„Dann hast du ja alles befehlsgemäß ausgeführt? Sehr brav! Magst du ein Gummibärchen?“
Ich schob ihm die Tüte hin. „Du nimmst mich nie ernst“, maulte er.
„Nein, aber du bist schon okay. Ist die niedliche Schwarzhaarige überhaupt noch zu haben?“
„Hätte ich das fragen sollen? Das hast du mir nicht gesagt!“
„Ich dachte, das wüsstest du von selbst! Aber vielleicht ist es besser so – wenn du erstmal nett und harmlos wirken willst, musst du das ja auch nicht sofort wissen. Bevor du dich als Sexmonster outest, solltest du aber schon sicher gehen, dass sie nicht schon in festen Händen ist.“
„Sexmonster! Dass ihr Weiber immer so feindselig seid?“
„War doch bloß ein Witz! Du, herzlichen Glückwunsch und alles, aber ich muss jetzt da weitermachen, am Montag fangen wir doch mit dem Ladeneinbau an!“
„Klar – aber wir nicht, du und Lukas, ich darf aufs Telefon aufpassen.“
„Wieso das denn? Na, auch gut, dann kannst du Bekanntschaftsanzeigen lesen, soll ich dir welche mitbringen?“
„Das wird schon was Rechtes sein! Wieso, weiß ich auch nicht, vielleicht ist es kompliziert. Zeig ihm halt mal deine Entwürfe.“
„Gerne, wenn sie schon fertig wären – gewisse Leute halten mich ja dauernd von der Arbeit ab!“
Marc trollte sich, und ich rechnete weiter, bis ich endlich so weit war, dass ich den Zettelwust auf Lukas´ Schreibtisch knallen konnte. Er sah sich alles durch und brummte zustimmend. „Sieht doch tadellos aus. Mit den Messdaten ist das abgeglichen?“
„Mehrfach, ich bin doch keine Anfängerin. Material ist genug da. Buche mit Ökolackierung, Kordelgriffe, Glasplatten und Glastüren. Einen Feng-Shui-Fimmel hat die Tante aber nicht auch noch, oder?“
„Gesagt hat sie nichts, aber -“ Lukas sah mich ganz alarmiert an. „Glaubst du, sie kommt dann mit runden Ecken oder so was daher?“
„Weiß ich nicht, du hast mit ihr verhandelt. Sah sie so aus?“
„Weniger, eher normal. Naja, was heißt schon normal... ich ruf sie an, das klären wir doch besser vorher.“
Als er nach dem Hörer griff, verließ ich taktvoll sein Büro. Den hatte ich ja sauber erschreckt! Aber das war uns schon einmal passiert, da mussten wir ein perfekt berechnetes Eckschränkchen wieder ausbauen und einen anderen Platz finden, weil es an der alten Stelle den Energiefluss oder so behinderte oder in der Gefühlsecke stand oder was auch immer. Natürlich passte es an jeder anderen Stelle nur notdürftig, und das sah man dann auch.
Ich verstand ja nichts davon, und vielleicht war das auch der Schlüssel zum Lebensglück, aber konnten die Leute das nicht rechtzeitig sagen? Das war doch genauso bescheuert wie Wenn ich das so sehe, möchte ich doch lieber Nussbaum !
Ich saß schon wieder am Rechner und legte den Arbeitsplan mit exakter Zeitberechnung fest, als Lukas hereinschaute. „Alles klar, mit Feng Shui hat sie nichts am Hut, sagt sie. Wir können am Montag wie geplant loslegen, wenn ich ihr morgen die fertigen Entwürfe zeige. Wie lange brauchst du denn noch?“
„Hab´s gleich. Ach, nimm das Zeug mit, ich drucke es noch mal aus, für den Arbeitsplan. Kann ich dann gehen? Ich muss noch was bei meiner Mutter abholen.“
„Jaja, geh nur – und danke für den Feng-Shui-Hinweis, das wäre eine böse Überraschung geworden.“ Er versuchte ein Lächeln, aber das konnte er nicht, so viel hatte ich in den zwei Jahren schon gelernt: Wenn er lächelte, gelang ihm immer nur eine verkrampfte Grimasse, als verberge er seine wahren Gefühle. Armer Hund! Ich lächelte zurück, etwas herzlicher, hoffte ich. „Keine Ursache. Bis morgen dann!“
Mami nervte! Ich war gerade mal fünf Minuten da und schon so gut wie taub! Während ich in dem goldfarbenen Plüschsessel klemmte, in den sie mich genötigt hatte, umschwirrte sie mich pausenlos: „Magst du einen Kaffee? Oder doch lieber einen Tee? Obwohl, Koffein am Abend – ich hab da auch einen Kräutertee, oder Früchtetee, Waldbeeren oder Tropenmischung. Und die guten Kekse, die du so magst, du siehst ganz verhungert aus. Ja? Kekse?“
