„Erwarten sie mich am hinteren Ausgang. Eine schmale grün gestrichene Türe, nicht zu verfehlen. Ich kann ja später zu meinen Freunden stoßen, und wir haben etwas Zeit unser Wiedersehen zu genießen.“
Träume ich, oder hat sie sich tatsächlich mit mir verabredet , jubelte Eduards Herz. Den Rest der Modeschau erlebte er in melancholischer Trance.
Tess ließ ihr Herz nicht so leicht von der Leine. Die Risiken waren ihr stets voll bewusst. Konflikte glaubte sie schon vor langer Zeit aus der Welt geschafft zu haben. Stets dachte sie klar: hier die überschaubare Unabhängigkeit, dort das Risiko, sich zu verlieren, zu verlieben.
Sie war ein Supermodel, ein Star. Ihre Frisur, ihr Styling wurde meist sofort zum Trend. Ich habe es geschafft, aus der Anonymität auszubrechen. Kaum eine Karriere dauert lang genug um sich Namen und Gesicht tatsächlich einzuprägen, überlegte sie bisweilen mit einem Hauch von Stolz.
Leidenschaftliche Flirts hatte man ihr angedichtet. Eine bestechende Affäre mit einem amerikanischen Milliardär. Auf seiner Yacht wollte man sie in Gesellschaft illustrer Gäste, Prinzen und anderer potenter Fröhner des Dolcefarnientes gesehen haben. Ein herrlicher Stoff, um öde Zeitungsblätter zu füllen.
Tess kommentierte dies meist lakonisch- amüsiert: „Mein Leben ist wohl so langweilig, dass man mich ständig verkuppeln will.“ Ihr prickelndes Lächeln hat die Reporter verwirrt, beinahe beschämt.
Als sie Eduard später gegenüberstand, hasste sie einen Augenblick lang die Unvorhersehbarkeit dieser Welt. Die Distanz, die tief empfundenes Glück vereitelte. Schon nach den ersten Sätzen konfrontierte sie ihn mit einer Tatsache, die ihm den Boden unter den Füssen wegzuziehen drohte.
„Ich werde in zwei Wochen heiraten. Mein künftiger Mann ist ein angesehner Chirurg, den ich bereits seit über einem Jahr kenne.“ Die Berichterstattung eines Reporters, dem der Sprachschatz abhanden gekommen war. Ohne Schnörkel, scheinbar ohne Gemütsbewegung. Eine Schutzvorrichtung, die den Traummann von vornherein daran hindern sollte, ihr seine Gefühle leidenschaftlich darzulegen, sie in eine seelenschwere Abhängigkeit hineinzumanövrieren. Sie hasste sich für die Sätze, die sie ihm nüchtern an den Kopf warf, hasste die verfahrene Situation, in die sie geschlittert war, aus der auszubrechen es nun zu spät war.
Um der Hoffnungslosigkeit die Krone aufzusetzen stammelte Eduard, er hätte vor wenigen Tagen erfahren, dass er Vater würde, und das Mädchen mit Sicherheit heiraten werde. Aus moralischen Gründen.
Ungläubig starrten sie einander an. Ihre Hände verkrampften sich, als wollten sie sich für immer festhalten. Dennoch fühlten beide, dass sich zwischen ihnen eine unüberbrückbare Kluft auftat, in die sie in unbewusster Verzweiflung stürzten.
Zwei Zeitebenen, die verschmolzen. Zwei Paare, ein Sehnen, dem nun auf unterschiedliche Weise nachgegeben werden musste. Die Natur des Verlangens, die überwältigende Intensität der Begierde – und dennoch schreckten beide davor zurück.
Romantische Schönheit, ein Ventil für rückhaltslose Emotionen, denen sich beide in ihrer abgeklärten Modernität nicht ausliefern wollten. Denn selbst wenn Körperlichkeit und Sexualität längst aller Schamhaftigkeit beraubt sind, das Herz bleibt scheu. So fanden sich zwei Seelen, wussten, dass sie für einander bestimmt waren, und ließen zu, sich wieder zu verlieren.
Ein Kuss der mehr sagte, als tausend Worte. Empfindungen die verwirrten, warnten, forderten gelebt zu werden, versanken im Morast der Konventionen. Verzweifelte Moral siegte über zwei Herzen. Ein Feuer war entfacht, ein Waldbrand loderte, drohte zwei vor Liebe verglühende Menschen zu verzehren.
Stundenlang irrte Eduard mit aufgewühltem Herzen durch Wien. Es hatte zu regnen begonnen. Er spürte nichts. Das Gespräch mit Theresa Hofer hatte ihn verwirrt, mutlos gemacht, in tiefe Unzufriedenheit gestürzt. Grausames, erbarmungsloses Schicksal!
Sie hatten sich verzweifelt umarmt, sich lautlos ihre Liebe geschworen und waren mit gesenkten Köpfen auseinander gegangen. Beide hatten das Gefühl, ihr Lebensglück in diesem Moment für immer verloren zu haben.
Eduard wälzte sich schlaflos in seinem Bett, flehte Albert an, ihn in Ruhe zu lassen, als dieser volltrunken durch die Wohnung stürmte. Tränen der Ratlosigkeit, Hilflosigkeit. Resignation pur. Er versuchte krampfhaft an andere Dinge zu denken.
Bilder aus seiner Kindheit, Jugenderlebnisse drängten sich auf, lenkten ab, trösteten. Wachträume übermannten ihn.
Die Behrings waren eine gut bürgerliche Familie. Rechtschaffene Menschen, die Gott dankten für Gesundheit und ihr täglich Brot.
Der Friede sollte nicht lange währen. Ein größenwahnsinniger Unhold hatte sich aus dem Volk erhoben, vermochte in seinem Wahn eine ganze Generation zu verhexen. Adolf Hitler.
All das mühevolle, mit dem Fleiß vieler Jahre von der Familie Erarbeitete, Geschaffte, war bei einem einzigen Bombenangriff, in wenigen Augenblicken zu Nichte gemacht. Unzählige Familien standen vor den Trümmern ihrer Existenz. Machtlos, die Hände zum Himmel erhoben.
Eine grauenvolle Zeit. Not und Verwüstung, Hunger und Ohnmacht. Sirenen, Nacht für Nacht. Teuflische Posaunen. Fanfaren der Vernichtung. Chöre der Verdammnis. Kinder plärrten, Hunde kläfften, Tiere stampften, rissen an Ketten, muhten, wieherten, blökten, schnauften hilflos. Vergeblich. Mensch und Tier verharrten angsterfüllt bis zum nächsten vernichtenden Schlag. Man wollte überleben. Manchen gelang es. Vielen nicht.
Wenig war’s, was die Menschen hatten, mit einander teilten. Sie flossen zusammen wie ein großer Strom, kämpften Seite an Seite ums Überleben. Männer, Frauen und Kinder räumten Schutt aus den Ruinen, klopften ganz gebliebene Ziegel vom Mörtel frei. Sie türmten Hölzer, Eisen, Steine zu Haufen, bauten im Geist schon wieder neue Häuser, die schöner und besser werden sollten, als die alten.
21. März l945. Eduard war knapp neun. Der Vernichtungsschlag. Frauen und Kinder versuchten das nahe gelegene Gehöft zu erreichen. Ein Unterschlupf für Heimatlose. Ohrenbetäubendes Dröhnen und Schwirren. Mütter hielten vor Schreck erstarrt inne. Die Kleinen stolperten weiter, die Hände an die Ohren gepresst, die Köpfchen in die Schultern gezogen.
Plötzlich stand da Gritt, Eduards Schwester. Den Umhang aus rauem Loden weit ausgebreitet. Gleich einer Madonnenstatue, verwehrte sie der heranstürmenden Kinderschar das Weitergehen, beschwor sie, sich auf den Boden zu werfen. Mit letzter Kraft fiel sie auf die Knie. Inbrünstig, überirdisch und demutsvoll zu gleich, verharrte sie im Gebet.
Ein gleißender Lichtkegel blendete. Eine gewaltige Detonation. Die Erde platze auf. Ein Hagel von Erdreich und Steinen. Finsternis.
Gritt kniete immer noch an der gleichen Stelle. Bewegungslos. Unerschütterlich.
Vor ihr, ein riesiger Bombentrichter. Die wenigen da draußen hatten überlebt. Hinter ihnen, in dem kleinen Städtchen spielte sich fast gleichzeitig ein Albtraum ab.
Die prächtige Pfarrkirche pulverisierte, stürzte zusammen wie ein Kartenhaus. Fast tausend Jahre hatte sie da gestanden, den Widersachern getrotzt. Nicht jedes Mal erfolgreich. Allen feindlichen Wirren zum Trotz hielt das monumentale Bauwerk dennoch stand, und jetzt? Innerhalb weniger Augenblicke, ausgelöscht, verschwunden. Ebenso das Spital, der Kindergarten und viele stattliche Bürgerhäuser. Weinen und Wehklagen allerorts. Menschen hatten das Liebste verloren, auf dieser verdammten Welt. Andere bangten um ein Fünkchen Leben, das in einem schwer verletzten Freund flackerte.
Hoffnungslos, entwurzelt, seelisch zerrüttet standen auch die Behrings vor den Trümmern ihrer Existenz. Doch in tiefer Gläubigkeit wussten sie, dass ihnen das kostbarste geblieben war. Ihre Kinder. Ihr Leben.
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