Im vergangenen Jahr entstanden immer mehr Freiwilligeneinheiten. Überall in der Union, ob im Norden oder im Süden, sprach man über einen drohenden Krieg zwischen den Staaten und von der Notwendigkeit, die jeweilige Heimat selbst schützen zu müssen. Manche Volunteers wurden zu Guerillagruppen, welche die Sympathisanten der jeweils anderen Seite drangsalierten oder sogar ermordeten. Jetzt drohte sich der Konflikt zu verschärfen und alles blickte nach Washington, wo der republikanische Präsident Abraham Lincoln ins Weiße Haus eingezogen war. Seine Präsidentschaft galt für den Süden als untragbar, der inzwischen unverhohlen mit Abspaltung von der Republik drohte.
Wie sehr der drohende Konflikt die Herzen der Menschen berührte, das musste Matt Dunhill an seinem Freund Thomas Deggar feststellen. Obwohl sie nun schon viele Jahre gemeinsam dienten und ebenso lange befreundet waren, führten die Diskrepanzen zwischen Norden und Süden immer wieder zu Unmut und sogar Streitgesprächen zwischen den beiden.
Vielleicht war es Matt auf der langen Reise so auffällig geworden, weil er von seiner Frau Mary-Anne und seinem 12-jährigen Sohn Mark getrennt war. Vor allem Mary-Anne, die selbst aus dem Süden stammte, hatte stets eine beschwichtigende Wirkung auf Thomas ausgeübt. Doch die Familie nutzte die Dienstreise von Matt, um ein paar Wochen Urlaub bei Mary-Annes Vater John Jay Jones zu verbringen.
Vor vier Jahren waren die Freunde mit Robert E. Lees 2nd U.S.-Cavalry gegen die Comanchen geritten und hatten bei der Gelegenheit auch den heißblütigen Lieutenant J.E.B. Stuart kennengelernt. Stuart war ein fanatischer Gegner des roten Mannes und glühender Anhänger des Südens. Er hatte oft mit Thomas gesprochen und Matt fand, dass Stuart dabei keinen guten Einfluss ausgeübt hatte.
In und um Fort Winnebago herrschte reger Betrieb. Grund hierfür waren, neben den Truppen der drei Waffengattungen Infanterie, Artillerie und Kavallerie, vor allem die zahlreichen Händler, denn der Stützpunkt bildete einen wichtigen Knotenpunkt an den Wasserwegen des Fox und des Wisconsin River, zwischen den großen Seen und dem Mississippi.
Die Wache am Tor wies Matt und Thomas den Weg zur Kommandantur.
„Hast du dich eigentlich gefragt, warum wir ausgerechnet Freiwillige aus Iowa für unser Regiment übernehmen sollen?“, fragte Thomas, während sie zur Kommandantur trabten.
„Um unsere Verluste rasch auszugleichen“, antwortete Matt mechanisch.
„Bist du wirklich so naiv?“ Thomas lachte leise. „In unserem Regiment dienen Männer aus dem Norden und dem Süden. Die Leute aus Iowa sind alle aus dem Norden.“
„Worauf willst du hinaus?“ Matt ahnte es eigentlich schon.
„Die Regierung in Washington will die Unionstruppen mit zuverlässigen Nordstaatlern auffüllen.“
„Thomas, verdammt. Wir alle gehören zur Union und tragen ihr Blau.”
Sein Freund grinste. „Natürlich. Gar keine Frage.”
Matt war verärgert, da sein Freund es wieder einmal geschafft hatte, Missstimmung zwischen ihnen aufzubringen.
Sie erreichten das Gebäude, an dem ein Schild auf den kommandierenden Offizier hinwies. Es gab keinen Vorbau mit Veranda, lediglich einen kleinen Überbau des Eingangs und zwei Stufen, die zur offenen Tür des zweigeschossigen Hauses hinauf führten. Zwei Infanteristen hielten Wache und ein Dritter kam heraus und nahm die Zügel der Pferde entgegen, um die Tiere zu einem Stall zu bringen.
Hier oben auf dem Hügel blies ein steifer Wind. Die große Fahne der Union knatterte am Mast und Matt schlug die klammen Hände zusammen, als sie das Gebäude betraten.
In einem kleinen Vorraum saß ein Sergeant in der kurzen und gelb besetzten Dienstjacke der Kavallerie. An jeder Seite des steifen Stehkragens befand sich nur eine einzelne Litzenschlaufe, welche die Zugehörigkeit zu einer Freiwilligeneinheit auswies.
