Auch wenn ihnen die neue Situation nicht gefiel, so blieb ihnen doch keine Wahl als der Bitte des Fortkommandanten nachzukommen. Die Ordonnanz zeigte ihnen ein geeignetes Quartier in einem der kleinen Häuser. Sie wechselten die staubigen und schmutzigen Uniformen gegen ihre frische Ersatzkleidung. In der Offiziersmesse stärkten sie sich. Sie nahmen gerade die letzten Bissen eines überraschend guten Soufflés zu sich, als die Ordonanz sie erneut zu Colonel Hillerman bat.
Wortlos schob er ihnen ein Telegramm über den Tisch. Während die beiden Kavalleristen den knappen Text studierten, konnte der Colonel seine Zufriedenheit nicht ganz verbergen. „Damit wäre das wohl geklärt.“
Der Colonel musste über Verbindungen verfügen, denn das Hauptquartier stimmte seinem Ansinnen bereitwillig zu. Matt und Thomas blieb keine Wahl, als sich in das Unvermeidliche zu fügen.
Hillerman trat an eine große Karte, welche die Territorien von Wisconsin und Iowa zeigte sowie einen Teil der südlich angrenzenden Staaten Illinois und Missouri. Die Karte war keine Militärkarte und nicht besonders detailliert. Im Verlauf der Zeit hatte man an ihr etliche Ergänzungen vorgenommen. „Sehen Sie, Gentlemen, es geht um Fort Duncan. Es liegt im angrenzenden Territorium. Im Grunde ist Fort Winnebago nicht dafür zuständig, aber der Nachschub für die westlichen Forts im Territorium von Iowa läuft nun einmal über uns, obwohl andere Stützpunkte näher liegen. Nun ja, das hat alles mit der verdammten Umorganisation zu tun.“
„Umorganisation, Sir?“
Hillerman lächelte. „Was glauben Sie denn, warum ich ein Fort befehlige, welches die Army einst erbaute, dann einem verdammten Pelzhändler überließ und nun von dem Kerl pachten musste? Gentlemen, lesen Sie keine Zeitungen? Im Süden gärt es. Ich weiß nicht, wie gut Sie darüber informiert sind, doch Washington zieht alle regulären Regimenter zusammen, die derzeit noch als einzelne Kompanien über die zahlreichen Stützpunkte verstreut sind. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, wie ich betonen möchte“, fügte Hillerman rasch hinzu, als er das Gesicht von Thomas sah. „Nun, wie dem auch sei, der Abzug der regulären Kompanien bedeutet eine Schwächung der Grenzen zu den Indianergebieten. Natürlich sind die Siedler besorgt und haben sich an ihre Gouverneure und die Regierung gewandt.“ Der Colonel deutete zum Fenster. „Es melden sich etliche Freiwillige, die an verschiedenen Standorten ausgebildet werden. Wir schicken sie dann in die Forts, welche die Armee durch Abzug der U.S.-Truppen schwächt.“ Hillerman schlug mit der flachen Hand gegen die Karte. „Gentlemen, Sie haben bereits gegen die Roten gekämpft und sicher eine Vorstellung davon, was es bedeuten würde die Besatzungen der Forts zu schwächen oder diese sogar zu räumen. Es könnte zu entsetzlichen Massakern kommen.“
„Das sind auch meine Befürchtungen“, gab Matt zu. „Das rote Volk wurde immer wieder von uns Weißen aus seinen angestammten Gebieten vertrieben. Sie haben keinen Grund, uns zu mögen.“
Hillerman runzelte die Stirn. „Sie hören sich an wie ein verdammter Indianerfreund.“
Thomas lächelte. „Er ist ein erfahrener Indianerkämpfer, Colonel, Sir, aber er empfindet keinen persönlichen Groll gegen die Heiden.“
„Ihre Einstellung mutet seltsam an, Major. Gerade für einen Mann, der an der Grenze dient. Selbst ausgemachte Gegner der Sklaverei haben kein Problem damit, gegen die Roten vorzugehen.“ Hillerman leckte sich über die Lippen. „Nun, wie dem auch sei … Sie werden sicherlich Ihre soldatische Pflicht erfüllen. Wo war ich? Ach ja, die Zuständigkeit. Wie soeben erwähnt versorgt unser Fort derzeit mehrere Garnisonen im angrenzenden Territorium von Iowa. Prairie du Chien wäre näher, aber die dortigen Kapazitäten werden für Illinois und Missouri verwendet. Vor einigen Jahren wurde hier, am oberen Lauf des Turkey River, Fort Duncan errichtet. Es ist kein großes Fort und soll lediglich die Präsenz der Armee im Gebiet der Winnebagos garantieren.“ Hillerman lächelte. „Falls Sie noch nicht von diesem Stamm gehört haben, dem unser Fort seinen Namen verdankt… Vor etlichen Jahren wurden die beiden Hauptgruppen der Winnebagos getrennt und umgesiedelt. Vier der Clans siedeln nun im Bereich zwischen dem Turkey River und dem Upper Iowa. Sie gelten als relativ befriedet, aber bei diesen Roten weiß man das ja nie. Nun, jedenfalls ging vor einigen Wochen der übliche Versorgungstreck nach Duncan und er ist nun seit über einer Woche überfällig. Äh, Sie haben eine Frage, Captain?“
„Wie groß ist der Wagenzug?“
„Drei Planwagen mit sechs Infanteristen und neun Reiter Begleitschutz.“
Matt runzelte die Stirn. „Das sind nicht viele Wagen.“
Er wunderte sich nicht über die kleine Eskorte. Selbst in riskanten Gebieten waren diese kaum größer und wurden nur verstärkt, wenn es deutliche Hinweise auf Gefahr gab. Ihn irritierte eher die geringe Anzahl der Fahrzeuge.
