Er zögerte nicht, sich bei der Wache am Hauptportal zu melden. Weder die Wache selbst noch die Pracht des Palastes oder gar der Pharao, der hier residierte, konnten ihn einschüchtern. Nur die Erwartung des Wiedersehens mit dem Mädchen, das er in all den Jahren nie zu lieben aufgehört hatte, ließen sein Herz heftiger schlagen.
Er wurde zum Haushofmeister geführt, der sich sein Begehren anhörte. In der Empfangshalle musste er warten, bis der Haushofmeister zurückkehrte und ihn durch lange Korridore bis zu den Wohnräumen von Teje und ihren Eltern führte. Auf das Klopfen öffnete eine Dienerin. Teje war das Kommen ihres Freundes aus Ipu gemeldet worden. Als wäre ihr dieser Besuch gleichgültig, saß sie vor einem Senet-Spiel, wo sie mit einer andern Dienerin spielte. Als Eje eintrat, erhob sie sich, und beide gingen, zuerst zögernd, dann mit klopfendem Herzen in freudigem Erkennen aufeinander zu und umarmten sich.
Teje schickte die Dienerinnen mit einem Wink hinaus. Beide verließen rückwärtsgehend den Raum und zogen die Tür hinter sich zu.
Teje und Eje setzten sich am Boden auf Kissen, einander gegenüber und schauten sich lange an, als versuchten sie in ihren Gesichtern die Kinder, die sie einst waren, wieder zu erkennen.
Eje strengt sein Gedächtnis an, um sich zu erinnern, wie seine Freundin damals in Ipu ausgesehen hat, und überlegt, was sich an ihr verändert hat. Natürlich ist sie älter und größer geworden. Doch das ist nichts Besonderes. Nicht ungewöhnlich ist auch, dass sie ihre Jugendlocke abgeschnitten hat, schließlich ist sie jetzt erwachsen. Die Zeichen ihrer Weiblichkeit sind nicht zu übersehen. Sie hat volle Brüste, und ihre Hüften sind breiter geworden. Ihre leicht vorspringenden Lippen bilden immer noch einen Schmollmund, und ihre schwarzen Augen blicken selbstbewusst. Oder liegt in ihnen nicht auch eine Frage verborgen? Vielleicht die Frage nach ihrem gemeinsamen Geheimnis? Ob er sich daran erinnere? Diese ach so schönen Augen, in die er sich schon damals verliebt hat, wurden überwölbt von buschigen Augenbrauen. Jetzt hat sie die Haare ausgezupft und die Brauen mit einem schmalen, schwarzen Schminkstrich nachgezogen. Auch die Lider hat sie, wenn auch nur dezent, mit bläulicher Farbe geschminkt. Es steht ihr gut auf der dunkeln Haut. Ihr Kopfhaar hat sie unter einer kurzen Beutelperücke versteckt.
Auch Teje betrachtet ihr Gegenüber aufmerksam. Eje ist groß geworden. Er hat breite Schultern und kräftige Arme, ein männliches Gesicht, trotz seiner Jugend. Sie könnte sich ihn gut als Heerführer vorstellen. Warum habe ich damals für ihn geschwärmt?, fragt sie sich. Weil er klug war? Weil er größer und stärker war als die andern gleichaltrigen Schüler? Ich weiß es nicht. Wohl doch einfach, weil er mir gefiel, weil wir es lustig hatten miteinander. Wenn ich ihn jetzt so sehe, dann meine ich, dass es richtig war, mich in ihn zu verlieben. Verlieben? War ich damals nicht zu jung, um zu wissen, was das heißt? Heute weiß ich es. Er ist ein junger Mann geworden, und ich bin eine junge Frau. Und er ist tatsächlich ein Mann zum Verlieben. Liebt er mich immer noch? Wäre er sonst gekommen? Und ich? Ich habe oft an ihn gedacht. Zuerst hat er mir gefehlt. Aber dann habe ich andere Jungen kennen gelernt. Doch für keinen konnte ich so schwärmen wie für Eje. Nun ist er da. Er hat sein Versprechen eingelöst.
Sie ließ die Frage, ob ihre damaligen Gefühle zurückkommen würden, offen. Doch es würde ihr gefallen, wenn er sie noch liebte und begehrte. Als sie fürchtete, er könnte ihre Gedanken erraten, schob sie ihre Lippen vor, wie sie es als Mädchen getan hatte.
