„Nur Irma. Sie ist eine Urenkelin von der Mutter meiner Großmutter, hat einen Pferdezüchter geheiratet und schon vier Kinder. Ich hab sie das letzte Mal gesehen, als sie geheiratet hat. Das ist fast zehn Jahre her. Das war´s, ich hab sonst keine Familie, keine Erbtanten, niemanden, der mir einen Stapel alter Bücher oder einen mottenzerfressenen Persianermantel hinterlassen würde. Also muss das alles ein Irrtum sein, auch wenn der Name stimmt.“
„Pass auf, wir werden das am Montag ja sehen. Soll ich mitkommen?“
„Ja, bitte – ach nein, du musst ja auch mal was arbeiten, ich stehle dir schon genug Zeit.“
„Sarah, du bist so albern, dass es schon brummt. Du stiehlst mir überhaupt keine Zeit, das würde ich gar nicht zulassen. Wenn ich keine Zeit habe, dann sage ich dir das schon. Am Montag kann ich mir locker noch mal freinehmen. Ich hab mindestens hundert Überstunden angehäuft!“
Ich umarmte sie trübsinnig. „Du bist so lieb zu mir!“
„Das wärst du umgekehrt doch auch, oder?“
Ich versuchte, mir die umgekehrte Situation vorzustellen. „Christian hätte getobt, wenn ich mir frei genommen hätte. Und wenn du in unserem – ach, Blödsinn, in seinem – Gästezimmer wohnen würdest, wäre er eifrig bemüht, dich da schnellstens wieder rauszukriegen. Ich alleine – das wäre natürlich was anderes...“
„Jetzt geht es ja darum, was du alleine tätest. Wenn mir Freddys Mutter mit ihrem albernen Herzen mal den letzten Nerv geraubt hat, werde ich bei dir kampieren. Blödsinn, warum sollte ich? Das hier ist doch meine Wohnung, meine ganz allein. Ich glaube, du bist ansteckend, ich werde schon ganz wirr im Kopf.“
Sie stand auf. „Hast du Hunger?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Sag bloß, du willst abnehmen, bis du in deine neuen Jeans passt!“
„Ich hab bloß keinen Hunger, mir ist das alles auf den Magen geschlagen. Ein Schnaps wäre mir lieber."
„Den kriegst du aber nicht, sonst noch was, es ist ein Uhr mittags! Komm, ich mache die tiefgefrorene Lasagne in der Mikrowelle heiß, und dann teilen wir sie uns.“
Bäh! Aber als Gast muss man höflich sein; ich deckte brav den Tisch und schob mein Lasagnestück danach auf dem Teller hin und her. Cora besah sich das eine Zeitlang, dann schickte sie mich ins Bett: „Du brauchst ein Schläfchen, das war wohl alles ein bisschen viel für dich. Pass auf, nachher gehen wir ins Ratlos, der Name passt zu deiner Stimmung. Hannah geht sicher auch mit. Dort kriegst du ein Bier, bis dahin hast du vielleicht wirklich mal Hunger, Hannah erzählt von den Idioten, die sie so kennen gelernt hat, wir spielen und blödeln ein bisschen, du kriegst noch ein Bier... Wie klingt das?“
„Der Teil mit dem Bier klingt gut“, gab ich zu und trug meinen Teller nach draußen.
Mittagsschlaf – das hatte ich nicht mehr gemacht, seitdem ich in die zweite Klasse gekommen war! Wahrscheinlich konnte ich überhaupt nicht schlafen, nicht mit den Sorgen, die ich mir machen musste. Ich war aber durchaus willens, es zu probieren, schälte mich aus der Seidenbluse und dem Tweedrock und kuschelte mich unter die Bettdecke. Was hatte ich falsch gemacht? Lag es daran, dass ich zu pflegeleicht gewesen war? Mich Christians Vorstellungen immer gefügt hatte? Wäre ich interessanter gewesen, wenn ich ab und zu auch mal eigene Positionen vertreten hätte? Oder hätte ihn das nur irritiert? Hätte ich auch mal auf meine eigenen Interessen achten sollen? Hatte ich denn überhaupt noch eigene Interessen gehabt? Was war mir bis gestern so durch den Kopf gegangen? Der Haushalt, die Arbeit, Christians Erfolg, die Hoffnung, dass er mich eines Tages heiraten und ich Kinder von ihm haben würde... Wie ich mit den knapp dreihundert Euro, die mir im Monat so blieben, eine Garderobe und ein Auftreten finanzieren konnte, die Christian keine Schande machten, wie ich ihm das Leben angenehm machen konnte.
Wenn ich einen Mann hätte, der sich nur nach meinen Interessen richtete – würde mir das gefallen? Nein, das wäre sterbenslangweilig. Hatte Christian sich mit mir gelangweilt? Warum hatte er nichts gesagt? Er wusste doch, wie bereitwillig ich mich ihm zuliebe geändert hätte, vor fünf Jahren hatte ich mich schließlich auch ummodeln lassen.
Oder war das gerade das Langweilige, dass ich auch nur widerborstig geworden wäre, weil er das gewollt hätte? War ich zu fügsam? Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Wie hätte ich sein müssen, um Christian auf Dauer zu fesseln? Rätselhafter? Unberechenbar? Aber wenn ich gelegentlich mal widersprochen hatte, hatte er nicht unbedingt begeistert reagiert, eher genervt, und mir in seinem überlegenen Tonfall erklärt, warum meine Ansicht nicht richtig war. Dann hatte ich wieder nachgegeben, weil er ja ohnehin besser Bescheid wusste. Wie hätte ich in dieser Situation reagieren müssen, um sein Interesse zu wecken? Schwer zu sagen...
Als Cora an meine Tür klopfte, wachte ich nur mühsam wieder auf. War ich doch tatsächlich eingeschlafen! Und ich hatte einen seltsamen Traum gehabt, in dem eine sehr zickig aussehende Frau einen Kinderwagen herumschob. Ob das die stilvolle Charlotte war? Ich hatte ja keine Ahnung, wie sie wirklich aussah. Cora klopfte wieder und trat ein. „Gut, du bist wach! Ich hab mir schon Sorgen gemacht, weil du nicht geantwortet hast. Gut geschlafen?“
„Geht so. Ich glaub, ich hab von der Edeltussi geträumt. Dabei kenn ich die überhaupt nicht!“
„Das lässt sich ändern!“ Coras dunkle Augen funkelten aufgeregt. „Wir kriegen das alles noch raus, pass bloß auf.“
„Nein, das will ich nicht, das macht man nicht. Und nachher denkt Christian nur, ich trauere ihm noch nach. Der ist eingebildet genug.“ Ich dehnte und reckte mich und kletterte aus dem Bett. Cora musterte mich. „Schönere Wäsche brauchst du auch mal. Wer hat dir denn diesen schlichten hautfarbenen Kram eingeredet?“
„Dreimal darfst du raten“, antwortete ich müde und öffnete den Kleiderschrank.
„Ist ja nicht auszuhalten! Wetten, die Edeltussi hüllt sich in Seide und Spitze?“
„Wahrscheinlich. Die muss ja wohl auch nicht mit dreihundert Euro im Monat die Dame von Welt spielen.“
Cora stand auf. „Was hast du für eine BH-Größe?“
„75 B, warum?“
„Ich hab eine Garnitur, da sitzt bei mir der BH ein bisschen schief, und zum Wegschmeißen ist sie zu schade. Jetzt werde ich sie endlich los – hoffentlich!“ Sie eilte aus dem Zimmer und war nur ein Blinzeln später wieder da, mit einer Handvoll champagnerfarbener Seide und grauer Spitze.
„Das sieht ja toll aus! Und das willst du nicht mehr?“
„Nein, ich hab schon ewig an den BH-Bügeln herumgebogen, aber sie sind mir an den Seiten zu eng. Bitte, schaff mir das Zeug vom Hals, ich kann es doch nicht in die Altkleidersammlung werfen!“
Wer konnte da widerstehen? „Gerne. Aber vorher dusche ich erst noch mal, ja? Nach dem Schlafen brauche ich das.“ Als ich zurückkam, probierte ich die Garnitur – sie saß wie angegossen und ich fühlte mich richtig verrucht, obwohl an der Wäsche nichts Aufreizendes war, kein Stringtanga oder sonstige Erotikdetails. Einfach nur schön, wie in einer Seifenoper bei reichen Leuten. Spontan umarmte ich Cora. „Danke! Man fühlt sich gleich ganz anders!“
Ich zwängte mich in die hellblauen Jeans und zog mir das lavendelblaue Sweatshirt über. Strümpfe, Ballerinas – ein Blick in den Spiegel: Ich sah völlig anders aus, lässig und vergnügt, jünger auch, fand ich.
„Morgen gehen wir ein bisschen Wäsche kaufen, ja? Mit einem BH und zwei Slips kommst du nicht weit genug. