Seine scharfen Augen gehen hin und her, so wie die Augen der Fremden hin und her gegangen sind, als die Fünf den Raum betraten. Viele Gesichter kennt er, doch er weiß nichts über den Menschen hinter dem Gesicht. Er schaut sie nicht an und spürt es bis unter die Haut, sie gaffen und tuscheln. Vielleicht fühlen sie sich gestört, vielleicht haben sie Angst, zum Tanzen aufgefordert zu werden.
Der Brigadier sitzt da, breitbeinig mit vorgestreckter Brust und hebt sein Glas zu einem Prost. Er sieht, wie die Augen von Silva und von Acásio erst zum Brigadier schielen, bevor die beiden den ersten Schluck aus dem Glas nehmen. Amadous Blick bleibt auf dem breiten Mund des Brigadiers haften, und er verharrt einen Moment auf der ledernen Geldbörse, die prall gefüllt den guten Lohn des Deutschen bezeugt. Die Partei hat den Brigadier zur Auszeichnung vorgeschlagen, zur Auszeichnung als «Aktivist der sozialistischen Arbeit». Seine Abteilung liefere die besten Ergebnisse und außerdem leiste der Brigadier eine hervorragende gesellschaftliche Arbeit in Sachen Völkerverständigung. Am Vorabend des 40.Jahrestages der DDR hat die Ehrung stattgefunden. Amadou sucht den Blick seines Freundes Eduardo. Er will wissen, was der denkt, wie der fühlt. Seine eigene Meinung steht fest, wie sie immer feststeht: Ekelhaft, dieser Brigadier. Ekelhaft dieses sich brüsten. Zur Brigade zählen nur Vertragsarbeiter, die ein ganz anderes Ziel vor Augen hatten, jetzt aber schuften müssen, bis die Norm geschafft ist.
Das alles könnte Amadou verschmerzen. Nur eine Tatsache versteht er nicht: Warum bekommen die Vertragsarbeiter den vereinbarten Lohn nicht voll ausbezahlt? Wer versichert ihnen, dass bei ihrer Rückkehr der Rest wirklich in Angola ausbezahlt wird. In seinem Land tobt der Krieg. Und wenn nicht der Krieg die Gelder verschlingt, wer garantiert ihm, dass er überhaupt heil nach Hause kommt?
Silva stößt ihn mit den Ellenbogen an und hebt grinsend sein Kinn zur Tanzfläche hinüber. Ja, sie sind appetitlich, diese hellhäutigen, kessen Mädchen, aber es ist ihm nicht nach einem Tanz zumute. Vorhin an der Tür vor dem Tanzsaal hatte er Worte gehört, die wie Bimbo klangen. Er weiß, was das bedeutet, und er hasst die Münder, aus denen solch Unrat quillt. Nein, das wolle er sich nicht antun, bei einer von denen abzublitzen.
Die Augen des Brigadiers verfolgen gierig die tanzenden Leiber. Lippen leckend erzählt er seinen Schützlingen pikante Einzelheiten von dieser oder jener «flotten Biene», die er schon vernascht habe. Manchmal streckt er sogar seinen Finger in jene Richtung, ohne dass ihm einfallen würde, aufzustehen und eines der Mädels zum Tanzboden zu führen. Stattdessen bestellt er ein Bier nach dem anderen.
»Was heißt flotte Biene und vernascht ?«, flüstert Amadou Eduardo zu, während er seine Lippen strafft, seinen Blick aber hinüber zu den Tanzenden schweifen lässt. Eduardo hebt die Schultern, doch Acásio dicht daneben hat die Worte des Brigadiers verstanden. Er stellt dieselbe Frage etwas lauter dem Brigadier. Das hätte er nicht tun sollen, nicht in diesem Moment und nicht dem Brigadier. Diese Mädchen seien wie Bienen, bellt der Brigadier laut über den Tisch, sie schwirrten von Blüte zu Blüte, naschten hier und da den süßen Nektar. Kein normal befruchteter Mann könne da …!
Er benutzt so viele Worte, auf die sich Amadou keinen Reim machen kann. Er gibt sich fortan auch keine Mühe mehr, sie zu verstehen. Irgendwie leidet er an diesem Abend. Es ist weniger die Hitze im schlecht belüfteten Saal, es ist mehr das hitzige Gerede dieses Gockels, das ihm zuwider ist. Seit dieser Stunde weiß er, nicht er ist der Aufschneider. Es ist der Brigadier. Warum, wenn er so begehrt ist, tanzt er nicht mit einer dieser Frauen? Warum klingen nur seine Worte so erregt, warum wetzt nur seine Zunge die Lippen wund, sein Hintern aber reibt sich auf dem schwitzigen Kunstleder feucht und der ganze Kerl schüttet jede Menge Bier und Wodka in sich hinein, die ihm die Kraft rauben und den Verstand trüben?