„Sergeant Koslov, Sir“, stellte der Mann sich vor, erhob sich und salutierte. „Was kann ich für Sie tun, Gentlemen?“
„Major Dunhill und Captain Deggar von der 2nd U.S.-Cavalry.“ Matt langte in die Innentasche seines langen Uniformrocks, der, im Gegensatz zu dem des Freundes, als Batallions-Dienstgrad zweireihig geknöpft war. Er zog das Dokument mit den Befehlen heraus und reichte es dem Unteroffizier. „Wir haben Order zwei Kompanien für unser Regiment zu übernehmen.“
Der Sergeant berührte die Befehle kurz, reichte sie aber sofort an Matt zurück. „Sie wollen zum Colonel, Sir?“
Matt nickte und der Sergeant ging zu einer geschlossenen Tür an der Rückseite des Raumes, klopfte an und öffnete. „Major Dunhill und Captain Deggar von der Zweiten, Sir.“
„Sollen reinkommen“, erwiderte eine sonore Altstimme.
Colonel Hillerman war Infanterist, wie Matt bedauernd feststellte. Er hatte immer wieder erlebt, dass Infanteristen es an Verständnis für die Bedürfnisse der Kavallerie fehlen ließen fehlen ließen, was sicherlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Hillerman war klein, schlank und glattrasiert, was eher ungewöhnlich war. Die Dienstvorschriften erlaubten das Tragen eines Bartes, sofern dieses „gefällig“ gestutzt und sauber geschnitten wurde. Die meisten Soldaten trugen Bart, vor allem jetzt im Winter, in dem diese Haartracht zum Wärmen des Gesichtes beitrug. Matt bevorzugte ein bescheidenes Dragonerbärtchen, während Thomas einen dicht gewachsenen Vollbart sein eigen nannte. Wenigstens gehörte Hillerman zu den regulären Truppen, was bedeutete, dass er einen Abschluss und das Patent der Offiziersakademie in West Point besaß. Matt hatte die Erfahrung gemacht, dass sich die militärische Kompetenz von Freiwilligen-Offizieren meist in beschaulichen Grenzen bewegte. Sie wurden meist nicht nach Fähigkeit ernannt, sondern nach Gefälligkeit oder kauften sich ihren Rang sogar.
Hillerman boten ihnen Platz und einen Kaffee, den eine Ordonnanz hereinbrachte, während er die Befehle studierte. „Zwei Kompanien der 1st Iowa Volunteer Cavalry, ja“, murmelte er und hob den Blick. „Sind noch nicht wirklich bereit, Gentlemen. Aber wie Ihre Befehle besagen, hat man wohl damit gerechnet. Wird noch zwei oder drei Wochen dauern, bis die Ausbildung abgeschlossen ist.“
Matt und Thomas warfen sich einen kurzen Blick zu. „Wir rechneten eigentlich damit …“
Hillerman hob die Hand und unterbrach Matt. „Gentlemen, an den Tatsachen ist nun einmal nichts zu ändern. Ich darf Ihnen versichern, dass viele Männer aus Iowa überhaupt nicht glücklich darüber sind, an die zweite Reguläre abgegeben zu werden. Sie haben sich unter anderen Voraussetzungen verpflichtet und es brauchte viel Überredungskunst, dass die meisten von ihnen im Dienst geblieben sind.“ Der Colonel lächelte sanft. „Sie sehen also, Gentlemen, dass heutzutage Pläne des Öfteren umgeworfen werden. Soldaten müssen sich nun einmal den Erfordernissen anpassen. Nun, bei der Gelegenheit … Die Zeit, bis Ihre beiden Kompanien abmarschbereit sind, werden Sie jedoch durchaus sinnvoll verbringen. Ein Versorgungstreck nach Duncan ist überfällig und es ist nicht sicher, ob er überhaupt durchgekommen ist. Ich beabsichtige daher einen neuen zusammenzustellen und mit einer Eskorte hinaus zu schicken. Es wäre gut, wenn diese Eskorte von zwei so erfahrenen Offizieren befehligt würde.“
„Sir, wir haben Befehl …“
Hillerman schien kein Problem damit zu haben, Matt ständig und sehr unhöflich zu unterbrechen. „Den ich hiermit ändere, Gentlemen. Das steht mir als Kommandant von Fort Winnebago und dieses Militärbereiches durchaus zu. Wenn es Sie beruhigt, kann ich allerdings über unsere Telegrafenverbindung im Hauptquartier nachfragen.“
Matt wusste, dass er Öl ins Feuer goss, als er nickte. „Ich bitte darum, Sir.“
Hillermans Augen verengten sich einen Moment, dann lächelte er. „Gut, ich werde das veranlassen. Wir dürften in zwei Stunden eine Antwort erhalten. Sie können die Zeit nutzen und sich ein wenig frisch machen und etwas zu sich nehmen. Sergeant Koslov wird Ihnen eine Ordonnanz zuweisen. Ich lasse Sie rufen, wenn ich die neuen Befehle für Sie habe.“
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