinde zum größten Teil getötet oder geflohen waren, sprang er vom Wagen und stürzte auf einen grimmig aussehenden Kämpfer zu, der sich offenbar bis zum Letzten wehren wollte und den er als Anführer des Feindes erkannte. In einem erbitterten Zweikampf tötete er den Mann. Die letzten Feinde, die noch ausgeharrt hatten, ergriffen, als sie ihren Anführer fallen sahen, die Flucht. Man ließ sie laufen, denn sie stellten nun keine Gefahr mehr dar.
Der Feind hatte vor seinem Rückzug in das Tal, wo er sich auf einen neuen Angriff vorbereiten wollte, einige Posten vor den Mauern von Gubla zurückgelassen. Nachdem auch diese beim Anblick der ägyptischen Streitmacht flohen, öffnete Rib-Addi die Tore und empfing seine Befreier, die er mit allem, was an Bier und sonstiger Nahrung nach dieser langen Belagerung geblieben war, bewirtete. Eje und sein General wurden von der Bevölkerung der Stadt und von ihren eigenen Truppen als Helden gefeiert.
Ehe die siegreichen Krieger zurückkehrten, versprach Rib-Addi, als Dank die Lieferungen des kostbaren Zedernholzes während drei Jahren zu verdoppeln, ohne dass Ägypten dafür eine Gegenleistung erbringen müsse.
Obwohl es sich nur um einen kleineren Kriegszug gehandelt hatte, wurde das Heer in Memphis im Triumph empfangen. Die Geschichte von Ejes Heldentat verbreitete sich rasch in der ganzen Stadt. Der junge Pharao empfing Eje, den General und die nubischen und libyschen Offiziere in seinem Palast.
Eje sah Amenhotep an diesem Tag zum ersten Mal. Wie alle andern warf er sich vor dem König auf den Boden. Nachdem dieser das Zeichen gegeben hatte, standen sie auf und traten auf einen Wink des Pharaos näher. Die Offiziere belohnte er mit goldenen Spangen und Reifen, den General mit einem prächtigen goldenen, mit Edelsteinen besetzten Pektoral. Eje wurde nebst einem goldenen Halsreif und der Beförderung zum Offizier mit einem Anwesen in der Stadt, das aus einem Haus und einem Garten bestand, belohnt.
Teje erwartete ihren Freund nach der Audienz beim Pharao in ihrer Kammer. Sein Gesicht strahlte. Hatte er sein Ziel erreicht? Sicher noch nicht das endgültige Ziel, aber doch eine wichtige Etappe auf dem Weg dazu. Vielleicht sogar jene Stufe auf der Leiter seiner Karriere, die es ihm erlaubte, zusammen mit Teje eine Familie zu gründen.
„Ich bin stolz auf dich“, sagte Teje. „Du bist ein Held. Ich gratuliere dir zum Sieg. Ich bin aber auch froh, dass du heil aus dem Feldzug zurückgekehrt bist.“
Eje hörte das gerne. Also hatte sie um sein Leben gebangt. Das gab ihm Hoffnung.
Teje wollte von ihm hören, was Pharao zu seinem Erfolg gesagt hatte.
Er erzählte ihr von der Belohnung.
„Vor allem bin ich froh, dass ich ein eigenes Heim bekomme. Ich muss nicht mehr in der Kaserne schlafen und kann empfangen, wen ich will.“
Natürlich dachte er dabei an seine Freundin. Sobald er in sein Haus eingezogen wäre, wollte er sie einladen, damit er ihr sein Heim, das vielleicht bald auch das ihre sein würde, zeigen konnte.
Teje gratulierte ihm auch zu der Belohnung, die er von Pharao empfangen hatte.
„Er ist ein guter Mensch“, sagte sie.
„Siehst du ihn oft?“, fragte er.
„Beim Bankett mit den wichtigsten Beamten und ihren Familien bin ich oft auch dabei. Meistens aber isst er allein mit seiner Mutter Mutemuia, der Witwe von Thutmosis. Mein Vater ist königlicher Schreiber und sieht ihn natürlich jeden Tag. Pharao hat auch unsere Familie schon allein zum Essen eingeladen. Ich glaube, er mag mich.“
Das gab Eje einen Stich ins Herz. Er hatte auf einmal die gleiche eifersüchtige Empfindung wie damals, als sie ihm von ihrer Schifffahrt nach Theben erzählt hatte.
Amenhotep war noch unverheiratet. Es gab noch keine Große Königsgemahlin. Diese Stellung hatte vorläufig noch immer Mutemuia inne. Doch sobald es einmal soweit wäre, könnte sich Amenhotep als Pharao zur Nebenfrau in seinen Harem nehmen, wen er wollte.
Vorerst aber brauchte sich Eje keine Sorgen zu machen. Als Große Königsgemahlin kam, der Reinerhaltung des königlichen Blutes wegen, nur eine Adelige, möglichst eine nahe Verwandte, in Frage. Trotz seiner hohen Stellung war Juja jedoch nur ein Beamter. Das war beruhigend. Eje musste nur dafür sorgen, dass Teje seine Frau wurde, ehe Amenhotep sich vermählte.
Als Amenhotep nach dem Tod seines Vaters Thutmosis IV. zum Pharao gekrönt wurde, wählte er sich als Horus-Name Neb-maat-Re. Das bedeutet: Re ist der Herr der Wahrheit. Die Stellung der Großen Königsgemahlin, die den König bei allen offiziellen Anlässen begleitete, behielt, wie wir wissen, seine Mutter Mutemuia, bis der junge Pharao sich vermählen und seine Gattin zur Großen Königsgemahlin machen würde.
Mutemuia trug ihren Namen mit etwelchem Stolz. Er bedeutete: Mut ist in der Sonnenbarke. Mut war die menschengestaltige Göttin mit der Doppelkrone. Amun, Mut und ihr Sohn Chons bildeten in Theben eine göttliche Dreiheit. Mut bedeutete Mutter, und als solche galt die Göttin auch als die Mutter des Pharaos. Es hieß jedoch auch, der Gott Amun habe seinen Samen in den Leib Mutemuias gelegt. Und Mutemuia hatte bereits in frühen Jahren ihrem Sohn beigebracht, dass Amun sein eigentlicher Vater sei.
Nach den eher kriegerischen Jahren der Herrschaft seiner Vorgänger, waren die ersten Jahre von Amenhoteps Königsherrschaft lediglich durch einige Strafexpeditionen in Nubien und die nicht sehr bedeutungsvolle Hilfe an Rib-Addi im Libanon gekennzeichnet.
Zu seiner Krönung war Amenhotep auf seiner königlichen Barke und einem Gefolge von weiteren Booten nilaufwärts nach Theben gefahren. In der gewaltigen Tempelanlage des Reichsgottes Amun-Re in Karnak fand die Krönungszeremonie statt.
Fast der ganze Hof hatte den jungen König zu seiner Krönung in Karnak begleitet. Am glücklichsten war seine Mutter Mutemuia. Theben war ihre Heimat, hier hatte sie ihre Jugendjahre verbracht. Im Geheimen träumte sie davon, dass die Residenz des Pharaos eines Tages wieder ganz nach Theben verlegt würde.
Auch Teje und ihre Eltern gehörten zum Gefolge. Schreiber, der königliche Sandalenträger, Fächerträger, Baumeister, Künstler und viele weitere Beamte waren dabei.
Der junge Pharao war beeindruckt vom Ausmaß dieser Tempelstadt. Hier befand sich auch der Kultpalast des Königs. Tausende von Priestern dienten Amun. In seiner Verbindung mit dem Fruchtbarkeitsgott Min war er als Amun-Min sich selbst erzeugender Ur- und Schöpfergott, als Amun-Re fortwährender Erneuerer. Zugleich war er der König der Götter und Herrscher der Erde und des Himmels. Kein Wunder, dass ihm so viele Priester dienten, allen voran der Hohepriester oder Erste Prophet mit dem zweiten, dem dritten und dem vierten Gottesdiener. Groß war die Zahl der Wab-Priester, die, in jahreszeitlich, also viermonatlich sich abwechselnden Gruppen für den täglichen Tempelkult sorgten. Viele von ihnen waren in der Verwaltung tätig. Dazu kamen unzählig viele, theologisch ausgebildete Ritual- und Vorlesepriester, und zuletzt die Sem-Priester, die für den Totenkult und die Einbalsamierung der Toten zuständig waren.
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