Wie würden die Damen reagieren, wenn er sich an diesem Samstag nicht blicken ließe. Im Geist hörte Eduard die bösartigen Bemerkungen der künftigen Schwiegermutter, sah die Tränen seiner Krista, kämpfte mit seinem schlechten Gewissen. Dennoch, zu dieser Modeschau im Auersperg musste er. Unbedingt.
Albert und Eduard durchquerten das Foyer des bezaubernden Auersperg – Palais. Ein kleines Juwel in mitten der mausgrauen Häuser Wiens. Eine wunderbare Luxuswelt. Riesige Spiegel reflektierten das Licht üppiger Kronleuchter. Dicke Teppiche verschluckten das Klappern der nadeldünnen Bleistiftabsätze illustrer Damen, die diskreten Komplimente eleganter Herren.
„Da trifft sich heute wohl die Crème de la Crème“, säuselte Albert begeistert, „genau der richtige Ort für uns!“ Größenwahnsinnig wie immer , dachte Ed. Im Augenblick empfand er eher Unbehagen.
Livrierte Diener reichten auf silbernen Tabletts Champagner. Albert griff sofort zu, leerte das prickelnde Nass in einem reichlich unvornehmen Zug bis zur Neige, langte sofort nach einem zweiten. Indigniertes Rümpfen der dienernden Knollnase.
„Na wenigstens lassen die uns nicht verdursten. Hoffentlich ist das Buffet auch so delikat ausgerichtet.“
„Reiß dich zusammen, du blamierst ja die ganze Innung“, flüsterte Ed verlegen.
„Kennt uns ja eh keiner, oder glaubst du die feinen Pinkel machen es anders. Schau dich um, jeder schlürft, um nicht zu sagen säuft, was das Zeug hält. Ist doch immer so, wenn’s was umsonst gibt. Außerdem kosten die Karten eine ganze Stange Geld, da muss so ein Tröpferl Champagner schon drin sein.“
Resigniert stellte Eduard sein Glas ab. Riesige Flügeltüren öffneten sich feierlich. Die Gäste wurden gebeten, einzutreten.
Der Laufsteg. Ein weinroter Teppich. Rundum kostbare Rokokostühle, mit malvenfarbenem Damast tapeziert. Die Gäste drängelten sich um die besten Plätze.
„Geh nur, ich halte mich lieber im Hintergrund. Außerdem kann man die Modelle im Stehen besser bewundern, als im sitzen. Mich interessieren ja nicht Schuhe und Nylons der Mannequins.“
„Na wenn du meinst, wir sehen uns dann beim Buffet“. Albert schwirrte ab.
Monsieur Adelmüller eröffnete das glamouröse Fest mit charmanten Worten. Sie sollten die Herren der Schöpfung daran erinnern, etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Eines, oder auch mehre der wunderbaren Modelle zu ordern. Ein reger Wettstreit der Geschlechter. Kein Mann würde sich lumpen lassen, keine Frau würde einer Rivalin gerade dieses, oder auch ein anderes prächtiges Stück gönnen.
Models von ausgesuchter Schönheit, blond und brünett, kurz geschnittenem und langem Haar, makellosen Körperformen, tänzelten in wunderbaren Roben aus Samt, Chiffon und Seide, Kostümen aus Kaschmir und Bouclé, in streng geschnittenem Nadelstreif über den roten Teppich, genossen die verzückten Ausrufe der Zuschauer.
Nach etwa zehn Minuten. Der freudigste Schock in Eds Leben. Weiche Knie. Das Herz schlug bis zum Hals. In seinem Kopf plötzlich nichts als Watte.
Die unbekannte Traumfrau, die ihm am Bahnhof in Innsbruck vor drei Jahren beinahe um den Verstand gebracht hatte, nächtelang in seinen Träumen gegenwärtig war, erschien auf der Bildfläche. Hinreißend, und noch hundert Mal schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Gebannt starrte er auf das wunderbare Wesen, verfolgte jede ihrer Wendungen, ihrer Schritte mit Verzückung, konnte sein unwahrscheinliches Glück kaum fassen.
Theresa Hofer gab sich verwegen, sehr verführerisch. Ein Ausdruck, der durch langes Training perfekt saß. Überraschungsmomente, seien sie nun glückshoch oder leidenstief, verwunderten nie. Ihre satten, mikroskopisch präzise gesetzten Pointen, ihre warmen, leuchtenden Bewegungen, dieses bestechende Gefühl für Tempo und Gelassenheit ihrer Schritte, ließen die Täuschung wirksam werden, dahinter stünde keinerlei Mühe und Anstrengung. Die Wonne der Bewunderung, die sie auslöste, steigerte sich bei ihren graziösen und dennoch exakten Drehungen und Schwüngen bis zu gebanntem Stillstand, zu angespannter Atemlosigkeit. Sie faszinierte das Publikum, machte es zu einem kongenialen, leidenschaftlichen Partner, der Verehrung und Beifall zollte.
