»Nein. Aber wenn Du ‚Sie’ sagen, das ist Finte. Für Menschen hier wir sind nur Dreck. Zu Dreck man sagt nicht Sie.«
Sie schaut ihn an, zum ersten Mal wohl richtig. Das Gemisch aus Stolz, Trotz und Traurigkeit in seinen Augen hat etwas Erotisches, etwas, was nur ganz besonderen Männern eigen ist, Männer mit dunkler Hautfarbe und Männern, die das Leben aus der Bahn geworfen hat.
»Komm mit«, sagt sie. Ihre Blicke aus verkniffenen Augen wandern an ihm herab und wieder hinauf zu den blitzenden Augen im tiefschwarzen Gesicht. Irgendetwas beginnt aus ihm herauszutröpfeln. Sein Mut? Sein Lebensgeist? Wenn er doch jetzt einfach gehen könnte zu Eduardo und Silva. Er geht nicht, seine Gedanken sind hier bei der fremden Frau, die mit einer Stimme flüstert, weich und doch sehr bestimmt: »Na komm schon.«
»Wohin?«, flüstert auch er.
Sie legt einen Finger über ihre leicht verschmierten Lippen: »Ich dachte, du willst es.« Auf ihrem fleischigen Gesicht liegt ein Ausdruck von Belustigung, auf ihren weichen Lippen ein winziges Schmollen.
Sie verlassen das Café gemeinsam, sie gehen die Straße entlang. Er läuft neben ihr wie in Trance, kann nicht verstehen, was sie vorhat. Sie warten gemeinsam an einer Bushaltestelle und reden über belangloses Zeug, an das sich Amadou nach diesem Abend, nach dieser Nacht, nie wieder erinnern wird, zu unwichtig wird es für ihn sein. Nach dieser Nacht nimmt sein kleines Leben eine unverhoffte Wendung. Er war doch nur von der großen Hoffnung beseelt, weil ihn zu viel Heimweh für kurze Zeit aus der Bahn geworfen hat. Dieses Heimweh hat ihm die Bekanntschaft mit einer weißen Frau beschert. Das aber, was ihm heute Nacht geschehen sollte, hatte er in seinen kühnsten Träumen nicht erwartet. Nein, so kühn zu träumen hätte er niemals gewagt!
Zu denken war er nicht fähig. Zu wünschen, dass alles nur ein Traum sei, aus dem er erwachen könne und ihm nichts bliebe als die Erinnerung an diesen Traum, verbot er sich. Zu unverhofft war der Traum gekommen und zu überraschend war er ausgegangen.
Er hat Mühe, seine Mundwinkel ruhig zu halten, ohne genau zu wissen, warum sie so wild zucken und die Nasenflügel sich blähen, als er durch die Morgendämmerung den Weg zu Fuß geht, den er sonst mit seinen Freunden im Werksbus fährt.
»Es ist keine Schande«, murmelt er immer wieder.
Es ist noch zu früh für die Schicht, aber zu spät, noch bis zur Unterkunft zu fahren. Peinliche Fragen kann er jetzt nicht gebrauchen. Er wird ihnen sagen, ihm sei übel geworden und man habe ihn über Nacht auf der Bahnhofsmission behalten, bis es ihm besser ging. Ja, das wird er sagen. Das hat auch Oscare schon einmal gesagt, dieser Schakal.
»Es ist keine Schande«, macht er sich Mut, jetzt, wo der kalte Wind in die offene Jacke bläst, bis zur Haut durchdringt. Jetzt, wo er wieder nüchtern überlegen kann und die Dinge so sieht, wie sie sind; es ist keine Schande, denn es geschah nicht mit Nsamba, sondern mit Betty.
»Betty«, haucht er durch die zitternden Lippen. Seine Haut friert, doch in den Lenden brodelt es noch heiß, fast wie damals bei Esperanza.
Den ganzen Tag über kann er an nichts anderes als an Betty denken. Er fühlt sich zu unerwarteter Höhe erhoben. Seine Stunden vergehen wie Tage, die Tage wie Wochen. Immer wenn er bemüht ist, besonders aufmerksam seine Arbeit zu machen, irren seine Phantasien hinweg, weg zu ihr, weg zu diesem Zufall, den er ein Wunder nennt. Er schiebt Karren mit giftigem Granulat vor sich her und sieht Betty. Er beschickt ätzend stinkende Zentrifugen, heute macht ihm das nichts aus, er riecht nur Betty. So, wie er sich völlig verliert in der Erinnerung, macht es ihn ganz rasend, weil er manches Wort nicht kennt, das sie benutzt hatte. Er muss noch besser diese Sprache lernen. Gleich heute wird er sich darum kümmern.
Seine Gedanken an diese Nacht verlieren sich langsam in der gleichen Dunkelheit, in der alles geschehen war. Aber dieses Gesicht, das Gesicht seiner Schwester Nsamba, das auch bei Dämmerlicht auf Betty hört, das verfolgt ihn. Es flüstert mit ihm und es tobt wie wild. Es flüstert »Ricardo« - so zuckersüß; ach, was hätte Amadou für einen zuckersüßen Klang gehabt. Sie küsst ihn und sie beißt ihn, sie kneift ihn und sie kichert leise. Dann weint sie an seiner Brust. Warum hat sie geweint? Amadous Lippen straffen sich, die Lider zucken, dann ist es wieder da, das Bild, das er verdrängen wollte. Diese helle Haut, sogar im Dunkeln war sie noch hell. Ein dumpfes Gefühl drückt ihm die Kehle zu.
Wenn sie weint, weil der Mann, mit dem sie über die Tanzfläche gelaufen kam, ihr Mann ist, dann wird der mich lynchen.
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