Stein um Stein wurde gesäubert, wieder zusammengefügt. Im Garten wurde Gemüse gepflanzt, Hasen und Hühner gehalten, die hungrigen Schnäbel gestopft. Beharrlichkeit, Fleiß, Sparsamkeit. Eine neue Schuhmacherwerkstatt, zwei Gesellen, ein Lehrling.
Die Kinder hatten bald Schrecken und Chaos vergessen, trieben wieder ihre Späße. Die Welt wurde heil. Wunden vernarbten.
Eduard und Jan waren zweifellos die Aktivsten. Max und Moritz Nachfolger , stand in der Vredener Stadtzeitung mit nageldicken Lettern. Sie machten ihrem Ruf alle Ehre. Die drohende Hand des Vaters vermochte nicht Einhalt zu gebieten.
Eines Tages, die große Entdeckung, in einem Schuppen. Ein Dreiradauto.
„Ein Goliath“, brüllte Jan begeistert. „Wir haben doch noch Malerfarbe.“ Schwerwiegende Überlegungen wurden angestellt. Die desolate Lackierung wurde erneuert. V 3 prangte am Rumpf des Vehikels.
„Hitlers Wunderrakete“, posaunten die Jungen triumphierend im Duett.
Eine abenteuerliche Reise durch holprige Gassen begann. Dann, ein mächtiges Gestrüpp. Staub, Krach, Scherben. Ein kurzer Aufschrei. Die Helden suchten flink das Weite. Fazit: Prügelstrafe, wie stets, nach vollbrachten Taten. Auf ihren Pobacken hatte sich bereits eine isolierende Hornschicht gebildet.
Getreu den großen Vorbildern, wurde alsbald der nächste Streich ausgeheckt. Man musste dem schlechten Ruf schließlich gerecht werden.
Rund um Vreden lagen Wälder, Sümpfe und saftige Weiden, sorgfältig mit Zäunen umschlossen. Gatter und Weidetore mussten unendlich oft geöffnet und wieder geschlossen werden. Auf ihren täglichen Streifzügen fanden Ed und Jan im angrenzenden Wäldchen Sprengladungen und Zündschnüre. Vergessene Relikte aus grausigen Kriegstagen. Eine Herausforderung, gewaltig, übermächtig.
„Lass uns wenigstens das erste Tor des Weidezauns sprengen. Nur einmal, ein einziges Mal, soll es so richtig knallen“, jauchzten die beiden Halunken. Jan wusste was zu tun war. Ed, der jüngere, gehorchte mustergültig.
Die Handgriffe saßen fix. Sprengkörper unter die Stützpfeiler. Zündschnur möglichst lang auslegen. Rasch in die Hosentasche gefasst, die unentbehrlichen Zünder herausgeholt. Zündholz reiben, Zündschnur anfachen – in Deckung gehen. Faszination pur. Das kleine Flämmchen. Der nahe Zaun.
Plötzlich ein unerwarteter Zwischenfall. Beschwingt holperte ein Drahtesel den Hügelpfad herunter, direkt auf das Versuchsobjekt zu. Eduard sprang beherzt aus seiner Deckung, brüllte aus Leibeskräften.
„Halt, halt! Stehen bleiben!“ Vergeblich. Tante Trine, Vaters älteste, und überaus gestrenge Schwester. Kinderlos. Mitleidslos. Gnadenlos.
Im letzten Moment erreichte Ed die Tante. Warf sie zu Boden und sich darüber. Ein lauter Knall. Holz flog, Erdreich, Steine, Dreck.
Tante Trines drohende Fratze sah Eduard heute in seinen Träumen ganz deutlich vor sich. Majestätisch war sie damals von dannen gehinkt. Die beschwörenden Bitten der Buben überhörend, dem Vater doch nichts zu sagen.
Verstohlen blickten die Beiden auf das gelungene Werk. Es hätte ja wirklich perfekt geklappt, wenn da nicht... Abends folgte der übliche Lohn. Wusste man. Die Versuchungen waren allesamt größer.
...und der Nächste folgt sogleich!
Turmglocken tönten. Ein friedlicher Sonntag im Spätherbst. Die Luft perlte. Eine matte Sonne spendete ausgiebig Wärme. Redliche Bürger rüsteten sich frohen Mutes zum Kirchgang. Die Damen manierlich herausgeputzt. Nicht nur zu Gottes Ehre. Die Herren, in dunklen Gehröcken, auf Hochglanz polierten Schuhen, Hut und Gehstock. Max und Moritz brüteten mit Feuereifer ein neues, ungelegtes Ei aus.
Mit Geschick löste Jan den riesigen Neufundländer des Nachbarn von der Kette. Die geklaute Wurst aus Mutters Küchenschrank war dabei äußerst hilfreich. Eduard betätigte sich inzwischen als akadämlicher Maler.
