In einem der schmucken Steinhäuser herrschte geschäftiges Treiben. Eine geschnitzte Eichenholzpforte, eine große Auslage. Handgefertigte Schuhe, zum Verkauf angeboten. Große und kleine, für Damen und Herren, Arbeitsschuhe, Stiefel ebenso, wie hochglänzend aufpolierte Festtagsschuhe. Schuhmachermeister Behrings adrettes Anwesen.
Tante Anne, eine resolute Mittvierzigerin, wurde eiligst herbeigerufen. Eben wollte sie einen Zwiebelkuchen in die Röhre schieben, als Margret, die älteste Behringtochter, außer Puste angestürmt kam.
„Tante Anne, komm schnell, Mutter bekommt ihr Baby!“
„Gerade jetzt!“, ärgerte sie sich. „Schade um den schönen Zwiebelkuchen.“
Rasch nahm sie die geblumte Schürze ab, versperrte das Haus, schwang sich aufs blank gescheuerte Rad. Sie stählte ihr Nervenkostüm, in Gedanken an die schnatternde Kinderschar, die schwieriger zu bändigen war, als ein Sack Flöhe.
Alberne Streiche dieser Racker brachten Mutter Maria oft gehörig ins Schwitzen. Der große Haushalt, blitz blank gescheuert. Abfütterung der beiden Gesellen, des Lehrlings, des Meisters und der vier Unholde. Die geräumige Werkstatt wollte zusammengefegt sein, und der Verkauf von Vaters Schuhen sollte florieren. Die Tage wurden zu kurz, so manche Nacht geopfert, um wenigstens das Nötigste zu bewerkstelligen.
Heute allerdings war alles anders. Mutter Maria hatte Wichtigeres vor an diesem 2o. April 1936.
„Die Schmerzen sind unerträglich. Ich schaffe es kaum mehr.“ Immer wiederkehrende Wehen wurden zur Qual.
„Die Geburten der anderen Kinder habe ich kaum registriert“, keuchte sie ausgelaugt. Mit tränenumflortem Blick hielt sie die Hand der Hebamme.
„Seit den Mittagstunden quäle ich mich schon herum.“
„Der neue Erdenbürger ist eben hartnäckig“, lächelte die Hebamme. „Der sträubt sich vehement sein warmes, sicheres Domizil zu verlassen. Die Geborgenheit aufzugeben ist ja auch ein schwerwiegender Entschluss. Geduld Marie, Du schaffst das schon.“ Beruhigende Worte, die die greissende Frau ermutigen sollten.
Der Abend brach herein, die Vögel verstummten, das Kindergeschrei ebenfalls. Vater Behring hämmerte sich in der Werkstatt die Seele aus dem Leib. Er nagelte, presste und schliff, als gelte es einen Weltrekord aufzustellen. Das Stöhnen und Flennen seiner geliebten Marie folterte ihn. Sein armes Weib. Was habe ich dir angetan , klagte er sich an.
Der gottesfürchtige Mann, klein an Wuchs, schmalbrüstig, mit leicht gekrümmten Rücken von dem ewigen Sitzen an der Schusterahle, rieb sich den fast kahlen Schädel. Er hatte große Achtung vor seiner Frau, und einen tiefen Glauben. Er verehrte und schätzte seine Marie mit selten gezeigter Inbrunst, berührte sie aus diesem Grunde auch nur selten. Fromme Scheu hielt ihn zurück. Noch nie hatte er sie nackt gesehen. Hin und wieder tastete er verstohlen über ihren zarten Körper, küsste sie mit rührender Zurückhaltung. Wurde die Sehnsucht zu groß, hüpfte er aus dem warmen Bett in den mit kaltem Wasser gefüllten Waschzuber. Verweilte solange, bis er fröstelnd und scheppernd nur noch Sehnsucht nach der wärmenden Decke hatte.
Herrgott, verjag die gotteslästerlichen Geister, lass sie nicht sobald wiederkehren, betete er oft. Irgendwann war das Fleisch stärker als der Geist. Unbändiges Verlangen, stark, kraftvoll, männlich. Marie wurde wieder schwanger.
Behring war stolz auf die beiden Töchter, sieben und neun Jahre alt. Wohlgestalte Mädchen mit blonden Zöpfen, wachen, blau schimmernden Augen und einem lieblichen Lächeln auf den roten Kirschmunden. Wie seine Marie. Der ganze Vaterstolz galt jedoch seinen beiden Söhnen. Gottfried war zwölf. Eine tatkräftige Hilfe in der Werkstatt und im Geschäft. Heftige Diskussionen mit dem Pfarrer standen regelmäßig ins Haus. Gottfried sollte ein guter Hirte werden. Jan, das Nesthäkchen, ein blonder Lockenkopf und Faulpelz, würfelte die ganze Familie durcheinander. Die Stupsnase hoch zum Himmel gereckt, stolperte er über Stock und Stein, plapperte den lieben langen Tag ungereimtes Zeug, unterstrich lauthals die größte Dringlichkeit seiner Aktionen.