„Du hast noch den gleichen Mund wie früher“, sagte er, nur um dem Schweigen ein Ende zu machen. „Wenn du so ein Schmollmündchen machst, siehst du wieder aus wie die kleine Teje von damals.“
Erst allmählich entwickelte sich ein Gespräch, das von alten Erinnerungen, aber auch von dem, was beide in der Zwischenzeit erlebt hatten, genährt wurde. Gerne hätte Eje erfahren, ob sich Teje noch an die mit ihrem Blut besiegelten gegenseitigen Versprechen erinnerte. Doch er wagte nicht, sie darnach zu fragen. Durfte er denn erwarten, dass Teje ihm die gleichen Gefühle entgegenbrachte wie damals, dass sie ihm in ihren Gefühlen ebenso treu geblieben war wie er ihr? Schließlich war eine lange Zeit vergangen, Teje war zur heiratsfähigen Frau herangewachsen. Und hier am Hof und in der Stadt gab es sicher genügend junge Männer, die das schöne Mädchen, das Teje trotz allem in ihrer fröhlichen und unbekümmerten Art zu sein schien, gerne zur Gattin gewünscht hätten.
Als Eje endlich auf Umwegen erfuhr, dass sie noch unverheiratet war, schien sein Herz einen Freudensprung zu machen. Denn schon bald hatte er tief in seinem Innern gespürt, dass er diese junge Frau ebenso liebte wie jenes Mädchen, das sie einst gewesen war, ja, ihn überkam ein noch viel tieferes Gefühl, er verspürte geradezu einen körperlichen Drang zu der bezaubernden Frau hin, eine Begierde, wie er sie noch nie erlebt hatte. Doch er hielt sich zurück, und nachdem auch Tuja, die Mutter, herzugekommen war und ihn als den Mitschüler ihrer Tochter und Spielgefährten früherer Zeiten erkannt und freudig begrüßt hatte, verließ er, nicht ohne sich anstandshalber auch mit ihr noch eine Weile unterhalten zu haben, die beiden, doch nicht ohne die Erlaubnis von Mutter und Tochter, wiederkehren zu dürfen, wann immer es ihm beliebe.
Eje machte von dieser Erlaubnis Gebrauch, so oft er konnte. Manchmal spazierten sie zusammen im Garten des Palastes unter den Palmen und Sykomoren oder in der Stadt. Eje musste erzählen von den Jahren, die er ohne sie in Ipu gelebt hatte, von den Mädchen und den Jungen, die sie gemeinsam in der Schule gekannt hatten, und sie erzählte ihm, wie ihr Bruder Aanen Wab-Priester und bald darauf Vierter Gottesdiener von Re in Iunu und ihr Vater Erster königlicher Schreiber bei Thutmosis geworden war, wie der Pharao gestorben sei und wie sie und ihre Familie den neuen Pharao zur Krönung nach Theben begleitet hatten.
„Dann seid ihr ja auf einem der Schiffe gewesen, die ich damals in Ipu stromaufwärts habe vorbeifahren sehen“, sagte Eje erstaunt. „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich laut nach dir gerufen.“
Tejes Mund verzog sich leicht zu einem merkwürdigen Lächeln, so als wäre es ihr peinlich gewesen, wenn er nach ihr gerufen hätte.
Eje registrierte es mit leiser Beunruhigung. Hätte sie sich seiner vielleicht geschämt?
Doch er verscheuchte diesen Gedanken rasch, und sie redeten von etwas anderem.
Manchmal griff er nach ihrer Hand, und Teje ließ es geschehen. Ein prickelndes Gefühl durchflutete in solchen Momenten ihren ganzen Körper.
Tejes Glück nahm jedoch schon bald ein vorläufiges Ende. Pharao Amenhotep hatte einen Brief von Rib-Addi, dem König von Gubla erhalten, in dem es hieß:
„Ich habe mich unter die Füße meines Herrn sieben Mal und wieder sieben Mal geworfen. Wenn der König, mein Herr, keine Truppen sendet, sterben wir, und die Stadt Gubla wird eingenommen werden. Ich selbst hüte die Stadt Gubla Tag und Nacht. Viele Heerführer schicken nicht gern Truppen aus, wenn die Dinge für sie selbst gut stehen. Ich aber möchte gern, dass sie ausgeschickt werden, denn die Dinge stehen schlecht für mich. Möge der König, mein Herr, sich auf den Weg machen, möge er sein Land sehen und davon Besitz ergreifen. An dem Tag, an dem du dich auf den Weg machen wirst, wird das ganze Land um den König, meinen Herrn, zusammenströmen. Wer kann den Soldaten des Königs widerstehen?“
Gubla war eine wichtige Hafenstadt im Libanon. Von hier kam das für Ägypten so wichtige Zedernholz. Rib-Addi, dem Vasallenkönig, musste gegen die Angreifer aus Amurru geholfen werden. Doch Amenhotep, der, dreizehnjährig erst vor zwei Jahren zum König gekrönt wurde und offiziell oberster Heerführer war und traditionsgemäß an der Spitze seiner Truppen in die Schlacht ziehen sollte, war in Kriegsdingen noch unerfahren. Seine Berater rieten ihm, einen erfahrenen General an die Spitze eines kleinen Heeres zu setzen. Ägyptische Kundschafter hatten Nachrichten überbracht, die besagten, dass es sich bei den Angreifern um kleinere Truppenverbände handelte, die mit den Waffen der Ägypter leicht zu besiegen wären.
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