Wir gingen zur Tür, als mir Capitán Sabál wieder in den Sinn kam.
»Sagen Sie, kennen Sie vielleicht Capitán Sabál von der Guardia Civil ?«
»Sicher, wer kennt ihn nicht, diesen aufgeblasenen Kerl. Hat er Sie etwa am Tatort befragt?«
»Nein, das hat einer seiner Leute getan. Obwohl er auch.«, fiel mir ein. »Er hat mich kurz befragt, aber meine Antworten hat er ignoriert. Und mit seinen Untergebenen hat er ununterbrochen geflucht.«
»Er ist eben ein Choleriker.«
»Ich hatte auch den Eindruck, dass es ihm nicht passte, dass ich die Leichen gefunden hatte. Und er mag keine Touristen.«
»Der mag niemanden!«, entgegnete Pablo.
In diesem Augenblick stand ein mittelgrosser, kräftiger Mann mit lichtem, kurz geschnittenem, gelocktem Haar und langen, schmalen Koteletten in der Tür. Er sah älter aus als ich.
» ¿Quíen?« , fragte der sofort.
»Aahhh, Comisario, wir sprachen gerade über Capitán Sabál.«
» ¿Sobre ese cabrón?« , bemerkte er schlecht gelaunt, dass Capitán Sabál ein Arschloch sei.
Das war eine ziemlich ungehobelte Bemerkung. Nicht, dass mich so etwas in Spanien überrascht hätte, schließlich kannte ich diese Ausdrucksart, die mehr oder weniger gebräuchlich ist und nicht so gemeint ist, wie sie sich anhört. Allerdings hätte ich es von einem Comisario in einem Amtszimmer nicht erwartet. Ich schaute ihn an und fragte mich, ob er mein Schulkamerad aus alten Tagen sein konnte. Ich sah deutlich, wie peinlich es Pablo war. Den Comisario störte es dafür keineswegs.
»Comisario, das ist Señor Lessemaan «, sagte dann Pablo schnell. »Er hat die Leichen in der Höhle gefunden.«
» ¡Perdón!« Damit entschuldigte sich der Comisario gelassen. »Ich hab´ nicht gewusst, dass jemand in Pablos Büro ist.«
» ¡Buenos días! «, begrüßte er mich und gab mir die Hand.
» ¡Buenos días! «, erwiderte ich.
Wir sahen uns an und es entstand eine kleine Pause.
»Hier ist die Aussage von Señor Lessemaan «, sagte Pablo und reichte dem Comisario das Dokument.
Der Comisario saß entspannt hinter seinem Schreibtisch und las mit ernstem Gesicht meine Aussage durch. Ich saß ihm gegenüber auf einem Besucherstuhl und schaute mich in seinem Büro um. Es war mit alten braunen Holzmöbeln mäßig eingerichtet. Auf dem Schreibtisch lagen zwei schmale Akten, ein Notizbuch und ein Stift. Außer einem schlichten Telefon standen sonst keinerlei elektronische Geräte auf dem Tisch.
Da es sich um zwei Leichen handelte, rechnete ich mit einigen Fragen. Also beschloss ich, mein persönliches Anliegen später anzusprechen und ihn fragen, ob er vor vierzig Jahren in dieselbe Schule gegangen war.
»Sie haben also zufällig zwei Leichen gefunden«, sagte er lässig, lehnte sich in seinen Stuhl zurück, verschränkte dabei die Arme und sah mich misstrauisch an.
»Ja, richtig«, antwortete ich und fragte mich, was er mit einer derart gestellten Frage und einer solchen Gestik bezweckte.
»Kennen Sie die Toten?«, fragte er zu meiner völligen Überraschung.
»Nein!«, antwortete ich entsetzt. »Außerdem habe ich die …«
»Außerdem was?«, unterbrach er.
»Ich habe ihre Gesichter nicht sehen können. Ich habe nur gesehen, wie sie von mir weggedreht auf dem Boden lagen.«
» ¡Bien! «
»Außerdem kenne ich hier niemanden. Ich komme aus München, aus Deutschland.«
» ¡Bien! «, sagte er. »Was arbeiten Sie?«
Die Frage überraschte mich gänzlich.
