Ich sollte mit einem Stützapparat laufen, der meinem linken, gelähmten Bein mehr Sicherheit geben sollte; deshalb benötigte ich auch orthopädische Maßschuhe. Erstens musste der linke Schuh so geräumig sein, dass die Schiene mit hineinpasste, und zweitens musste dieser linke Schuh schon deutlich kürzer sein, weil das ganze linke Bein und auch der Fuß durch die Kinderlähmung im Wachstum zurückgeblieben waren. Die orthopädischen Maßschuhe sahen schrecklich aus, sie waren plump und rotbraun. Aber die Schuhe hätten auch dunkelbraun oder schwarz sein können, das hätte sie auch nicht schöner gemacht. Auf alten Familienfotos habe ich entdeckt, dass ich bei Sonntagsausflügen selten meine Schiene trug. Damals war es üblich, dass kleine Mädchen Kleider oder Röckchen und Bluse trugen. Beim Sonntagsspaziergang wäre der Stützapparat da sehr unschön aufgefallen.
Immer wieder musste ich zu Kontrolluntersuchungen ins Krankenhaus. Von 1951 bis 1964 fuhr ich fast immer mit meiner Mutter dahin, ab und zu auch mit meinem Vater. Wir mussten immer lange warten. Die Sessel, mit Binsen beflochten, waren viel zu hoch für mich. Ich kam mit meinen Füßen nicht auf den Fußboden. Kinderstühle gab es nicht.
Im Wartezimmer gab es Zeitungen und Broschüren, aber kein Spielzeug für Kinder das war damals in Krankenhäusern oder Arztpraxen nicht üblich. Wurden wir endlich zur Untersuchung aufgerufen, wurde ich ausgezogen und musste vor den Ärzten zeigen, wie ich laufen konnte. Immer fassten sie meine Beine an, und das tat oft sehr weh. Außerdem musste ich zeigen, wie stark ich war, das heißt gegen den Widerstand des Arztes meine Beine bewegen.
An einem Wintertag fuhr ich mit meiner Mutter ins Krankenhaus. Es war kalt, und wir fuhren mit dem Zug von dem Dorf, in dem wir wohnten, in die nächste Kleinstadt, dann mit Bahn oder Bus in die Großstadt und dann mit der Straßenbahn zum Krankenhaus. Als wir aus der Straßenbahn ausstiegen, waren Schnee und Eis auf der Straße und auf dem Gehweg. Ich rutschte aus und fiel hin, obwohl ich an der Hand meiner Mutter war. Und dachte: Papa hätte mich festhalten können. Ich hatte diese Untersuchung vor mir, fühlte mich ängstlich und unbehaglich und wurde von meiner Mutter begleitet, die ich gerade als nicht zuverlässig erlebt hatte. Meine Angst und meine Beklommenheit nahmen zu.
Die Behinderung und die Familie
Für meine Eltern war meine Erkrankung ein weiterer schwerer Schicksalsschlag, nachdem sie und ihre Familien durch die Vertreibung Heimat und Hab und Gut verloren hatten. 1950 bestand noch große Unsicherheit, wie sich die politische Lage entwickeln würde. Zu diesem Zeitpunkt hofften noch viele Flüchtlinge und Vertriebene, wieder in ihre Heimat in Schlesien, Pommern oder Ostpreußen zurückkehren zu können. Sie waren in den Dörfern fremden Familien zugewiesen worden. Das bedeutete für alle, zusammenrücken zu müssen. Die Flüchtlinge, die nichts hatten außer dem, was sie auf dem Leibe trugen, und die Familien, die durch die Bombenangriffe einen großen Teil ihrer Habe verloren hatten, mussten miteinander zurechtkommen. „Flüchtling“ war damals ein Schimpfwort. Das war für alle unbequem und für manche Einheimische auch beängstigend, weil sie Fremde in ihren Häusern aufzunehmen hatten, die größtenteils andere Mundarten sprachen als sie. In Schlesien war die schlesische Mundart gepflegt worden, hier in Niedersachsen wurde viel Plattdeutsch gesprochen – das bedeutete, dass nur mit viel gutem Willen Verständigung möglich war.
In der Hitlerzeit waren Behinderungen ein schlimmer Makel und oft geradezu gefährlich. Denn nicht nur geistig Behinderte wurden aufgrund des Euthanasie-Programms umgebracht und so aus der Gesellschaft beseitigt. Der Satz „Mens sana in corpore sano“ (gesunder Geist in gesundem Körper) war noch allen bekannt. Die Ursache einer Behinderung ist selten zu sehen. Meine Eltern lebten in einer Umgebung, in der sie sich nicht geliebt oder getragen fühlten und die ihnen zeitweise sogar deutlich machte, dass sie lästig waren. Sie waren noch damit beschäftigt, ihren Hausrat und die notwendigen Möbel anzuschaffen, und jetzt hatte ein Kind eine lebensbedrohliche Krankheit, die zusätzliche finanzielle Belastungen mit sich brachte. Die Spätfolgen waren nicht absehbar.