„Das Gebiet gilt nicht als gefährlich“, antwortete Hillerman. „Die Indianer haben die Lektion gelernt, die wir ihnen erteilt haben. Deswegen ist Duncan auch ein eher kleiner Stützpunkt. Ein verstärkter Zug Ihrer 2nd U.S.-Cavalry, ein Zug Infanterie und ein Detachment Artillerie. Alles in allem etwas über hundert Soldaten.“
Matt kannte weit kleinere Garnisonen. Ihre Besatzungen dienten der Beobachtung und Sicherung von Verkehrswegen. „Ist Duncan eine befestigte Stellung?“
„Major Willcox hat ein Palisadenfort errichten lassen“, bestätigte der Colonel.
„Dieser Major Willcox ist der Kommandant?“
„Ein sehr fähiger Mann.“ Hillerman kehrte zum Schreibtisch zurück. „Nun, Sie sehen die Größe des Wagenzuges war durchaus ausreichend um die dreimonatige Versorgung von Duncan zu gewährleisten. Da er nun jedoch überfällig ist, könnte es in Duncan ein wenig knapp werden. Ich will so schnell wie möglich sicherstellen dass das Fort die erforderlichen Vorräte erhält.“
„Und Captain Deggar und ich sollen die Eskorte führen.“
„Die Eskorte wird Lieutenant Braxton führen. Sie sollen sie begleiten und eingreifen, falls Sie dies als erforderlich erachten. Sehen Sie, auch wenn es hier von Truppen zu wimmeln scheint, so sind wir doch knapp an ausgebildeten Soldaten. Vor allem an erfahrenen Offizieren. Ich gebe Braxton einen verstärkten Zug der 1st Iowa Volunteer Cavalry als Eskorte. Sie begleiten den Versorgungstreck nach Duncan, Major, und werden sich nach den vermissten Wagen und deren Eskorte umsehen. Ich werde Ihnen zudem Befehle für Major Willcox übergeben. Die Iowa Volunteers bleiben mit Braxton als Besatzung im Fort. Auf der Rückreise werden Sie die dort stationierten Männer der 2nd U.S.-Cavalry nach Fort Winnebago bringen. Männer, die wieder in Ihr Regiment eingegliedert werden. Wie ich schon erwähnte, zieht die Armee ihre regulären Regimenter aus den Forts ab und ersetzt sie durch Freiwillige.“
„Wann sollen wir aufbrechen?“
„Ich werde Lieutenant Braxton befehlen sich am Morgen des kommenden Tages bereitzuhalten. Bis dahin ist alles verladen und bereit. Äh, ich will es nochmals betonen, Braxton befehligt den Zug der Iowa Volunteers, untersteht aber natürlich Ihrem Befehl, Gentlemen.“
Kapitel 3 Nur ein paar Schritte
Fort Duncan lag auf einem kleinen Hügel, der sanft anstieg und an drei Seiten von Wald umgeben war. Vor der südlichen vierten Seite, an der sich auch das Haupttor befand, erstreckte sich ein Stück Ebene. Bei klarem Wetter und idealer Sicht konnte man dort in der Ferne das Glitzern des Turkey River erkennen.
Duncan bestand aus einer Ansammlung großer und kleiner Hütten, die man in Blockbauweise errichtet hatte und die von einer umlaufenden Palisade umgeben waren. Diese war nur knappe drei Yards hoch. Wer sich auf den Rücken eines Pferdes stellte, hatte wohl nicht viel Mühe sie zu erklimmen. An der Innenseite zog sich ein Wehrgang entlang, der nur an der westlichen Ecke von dem kleinen überdachten Wachtturm und im Süden vom zweiflügeligen Tor unterbrochen wurde. Es gab keinen Überbau des Tores, welches rechts und links von den Leitern der Aufgänge flankiert war.
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