„Nein, danke. Mami, ich wollte weder was essen noch mich setzen, ich wollte lediglich die Theaterkarte abholen.“
„Immer hast du´s so eilig, hast du denn gar keine Zeit für deine einsame alte Mutter?“
„Och, Mami, jetzt drück hier nicht auf die Tränendrüse! Wieviele Abende in dieser Woche bist du einsam zu Hause? Aber ehrlich!“
Sie musste lachen. „Na gut. Montags war Bingo in der Kirche, am Dienstag war Bridge, gestern musste ich mich erholen – zuviel Sherry! – morgen wollte ich mit Herta ins Kino, im CineArt gibt es Miss Marple-Filme, am Samstag ist Sieglindes Silberhochzeit, und am Sonntag kommen Robbi und Paul zum Mittagessen. Es gibt Rheinischen Sauerbraten.“ Sie sah mich hinterlistig an und hatte schon gewonnen. „Rheinischen Sauerbraten...“ Allein die Worte zergingen mir auf der Zunge! „Okay, am Sonntag – um eins?“
Kaum hatte sie wieder Oberwasser, wurde sie frech: „Du bist voller Sägespäne! Und kannst du dich nicht mal etwas weiblicher anziehen? So ist es doch kein Wunder, dass dich keiner beachtet! Dabei bist du so ein hübsches Mädchen, du könntest - “
„Mami! Lass das, bitte. Ich bin kein Mädchen mehr, sondern eine Frau, ich komme direkt von der Arbeit, und wenn ich da im Blümchenkleid aufkreuze, glotzen mir die Kunden bloß unter den Rock. Findest du das gut?“
„Du musst doch immer das letzte Wort haben!“
Ich erhob mich. „Stimmt! Und damit das so bleibt, gehe ich besser, solange ich mir noch einen guten Abgang leisten kann. Danke für die Karte, Geld gibt´s am Sonntag.“
„Lass nur, Kind, die schenke ich dir!“ Sie drückte mir die Karte in die Hand.
„Danke schön – und das ist mein endgültig letztes Wort. Ciao!“
Ich verschwand, bevor sie mir die Szene ruinieren konnte – dieses Spiel spielten wir seit meinen Teeniejahren, aber damals war sie noch böse geworden, wenn ich immerzu Widerworte gegeben hatte.
Ich kam auf den letzten Drücker ins Theater, so dass ich gerade noch Zeit hatte, einen flüchtigen Blick nach rechts auf eine dunkle Hornbrille und eine etwas eigenartige Frisur zu werfen, bevor die Beleuchtung erlosch und sich, untermalt von einer misstönenden Fanfare, der Vorhang öffnete. Dass das Stück in der Theaterwerkstatt gespielt wurde, war zwar einerseits für mich eine Erleichterung gewesen – so genügten saubere dunkle Jeans, ein weißes Hemd und ein Blazer, dazu eine Krawatte, um bürgerlich-kulturbeflissen zu wirken - , andererseits fand ich das aber beunruhigend, weil ich mich bis jetzt über jedes Stück dort ziemlich gewundert hatte.
Zunächst saßen mehrere Gestalten, Männer und Frauen, auf der völlig kahlen Bühne im Kreis und berieten, ob sie überhaupt spielen oder lieber streiken wollten. War das nun das Stück oder eine Aktion des Theaterpersonals? Und lag vielleicht gerade die Kunst darin, dass das so lange nicht deutlich wurde?
Dann standen sie der Reihe nach auf und zogen sich aus, bis sie bis zur Taille nackt waren. Toll, was sollte das nun bedeuten? Schutzschichten ablegen? Seelen entblößen? Oder etwas anderes? Außerdem fand ich es blöde, neben einem fremden Mann zu sitzen und mit ihm gemeinsam zuzugucken, wie sich andere Leute auszogen.
Paarweise gerieten die Personen nun in Streit und schmierten sich lauter olle Kamellen aufs Butterbrot, nach dem Motto Nie tust du... Immer hast du... Und damals im Urlaub... Das hörte sich an wie ein Beziehungsratgeber, Abteilung Wie man es nicht machen soll . Kampf der Geschlechter? Das Stück hieß Olimpo , der Autor stand nicht auf der Karte, und für ein Programmheft war ich zu spät gekommen.
Olimpo – Olymp? Ärger unter den Göttern? Mars und Venus? Die Personen nannten sich nie gegenseitig beim Namen, aber ich vermutete, die alte Vettel mit dem Hängebusen, die ihrem Gegenüber gerade sämtliche Fehltritte vorhielt, die er je begangen hatte, sollte Juno sein, die ja bekanntlich mit Jupiter viel durchzumachen hatte...
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