Allen Mut musste Eduard zusammennehmen. Was sollte er sagen? Was wollte er? In seinem Kopf dröhnte und rotierte es wie auf dem Rummelplatz. Die Knie wurden weich. Schweiß stand ihm auf der Stirn.
„Ich möchte Schneider werden, bitte! Nehmen sie vielleicht einen Lehrling auf?“ Jetzt war’s durchgestanden. Sein Wunsch hatte sich in Worte geformt. Er hatte das untrügliche Gefühl, das Richtige getan zu haben.
Eine kleine Ewigkeit verrann. Der Angesprochene unterbrach seine Arbeit. Legte sie sogar aus der Hand.
„So, so! Wer bist du denn? Wo kommst du her – und warum gerade Schneider?“
Warum nur? Er wusste es ja selbst nicht so genau. Es musste wohl sein. Ein innerer Zwang hatte ihn zu diesem Schritt getrieben. Da stand er. Zuckte unbeholfen mit den Schultern, stammelte trotzig:
„Schuhmacher werd ich jedenfalls nicht!“ Tränen überfluteten die Augen, drohten jeden Moment aus Platzmangel über die Ränder zu schwappen. Oh Gott, die Schande.
Die Blicke des Meisters durchbohrten ihn. In letzter Sekunde tat sich zu seiner Rettung die rückwärtige Türe auf. Da stand sie, einem Schutzengel gleich – die Meisterin, in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit. Ein Riesenweib. Der blonde Haarschopf als Gloriole. Ein rosiges, rundes Gesicht. Blaubeeräuglein hinter fülligen Pauspacken. Leichtfüßig tänzelte sie mit ihren zweihundert Pfund auf Eduard zu. Im nächsten Augenblick war er dem Erstickungstod nahe. Der üppige Busen, an den sie ihn mit mütterlicher Zärtlichkeit drückte, verstopfte ihm sämtliche Öffnungen. Sie hielt ihn in den Armen, machte keine Anstalten ihn je wieder los zu lassen. Sanft streichelte sie seinen Kopf und flüsterte gerührt:
„Na, na, mein Junge, nur nicht so bange. Ist doch gut das Schneiderhandwerk. Kannst als Lehrbub anfangen!“
Engelschöre schallten, Glocken klangen, Posaunen schmetterten Jubelfanfaren. War es Sauerstoffmangel? Waren es die lieblichen Worte, und wie die Meisterin sie sagte? Zärtlichkeiten jeder Art waren ihm fremd. Fassungslos stand Eduard da, erstaunt, verwirrt. Der Bann war gebrochen, die mündliche Vereinbarung perfekt, Wille und Eifer übermächtig, unschlagbar.
Strahlend, als Held, zog er von Dannen. Stolz schwang er sich auf seinen zweirädrigen Rappen, zog als Sieger heimwärts. Don Quichotte auf seiner Rosinante. Nun hieß es aber nicht gegen Windmühlen kämpfen. Ein viel härterer Gegner erwartete ihn, der Vater.
Je näher er dem Elternhaus kam, desto langsamer trat er in die Pedale. Die Schultern fielen schlapp nach vorn. Bittere Mutlosigkeit drückte ihn nieder. Auch die verflixten Tränen wollten nicht dort bleiben, wo sie hingehörten.
Ungesehen huschte er ins Haus. Flüchtete in seine Kammer unter dem Dach. Da saß er nun auf der Bettkante, stierte entgeistet die Holzdielen an. Kärglicher Lichtschimmer drang durch die Dreiecksluke.
Die Euphorie schlug in bodenlose Mutlosigkeit um. Beim Abendessen blieb ihm jeder Bissen im Hals stecken. Rasch verzog er sich wieder in seine bittere Einsamkeit.
Wie sag ich’s dem Vater? Wie nur, hämmerte es unaufhörlich in seinem Schädel. Im Gebälk krachte und knarrte es, als wollten tausend boshafte Geister ihn verhöhnen, verspotten. Verzweiflung pur.
Viel früher als gewöhnlich, erwachte er am nächsten Morgen. Die Sonne knallte ihre warmen Strahlen durch die kleine Dachöffnung, kitzelte an seiner Nase. Tollkühn sprang er aus den Federn, reckte und streckte sich wie ein junger Kater. Er fühlte sich fitt für die Schlacht, die es nun zu gewinnen galt. Bereit, allem Widerstand zu trotzen. Bereit, für seinen neuen Traum alles zu geben. Hurtig huschte er die schmale Treppe hinunter. Mutter stand am Herd wie jeden Morgen, um Frühstück für die hungrigen Mäuler zu bereiten.
Aus der elterlichen Schlafstube schlürfte in dicken Filzpantoffeln der Vater. Griesgrämig zog er an den Hosenträgern herum. Ein vergeblicher Versuch, das lange Nachthemd irgendwie in den schlabberigen Hosen unterzubringen, stopfte und schob er, brummte dabei ein schläfriges „Morjen“ in die kleine Runde. Überrascht blickte er zu Ed, der immer noch, gleich einem Gladiator, aufreizend und keck am Treppenabsatz stand.
„Na mien Jungen! Kas nich schloopen? Häs doch noch Tied!“
„Ne, Vader, vandage nich! Ik mutt di watt seggen“.
Da war es wieder, dieses Kratzen im Hals, die Furcht, das Unabänderliche in Worte zu formen. Mutig streifte er die strubbeligen Haarbüschel aus der Stirn, und sprach’s dann aus, klar und deutlich.
„Ik wer Schnieder! Heb ook all ne Lehrplass bi Brünings in Stadtlohn. An’n ersten September droff ik anfangen, is alles affemakt.“
Mit stockendem Atem fixierte der Junge sein Gegenüber. Keine Regung.
Gott Allmächtiger, steh mir bei!! Eds schlanke Finger krallten sich in das weiche Holz der Brüstung. Die Stirn wurde feucht, die Lippen zitterten unkontrolliert.
Sehr langsam rückte Vater den Stuhl näher zum Tisch, goss sich noch langsamer die bemalte Tasse mit Tee voll. Endlich, kaum merklich, eine Regung. Er drehte sich zu ihm um, hob den Kopf und lächelte.
Herr im Himmel, wann hatte ihn Vater das letzte Mal angelächelt? Unfassbar schien es, unbegreiflich. Ed hatte sich zum Kampf gerüstet – und jetzt!?
„Guod!“ hörte er klar die Worte des Gefürchteten.
„Wenn du dat so wiss, salt weärn! Mak mi aver kinne Schande. Up un af gifft nich!“, sagte es, und setzte gemächlich sein Frühstück fort.
Ein Jauchzer, dass die Kaffeetassen klirrten. Gefasst reichte er dem Vater die Hand. Ein Versprechen. Künftig wollte er wie ein Mann handeln. Fleißig, korrekt, ehrlich und strebsam. Er würde es schaffen. Keiner sollte je enttäuscht werden, der ihm sein Vertrauen schenkte. Er würde seinen Weg gehen, weiter, immer weiter, bis er sein Traumziel erreicht hätte. Wie weit das war, wusste er noch nicht, aber irgendwann würde er es wohl wissen.
Diese umwerfende Neuigkeit sollte als erste Lotte, seine beste Freundin erfahren. Safranfarbene Stoppellocken, die sich wie Spiralen in ihre Stirn ringelten. Zarte Brauen, die bei den kleinsten Problemen hoch zuckten. Flaum an Armen und Nacken. Härchen, die sich sträubten, wenn er sie berührte. Die aufkeimende Gänsehaut der Erregung, die ihren Körper überzog, wenn er sie liebevoll streichelte. Wenn er zögernd ihre Schenkel liebkoste, schwanden ihm fast die Sinne.
Der gute Ruf musste gewahrt werden! Das Geschwätz der Nachbarn. Einzige Möglichkeit, die Steinchenpost. Zäune überklettern, den Nachbarhund austricksen. Die letzte Rosenhecke. Ein paar Kratzer. Dornen in den Händen. Die Hosentaschen gefüllt mit passenden Steinchen, nicht zu groß und nicht zu klein. Lotte zeigte sich am Fenster, registrierte die kurzen Handzeichen. Wenig später standen sie sich im Schutz eines alten Ahornbaumes gegenüber. Ein idealer Platz um zärtliche Blicke auszutauschen. Ein zaghafter Kuss auf die rosigen Wangen, die noch rosiger wurden – Seeligkeit brauchte nicht mehr.
Eds Worte ratterten wie ein Maschinengewehr, trafen schmerzend das Mädchenherz. Der Freund phantasierte von seiner bevorstehenden Zukunft, pustete atemlos eine Salve nach der anderen auf das arme Ding nieder. Sprachlos, mit Tränen in den Augen stand sie da. Eduard blickte zuversichtlich und stolz, als wäre er bereits Christian Dior und Karl Lagerfeld in einer Person.
Endlich war der große Tag gekommen.
Schlaksig stand er nun zum zweiten Mal in der Werkstatt von Meister Brunig. Drei kritische Augenpaare musterten ihn. Die Begeisterung über den Neuankömmling schien sich in Grenzen zu halten. Zwei Gesellen saßen reichlich aufgeblasen an ihren Maschinen und grinsten. Ein Einjähriger stocherte verzweifelt an einem Hosenbein herum, als wär’s sein Feind. Er wagte kaum aufzuschauen, schwitzte gotterbärmlich. Der Meister wies dem Neuen seinen Platz hinter einem halbmondförmigen Tisch zu. Da saß er nun, in der besten Absicht, den Chef nicht zu enttäuschen.
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