Auf früheren Streifzügen gesammelte Blechdosen wurden kunstvoll bekleckert, bis sie trieften. Schnüre an den dicken Schwanz des armen Viehs geknüpft. Die quatschigen Dosen festgezurrt.
Endlich! Die riesigen Holztore der Kirche öffneten sich. Die frommen Bürger strömten scharenweise auf den Hauptplatz, um zu sehen und gesehen zu werden.
„Jetzt“, dröhnte Jans Kommando. Der willfährige Eduard ließ den gereizten, zornig am Halsband zerrenden Hund los. Endlich frei, stürmte er unter lautem Gekläff über den belebten Platz, Hilfe suchend seinem Herrn entgegen. Die Dosen hüpften auf dem Kopfsteinpflaster. Je mehr Geschrei, je lauter der Lärm um ihn herum, umso verrückter gebärdete sich das Tier. Wunderschöne Kleckse an den dunklen Hosenbeine der Herren, an Röcken und Mäntel der Damen. Das Chaos war perfekt. Die Tat zufrieden stellend vollbracht. Alles bestens!
Die Prügel blieben diesmal aus – aus Mangel an Beweisen.
Die Zeit rollte dahin. Nichts Weltbewegendes geschah. Die Lausbubenstreiche wurden seltener, subtiler. Auch Prügel gab es nicht mehr so häufig.
Die großen Brüder hatten ihre Lehre in der väterlichen Werkstatt abgeschlossen. Der Älteste durfte nach intensiven Überredungskünsten des Pastors auf eine höhere Schule gehen, anschließend das Priesterseminar besuchen.
Die Mädchen lernten bei Mutter alles, was eine künftige Ehefrau können musste. Ihre Wünsche, ebenfalls eine Lehre zu machen, oder gar eine Fachschule zu besuchen, wurden mit einer oberflächlichen Handbewegung abgetan.
„Ihr heiratet doch sowieso, bekommt Kinder und habt mit Haushalt und Garten genug Arbeit. Wozu da noch Geld ausgeben.“ Enttäuschung und Widerspruchsgeist wurden im Keim erstickt. Kein Kommentar. Vater hatte vorgefasste Meinungen, an denen nicht zu rütteln war.
Eduards Erinnerungen drängten sich unaufhaltsam in sein liebeskrankes Hirn, trösteten, halfen ihm den Schmerz zu verdrängen.
Stundenlang saß er einst auf dem hohen Kirschbaum hinterm Haus, starrte in den Himmel. Dröhnte ein silberner Vogel hoch über seinen Kopf hinweg, machte sein Herz einen Luftsprung, das Blut begann zu wallen, die Sehnsucht wuchs. Seine Träume, Gedanken und Wünsche trugen ihn weit fort. Fernweh. Die Welt kennen lernen. Frei dahinfliegen.
Dicke Tränen. Geballte Fäuste. An der rauen Rinde des Stammes wund geschlagene Knöchel. Immer ruheloser und trotziger wurde er. Gleichzeitig aber auch reifer, selbstbewusster, entschlossener.
Schuhmacher werde ich bestimmt keiner, wie Vater es erwartete, und keine Widerrede duldete.
Beherzt stieg er eines Nachmittags auf seine Fize und radelte aus Leibeskräften, als gelte es die Tour de France zu gewinnen. Das nächste Städtchen, etwa fünfzehn Kilometer von zu Hause entfernt. Es glich fast aufs Haar seinem Heimatort und doch – es war anders.
Ausgepumpt setzte er sich an den Straßenrand, schaute durch verschwitzte Haarstränen in eine schraffierte Landschaft.
Da! Ein schmuckes Haus. Blumenkästen, grün gestrichene Fensterbänke, üppige Geranien in saftigem rot. Fast einen Meter hingen sie an der weißgetünchten Hausmauer herunter, baumelten bei jedem Luftzug, als wollten sie ihn einladen näher zu kommen. Ein gepflegter Vorgarten. Bäume und Büsche, adrett beschnitten, wie gezeichnet. Mit weißem Kies bestreute Wege bis hin zur Eingangstür. Magisch zog es ihn an, unaufhaltsam.
Schneidermeister Brunig , las er auf dem Holzschild. Das Märchen vom tapferen Schneiderlein kam ihm in den Sinn. Sieben auf einen Streich. Riesen, Kraft, Mut. Bäume ausreißen. Genau das wollte er, wenn auch im Augenblick nur Bonsais.
Eh er sich’s versah, stand er an der Eingangstür. Beherzt trat er ein, versuchte sehr erwachsen und laut zu grüßen. Ein gekrächztes „Guten Tag“, verließ die trockene Kehle, eher erahnt als gehört. Der Meister blickte kurz auf. Nach einem hingeworfenem „Na was gibt es junger Mann“, nähte er emsig weiter.
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