Verzweifelt blickte der Vater auf die große Standuhr.
„Heilige Jungfrau, was hast du mit uns vor?“ Erschöpft kniete er auf den rauen Holzdielen nieder, stammelte inbrünstige Gebete.
Ein gellender Schrei durchbrach die angespannte Stille. Die Uhr zeigte kurz vor Mitternacht. Ein neuer Mensch hatte das Licht der Welt erblickt. Ein Knabe, mit wohlgeformtem Körper und gesunden Gliedern. Zarter Flaum bedeckte sein ovales, hochrotes Köpfchen. Die langen Fingerchen und Zehen verrieten, er würde einmal ein großer, stattlicher Junge werden.
Marie hielt das Neugeborene glücklich in den Armen, liebkoste es mit zärtlichen Worten, weinte Tränen des Glücks. Ängstlich blickte sie nach der Uhr. Sieben Minuten vor Mitternacht. Zwanzigster April.
„Nein, nie und nimmer soll mein kleiner Sohn am zwanzigsten April Geburtstag haben, und womöglich auch noch Adolf heißen“, wimmerte sie kläglich.
Das NS- Regime war ihr verhasst, ebenso der Führer. Verwirrung und Gräueltaten, Verbote. Angst kroch in ihr hoch.
Mit steifer Schrift füllte die Hebamme die Geburtsurkunde aus. Sie sah den ängstlich flehenden Blick der Mutter, kannte die Gesinnung der Behrings, die der ihren glich. Mit großen Lettern schrieb sie:
GEBURTSSTUNDE: 21. APRIL 1936, 0 Uhr 11.
Strahlend zeigte sie das Dokument allen Anwesenden. Der kleine Erdenbürger zollte ihr mit heftigem Geschrei begeistert Beifall.
Erschöpft und überglücklich drückte Marie sich in die weichen Polster. Sie hatte einen Sohn geboren. Er würde ein Leben lang am einundzwanzigsten April sein Geburtstagsfest feiern. Gott möge in schützen.
Nun kannte Eduard seine Krista bereits mehr als sieben Monate, ging im Hause Kramer ein und aus, wann immer es seine Zeit erlaubte. Der ehrenwerten Familie wurde er stets mit Begeisterung als künftiger Schwiegersohn vorgestellt. Die anfängliche Schüchternheit seiner bezauberten Freundin wurde durch die tatkräftige Mithilfe der geschäftigen Frau Mama verscheucht.
Mama hatte seit kurzem verdächtig viel zu tun, wenn Eduard auf der Bildfläche erschien. Heimlich grinsend nahm er den wohlgemeinten Wink zur Kenntnis. So geschah, was da kommen musste. Die beiden jungen Leute gaben ihren natürlichen Liebestrieben bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit nach. Anfangs reichlich zaghaft, später mit hingebungsvoller Zärtlichkeit.
Eduard, als einigermaßen gewiefter Liebhaber, wusste wie er sich zu verhalten hatte, um nicht unnötige Probleme zu schaffen. Doch seine gekonnte Art, immer zur rechten Zeit beherrscht und bedacht die Liebensspiele zu unterbrechen, verletzten Krista. Planmäßig brach sie in Tränen aus.
Ihre Vorwürfe brachten ihn manchmal zur Raserei. Er wollte unbedingt sein Abendstudium beenden, um finanziell besser abgesichert zu sein.
„Immer denkst du nur an das blöde Geld. Wir schaffen das schon, wenn wir uns wirklich lieben.“
Eduard fand den Zeitpunkt absolut verfrüht. Verantwortung lag in all seinen Handlungen. Vor etwa zwei Monaten hatten die Tränen gesiegt. Eduard gab ihrem Drängen widerwillig nach. Ein nicht wieder gut zu machender Irrtum, wie er bald erkannte. Vor zwei Wochen strahlte Krista ihm die Glück bringende Hiobsbotschaft entgegen.
„Wir werden ein Baby bekommen, ach Ed, ich bin der glücklichste Mensch auf Gottes weiter Welt.“
Mama küsste und umarmte ihn. Gleichzeitig trompete sie ihm den Hochzeitstermin ins Ohr.
„Aus der Traum von der großen, weiten Welt, von unumschränkter Freiheit“, säuselte er verdrossen. Nun hieß es die Zähne zusammen beißen und durch. Eine Abtreibung wäre nicht einmal ansatzweise zur Debatte gestanden. Das Mädchen mit dem Kind sitzen zu lassen, ebenso wenig. Er musste sich seinem Schicksal fügen, den unvermeidlichen Schritt zum Traualtar wagen.
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