Im Alten Testament ist zu lesen, dass die Schuld der Väter – vermutlich sind die Mütter in diesem Falle mit einbezogen – bis in die dritte und vierte Generation verfolgt wird (Ex 34,7). Aber was hatten sie verbrochen? Andererseits wird im Neuen Testament berichtet, dass Jesus auf die Frage: Wer hat gesündigt, dass (...) dieser Mensch krank wurde? geantwortet: „Weder er noch seine Eltern!“ (Joh. 9,2 f.)
Meine Eltern waren sehr religiös und fanden durch ihren Glauben auch die Kraft, mit meiner Krankheit umzugehen. Aber für meine Mutter war es ihr ganzes Leben lang schwer, den Schicksalsschlag durch meiner Behinderung zu akzeptieren. Und völlig überfordert waren sie und mein Vater mit meinen Fragen, warum ich nicht schnell laufen durfte und die „blöde“ Schiene tragen oder zur Krankengymnastik gehen musste.
In unserem Dorf gab es einen Kindergarten. Nachdem ich sechs Monate vor meiner Einschulung auf der Wiese vor dem Kindergarten böse gefallen war, brauchte ich nicht mehr dorthin zu gehen. Ich ging nicht gern in den Kindergarten, dabei spielte ich mit Vergnügen mit anderen Kindern, aber die „Tanten“ (= Erzieherinnen) mochte ich nicht. Ich hatte damals am linken Bein einen Stützapparat, an dessen Seiten herausstehende Nieten angebracht waren, um Gurte in unterschiedlichen Positionen anbringen zu können. Eine solche Niete war beim Sturz in mein rechtes Schienbein gestoßen, was eine starke Blutung auslöste und den Erzieherinnen Angst machte. Inzwischen war mein linkes Bein im Wachstum noch mehr zurückgeblieben. Es war deutlich dünner als das rechte Bein, und der linke Fuß war kleiner als der rechte.
Irgendwie hatte ich selbst schuld an dem Sturz. Mir war immer wieder gesagt worden: „Lauf nicht so schnell!“ Ich wollte aber manchmal schnell laufen – wie die anderen Kinder auch. Von da an durfte ich zu Hause bleiben, worüber ich sehr froh war. Denn zu Hause waren meine kleineren Geschwister und meine Mutter. Die hatte zwar immer etwas zu tun, Kochen, Wäsche waschen oder aufhängen, oder Windeln zusammenlegen oder Wohnung putzen, aber sie war da. Und ich durfte ihr helfen. Ich konnte meinen kleinen Schwestern ihren Schnuller geben, wenn sie ihn verloren hatten, und durfte ihnen auch die Nuckelflasche geben und mit ihnen spielen. Außerdem war es zu Hause nicht so laut wie im Kindergarten.
Eine regelmäßige Beschäftigung unserer Mutter war es, Samstagnachmittag Kuchen zu backen. Oft gab es den berühmten schlesischen Streuselkuchen, während der Obsternte mit Äpfeln, Zwetschgen oder Beeren gefüllt. Dieser wunderbare Duft des Kuchens erfüllte bald die ganze Wohnung.
Noch mehr Spaß machte die Weihnachtsbäckerei. Unsere Mutter backte Berge von Plätzchen, da ihre Geschwister und unsere Großtanten auch großzügig damit bedacht wurden. Es war für sie selbstverständlich, von 6 kg Mehl Pfefferkuchenteig zu machen, dazu kamen noch Nüsse, Mandeln, Honig, Sirup, Zitronat und Orangeat. Außerdem wurde noch Spritzgebäck, Schwarz-Weiß-Gebäck, Haferflockenplätzchen, Kokosmakronen und Schneeflöckchen gebacken. Bei dieser Backerei konnten wir viel helfen. Die Plätzchen mussten ausgestochen, auf das Kuchenblech gelegt und später verziert werden – eine leckere Arbeit!
Wir Kinder waren um den Tisch verteilt, sahen Mama zu, wie sie den Teig knetete, und warteten auf eine Hefeteigkostprobe. Noch leckerer waren die Streusel- und Keksteigproben. Nach und nach durften wir auch helfen, die gebrühten Mandeln abzuziehen und zu hacken und die gewaschenen Rosinen zu kontrollieren und gegebenenfalls von den Stielansätzen zu befreiten. Dabei achtete Mama darauf, dass noch genug für den Kuchen übrig blieb. Wir naschten sehr gern, aber ich galt als die größte Naschkatze. Ich wusste, wo die Mokkabohnen zum Verzieren der Torten aufbewahrt wurden, und bediente mich gelegentlich an dieser Leckerei. Wollte meine Mutter nach Wochen oder Monaten die Mokkabohnen verwenden, war nur noch ein kleiner Rest übrig. Das gab regelmäßig Ärger!
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