»Ja. Wir machen neue Produktionslinie. Ich Ingenieur.«
»So?«
Amadou zuckt zusammen. Eines hatte er nicht bedacht. Sie könnte selbst im Kombinat arbeiten und bekäme den Schwindel ganz leicht heraus. Vielleicht muss er jetzt seine Hoffnung auf das Gefühl von Geschwisterliebe wieder begraben?
»Merde«, presst er lautlos in sich hinein. Dieses Wort kommt ihm am leichtesten von der Zunge. Amadou streckt seinen Kopf erhaben in ihre Richtung. Er ahnt, diesmal hat sie das Nachsehen, was das Verstehen betrifft. Sowie er sieht, dass ihre Augen sich weiten, wie ihr Mund sich spitzt, fasst er endlich Mut, auf den wahren Kern seiner Absicht zu kommen.
»Ich allein hier lebe, und aussehen wie meine Schwester Nsamba. Ich habe — wie sagt man — vergucken?«
»Verknallt«, lacht Bettina und sieht ihn an, wie ein Erwachsener auf ein Kind schaut. Danach ist auch ihre Sprache milder, angenehmer.
»Wollen Sie nichts bestellen?«
Sie gibt der Serviererin ein Zeichen und reicht Amadou provokant, aber mit breit gezogenen Lippen die Karte. Das ist schon mal ein gutes Zeichen, denkt Amadou. Noch kann er bei der Frau weder Widerwillen noch überschwängliche Freude erkennen. Nicht der kleinste Zweifel scheint sie zu befallen. Er bestellt einen Tee und redet so gut er kann über das Wetter, was dasjenige sei, das er am meisten hasse in diesem Land.
Die Unterhaltung fließt zäh. Zum Glück hat Bettina sich noch einen heißen Kaffee bestellt und so füllen sie die Pausen mit trinken und rühren. Für das, was er ihr gerne sagen würde, gibt es keine Worte. Er kennt keines. Keines das sie verstehen würde, sie ist ja nicht Nsamba. Nur ein einziger Satz geistert in seinem Kopf herum. Des Nachts hatte er Tausende Male gegen die kahle Zimmerdecke geraunt, bis er ihm flüssig und fehlerfrei von den Lippen rutschte. Doch für diesen Satz ist die Zeit noch nicht reif.
»Trinkt man im Kaffeeland lieber Tee?«, fragt sie mit eigenartig schläfrigem Blick.
Amadou, tief gebeugt über dem dampfenden Glas, schüttelt seinen Kopf, hält ihn schräg und schaut von unten zu ihr auf:
»Kaffeeland?« Er richtet sich auf, streckt sich locker. »Angola hat Krieg, man sagt, wegen Öl, wegen Diamanten. Nicht Kaffee. Reichtum ist auch Fluch. Bei uns für Menschen zu wenig bleibt über.«
Über diese Worte muss Betty ein wenig nachdenken. Vielleicht weil sie so fremd klingen. Vielleicht, weil sie mit dem anderen Typen, mit dieser Dampframme, nie über sein Land gesprochen hat. Nie. Warum eigentlich? Weil sie mit ihm fast nie spricht.
»Wenn ich Afrika höre, denke ich nur an Katastrophen, an Hitze und an Trockenheit. Und an die Wüste…«
Amadou lacht.
»In Angola es gibt nur kleines Stückchen Wüste, ein Stück Namib.«
»Ich kenne mich in der Geografie nicht aus, ich würde Angola auf der Landkarte nicht finden. Aber was ich von guten Freunden so höre …« Betty hebt eine Hand und dreht ihre Finger wie einen Fächer vor ihrer Tasse hin und her. »Ist es eigentlich wahr, das mit dem Lynchen?«
Amadou zögert. Er weiß nicht, was für gute Freunde sie hat, er weiß nur eines: Auf eine solche Frage antwortet man nicht, eine solche Frage ist verletzend. Doch er weiß auch, wenn er ihr das sagt, sieht er sie nie wieder.
»Es kommt vor«, stammelt er. »Manchmal es ist gerecht.«
»Ist der Tod gerecht?«
»Schreckt ab vor Bösem.«
»Jeder Tod, den Menschen andern Menschen aufzwingen, ist unwürdig.«
»DDR hatte lange Strafe von Tod.«
Betty reißt ihre Augen auf, kann nicht verstehen, ob er es wissen will, oder ob er sich dessen sicher ist. Von der Todesstrafe in der DDR hat sie noch nie etwas gehört.
»Ist kein Unterschied, ob Gesetz oder nicht Gesetz. Tod ist Tod. Mein Land nicht ist schlechter als Deutschland«, sagt er, während Bettys Gedanken der Bewegung des Löffels folgend in der Kaffeetasse rotieren. Er schweigt. Ist er zu weit gegangen? Klagen seine Worte an oder kann diese Frau erkennen, wie sehr er sein Land liebt?