»Ich?«, fragte ich erstaunt.
»Ja, Sie! Sonst ist doch hier keiner.«
»Nichts«, antwortete ich.
»Was heißt hier nichts?«
»Eben nichts. Ich bin Privatier.«
» ¡Comprendo! Sie kommen also aus Deutschland«, sagte er. »Wenn Sie also Privatier sind, dann sind sie privat hier.«
Mir schien diese Schlussfolgerung zwar etwas zu logisch, aber es war eine Gelegenheit, ihn nun zu fragen.
»Ich bin in Ribadés, um ehemalige Schulkameraden zu finden!«, sagte ich etwas aufgeregt und mit erhobener Stimme.
Dies schien ihm gar nicht zu passen, erst recht nicht in dem Ton.
»Und die suchten Sie in der Höhle?!«, sagte er noch lauter.
»Natürlich nicht. Die Höhle habe ich meiner Frau gezeigt. Ich kenne die Höhle schon aus meiner Kindheit.«
»Eben sagen Sie mir, dass Sie aus Deutschland kommen und nichts und niemanden kennen und auf einmal kennen Sie die Höhle«, sagte er aufbrausend, stand auf und stützte sich mit ausgestreckten Armen auf den Tisch ab. » Señor Lessemaan , Sie widersprechen sich!«
»Das habe ich so nicht gesagt.«, gab ich zurück. »Sie glauben doch nicht etwa, dass ich etwas mit den Leichen zu tun habe?«
»Um das herauszufinden, sitzen wir ja hier und ich habe sehr viel Zeit«, sagte er in einem ernsten Ton und sah mich dabei wieder misstrauisch an.
Ich fühlte mich jetzt von ihm angeklagt und wollte dem Ganzen ein Ende setzen.
»Ich werde es Ihnen jetzt erklären«, sagte ich ruhig.
»Bitteschön«, entgegnete er gönnerhaft.
»Ich bin vor zweiundfünfzig Jahren in Gijón geboren und …«
»Das steht in Ihrem Ausweis«, unterbrach er mich erneut.
Das Ganze ging mir zu weit und wir kamen zu keinem Ende. Ich stand auf und sah ihn ernsthaft an.
»Also gut! Ich bin nach Ribadés gekommen, um ehemalige Schulkameraden zu finden! Und du, Fernando, bist einer davon!«, sagte ich entschlossen und ohne Luft zu holen.
Der Comisario legte eine verblüffte Mimik auf. Er setzte sich allmählich wieder auf den Stuhl, lehnte sich zurück und verschränkte seine Arme. Dann zog er die Augenbrauen nach oben und spitzte die Lippen. Er war völlig überrascht und sah mich nachdenklich an.
» ¿Cómo? «, fragte er und sah mich ungläubig an.
»Ángel hat mir gesagt, dass du Comisario in Ribadés bist. Du kennst sicher Ángel Montés, euren Priester«, erklärte ich.
Er sah sich nochmals das Deckblatt des Aussageprotokolls an, auf dem meine persönlichen Daten notiert waren.
»Diego Lessemaan , geboren in Gijón. Diego, Diego, Diego«, wiederholte er mehrmals. »Ich glaube, ich kannte früher wirklich einen Diego mit deutschem Nachnamen. Und der ging auch mit mir zur Schule. Aber dann ist er verschwunden.«
Ich freute mich, dass er sich daran erinnerte und nickte ihm mit angespannter Mimik zu.
»Richtig! Vor vierzig Jahren bin ich nach Deutschland umgesiedelt! Ich habe an der Kirche gewohnt, neben dem Heladero , dem Eismann. Erinnerst du dich daran, wie wir damals den Waffelbruch von seinen selbst gemachten Eiswaffeln bekommen haben? Sein Sohn hat auch mit uns gespielt.«
Er schien noch nicht überzeugt zu sein, aber ich hörte geradezu, wie sich die Zahnräder in seinem Hirn immer schneller drehten. Dann schien ihm die Erleuchtung gekommen zu sein.
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