Amadous Lippe rutscht nach unten, was nicht nur in diesem Moment ein wenig dümmlich aussieht, so, als staune er mächtig. Zum ersten Mal lacht der Brigadier ihn an, zumindest dröhnt sein donnerndes Lachen der ebenso donnernden Musik entgegen und zwischen diesen Schallwellen sitzt Amadou. Die Heiterkeit des weißen Mannes mischt sich mit brennender Verachtung, die den Brigadier immer quält, solange Amadou in seiner Nähe ist. Neben diesem Paradiesvogel fühlt sich der Unscheinbare sonderbar schwächlich. Es macht ihn krank, wenn er ihn nur ansehen muss, jetzt, wo Amadou nicht in den stinkenden Arbeitsklamotten steckt. Wäre seine Haut nicht schwarz, die Mädchen würden Schlange stehen, es gäbe erbitterte Kämpfe der Rivalinnen um die Gunst dieses gut gebauten Mannes mit seinen kräftigen Schultern, dem knackigen Arsch und dem feurigen Blick. Selbst sein wippender Gang hebt ihn von allen heraus, wie würde er erst auffallen, wenn er tanzt?
»Geh tanzen«, schreit er über den Tisch, hebt sein volles Glas und trinkt es zur Hälfte leer, »wirst sehen, dann schwirren die Bienen wie wild um deinen Stempel!«
Stempel? Wieder ein Wort, das Amadou nicht versteht. Seine Freunde aber lachen über den Witz. Amadou lacht nicht, und er tanzt nicht, selbst nach vielen Aufforderungen nicht, selbst nach einer vom Brigadier ausgesetzten Prämie nicht.
Irgendwann steht er auf, den Blick des betrunkenen Brigadiers auf sich ziehend. Gekünstelt leicht mit federndem Schritt schreitet er davon, an der Tanzfläche vorbei durch die große gläserne Zwischentür zur Treppe, die hinunter zu den Toiletten führt. Doch er geht nicht hinunter, er tritt durch den Haupteingang nach draußen und schaut in den blanken, dunklen Himmel, einen Himmel wie zu Hause. Heute sieht er, wie sonst selten hier, auch ein paar Sterne. Sie sind anders geordnet als zu Hause und sie haben es schwer, gegen das Lichtermeer der Stadt zu strahlen. Sonst ist der Himmel hier meist verhangen, grau und trüb. Kein Wunder also, dass auch sein Gemüt verhangen ist, seit er hier lebt. Bei aller Verlockung — kein Wunder.
Die Luft ist kalt und doch auf angenehme Art erfrischend. Trotzdem er seine Nase hebt, fühlt er sich nicht befreit und nicht vergnügt und schon gar nicht mit sich einig und mit dieser Stadt und mit diesem Land und mit diesen Menschen. Dagegen helfen nicht die stabilen Häuser, die festen, sauberen Straßen und die gefüllten Läden. Auch nicht die pünktlich fahrenden, intakten Busse und Bahnen, die ihn in den ersten Monaten so fasziniert hatten. Jetzt braucht sein Herz etwas anderes. Seitdem er hier lebt, spürt er es, obwohl es ihm nicht sofort klar war, welche Art Sehnsucht es ist, die einen Mann am meisten quälen kann. Inzwischen weiß er es.
Er sehnt sich nach Mutter und Vater, nach Brüdern und Schwestern und nach avó , seiner Großmutter. Ach, wenn er doch wenigstens diese weiße Nsamba finden würde.
Drei Mädchen treten auf die Betonplatte vor dem Eingang. Sie kichern und schuppsen sich gegenseitig an. Er sieht die hellen Beine der Frauen, die die Mode bis weit über das Knie freigibt, ihre kleinen Brüste, die unter knappen Blusen stecken. Ihnen allen fehlt es an Fleisch auf der Rückseite. Er denkt an Esperanza, deren Hintern ihn so erregt hatte, bevor er von zu Hause weggegangen ist, weggegangen, um später einer Frau etwas bieten zu können — vielleicht einer Frau wie Esperanza. Der Gedanke an ihren drallen Körper, ihre stürmische Umklammerung, ihre ungeduldige Gier, seine Männlichkeit zu spüren …
Erst hatte ihr Drängen ihn erschreckt, doch wäre er nicht weggegangen, hätte sie das nie getan, niemals. Sie wollte ihn an sich binden, ihn für sich aufheben. Auf einmal weiß er, diese Mädchen da, diese bleichen, zerbrechlichen Körper sind es nicht wert, Esperanza zu vergessen. Schon einmal hatte er mit einer dieser Frauen sprechen wollen, im Kombinat. Schon einmal sah er, wie ihre Knochen durch die Haut zu schimmern schienen, wie ihre Augen ihn maßen, wie ihr Mund ihn belächelte. Ganz sicher hat sie ihn verhöhnt, als er endlich ging. Esperanza hingegen bewunderte ihn und hätte alles dafür geben, wäre er bei ihr geblieben. Seine Gedanken an die Stunde mit Esperanza in den Binsen am Bach hält er nicht aus. Seine Haut kräuselt sich, seine Manneskraft macht sich Platz. Jetzt ist es Zeit, die Treppe hinunter zu gehen, und er geht rasch, eine Hand tief in die Tasche seiner roten Hose vergraben.
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