Seine Augen werden feucht, die Bilder vor ihm verschwimmen. Das braune Laub an den Bäumen vor dem Haus formiert sich zu Wedeln, zu schönen grünen Palmenwedeln. Der heiße Wind treibt ihm den Schweiß auf die Stirn. Nsamba kommt atemlos gelaufen, nimmt ihn beim Arm und flüstert ihm zu: »Dein Antrag ist zurück. Komm, lies selbst.«
Das war ein glücklicher Tag und ebenso aufregend wie dieser.
»Sie haben Sehnsucht nach Ihrer Heimat, oder?«
Amadou fährt zusammen. Sie hat eine Hand auf seinen Arm gelegt, eine weiße Hand auf seiner dunklen Haut. Was bringt ihn nur so durcheinander? Jetzt lächelt sie sogar. Niemals würde er dieses Schütteln spüren, wenn ihn Nsamba berührt, niemals das Frösteln unter der Haut. Er würde Wärme spüren, Zufriedenheit und Ruhe. Alles das spürt er nicht und er hat Mühe zu begreifen, warum.
»Sie sind nicht besonders glücklich hier, oder?«
Immer dieses oder . Was bedeutet es? In den Büchern von Günther steht nirgendwo ein oder hinter einer Frage.
»In deutsches Buch ich habe gelesen, die Absicht, dass Mensch glücklich ist, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.«
Die Frau reißt ihren Kopf so heftig herum, dass die Haarkringel auf dem Hinterkopf wippen. Aus ihrem Mund, einem kindlich unschuldigen Mund, erfährt Amadou die ersten anerkennenden deutschen Worte. Er hatte von anderen gehört, dass es Deutsche gäbe, die nett und höflich zu seinesgleichen sind, aber gesehen mit eigenen Augen und gehört mit eigenen Ohren hatte er diese Nettigkeit noch nie. Mit einer Ausnahme —Günther.
»Sie sind mir ja einer«, kichert Betty. Es war das gleiche Kichern wie damals vor dem Schaufenster. Ihre Wangen glühen, ihre Augen blicken um einiges freundlicher, um einiges argloser, als sie schwärmt: »Ist das vielleicht Klasse. Das muss ich gleich morgen meiner Chefin unter die Nase reiben. Super, einfach super.«
Die Frau lacht, doch sie schaut dabei schon das dritte Mal auf ihre kleine, mit winzigen Zeigern versehene goldene Uhr. Zwischen den Worten über das Kreuz, das man mit den Chefs zu tragen habe, spürt man die Unruhe in ihr und bald drängt sie zum Aufbruch. Jeder zahlt für sich, auch wenn die Frau noch so zögert, Amadou bemerkte es gar nicht. Inzwischen wird ihm klar, es könnte das erste und das letzte Mal gewesen sein, dass er und sie gemeinsam...
Jetzt ist sie gekommen, die Zeit für seinen Satz.
»Ich fände es gut, wenn wir uns einmal wieder sehen.«
Die Frau stutzt. Sein Deutsch war beinahe korrekt. Sie streckt ihre Hand aus und lächelt seltsam schräg:
»Ich auch – Gute Nacht!«
»Wo?«
»Was wo?«
Immer wenn die Frau ihren verträumten Augen diesen eigentümlichen Ausdruck gibt, verscheucht sie seine Erinnerung an Nsamba.
»Wo wir sehen uns?«
Die schöne Frau tritt ganz dicht an ihn heran. Der Geruch von Moschus steigt in seine Nase, die Wärme ihrer Haut kitzelt die seine. Der Wimpernkranz ihrer schläfrigen Augen verengt sich zu einem winzigen Spalt, als sie flüstert:
»Das mit deiner Schwester war nur eine Finte?«
Amadou senkt seinen Kopf. Wie das Blut ihm in die Schläfen stürzt, darf sie nicht sehen, das Pochen muss er ignorieren. Je länger er sie anschaut, umso verwirrter dreht sich ein Wort in seinem Kopf: Finte. Verdammt, was ist eine Finte? Lüge war es jedenfalls nicht, aber was sie vermutlich meint, das war es auch nicht. Amadou gesteht sich kein noch so geringes Zeichen einer inneren Erregung ein, kein anderes als das gewöhnliche Zeichen seines Heimwehs und seines unbändigen Willens, wenigstens jemanden wie Nsamba in seiner Nähe zu wissen. Zwar brodelt eine Unruhe in ihm, verschüttet in dem Wirrwarr nächtlicher Träume von Esperanza, das aber kann sie nicht sehen, nicht spüren, auch wenn sie noch so ihre müden Augen verdreht Nsamba hat immer wache, immer fragende Augen. Im Nu verblasst Nsamba an seiner Seite und das Heute schleicht sich ein in die unendlichen Abgründe seiner Zweifel, das Heute in Gestalt dieser Betty.
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