Eduard war wie versteinert. Geschockt. Er schaffte es einfach nicht, die Hände zum Applaus zu heben. Unverwandt starrte er das himmlische Geschöpf an, und sah sie noch vor sich, als sie bereits wieder in den Kulissen verschwunden war. Er fieberte ihrem nächsten Auftritt entgegen.
Schenk mir nur einen einzigen Blick. Erkennst du mich wieder, holder Engel! Seine Phantasie schlug Kapriolen. Er musste sie wenigsten einen Moment lang sprechen, sie womöglich zu einem Treffen überreden.
Bereits in den 20er- und 30er- Jahren fertigten Chanel, Mainbocher und Molyneux aus dem Stoff, aus dem die Träume sind, Satin, Haute- Couture Abendkleider für Sterne und Sternchen der Film- und Modebranche. Dieses wunderbare Material wurde mit geradezu frappierender Regelmäßigkeit im zehn oder zwanzig Jahresrhythmus zum heiß begehrten Trend der Saison. Models im Rita Hayworthlook mit wallendem Blondhaar und beklemmend offenen Dekolletés tänzelten an Eds Augen vorüber. Sexy in Black, sprang es ihm ins Gedächtnis. Er lächelte, dachte wissend an „Gilda“, beim Handschuhstrip, war begeistert.
Das nächste Modell in Perlgrau, mit großer, einseitig über der rechten Schulter geraffter Schleife und wallendem Wasserfall, glockig über der hautengen Silhouette drapiert, verschlug ihm vollends den Atem.
„Diese himmlische Frau“, stöhnte er hingerissen.
In der Pause schwirrte er eher waghalsig als siegessicher zu den Garderoben, versuchte seine Fata Morgana zu erspähen. Sein charmantestes Lächeln, um nicht schwungvoll an seinen Platz zurückbefördert zu werden.
Jetzt stand sie vor ihm, in einen blassblauen Seidenmantel gehüllt, die Haare aufgesteckt, mit einem silbernen Kamm zusammengehalten - und lächelte. Ein blitzartiges, erstaunlich schnelles Geschehen, in dem sich innerhalb von Sekunden eine Beziehungsstruktur bildete, die ihr Schicksal bestimmte.
„Wir kennen uns, sagen sie rasch woher? Ich muss gleich wieder in die Umkleide.“
Ein erster bewusster Blick, ein kurzes Lächeln, ein bedeutungsvoller Augenaufschlag. Sekunden später stammelte Eduard, immer noch geblendet von ihrem meteorenhaften Aufstieg, verwirrt, atemlos gekeuchte Sätze, als hätte er eben einen Dreitausender erklommen.
„Innsbruck, vor drei Jahren. Sie sind mir damals davongefahren. Wie oft habe ich nach ihnen gesucht. Ich konnte sie einfach nicht vergessen. Und Heute dieser Glücksfall.“ Das Leuchten in ihren Augen bestätigte ihm, dass sie sich genau an die Situation erinnerte. Wenn zwischen zwei Menschen der Funke der Liebe überspringt, ist jede Unterhaltung zweitrangig – dient nur noch der Verlängerung dieses magischen Augenblicks.
Tess hatte sich schneller gefasst und strahlte ihm entgegen: „Wenn sie Lust haben, kommen sie anschließend mit uns in den Rathauskeller. Wir feiern dort noch ein wenig nach“.
„Kann ich nicht wenigsten zehn Minuten mit ihnen alleine sprechen. Ich möchte ihren Namen wissen, wie sie leben, einfach alles. Aber das geht weder hier zwischen Tür und Angel, noch im Trubel so vieler Menschen. Bitte, lassen sie mich ihnen heute nicht wieder vergeblich nachschauen. Ein zweites Mal würde ich es nicht überleben“, schmachtete Eduard.
„Gekonnt Burgtheaterreife Leistung, junger Mann“, grinste Theresa geschmeichelt. In eine längst vergangene Zeit zurückversetzt, fühlte sie sich glücklich wie damals, vor langer Zeit.
Ihr war es kaum besser ergangen. Der Besuch bei Großmama in der Schweiz war von sehnsüchtigen Gedanken durchwoben. Jetzt war da ein seltsames Prickeln am ganzen Körper. Ein einziger Wunsch, ihm ganz nahe zu sein. Liebe auf den ersten Blick! Ihr privates Weltereignis. Einmalig. Wundervoll.
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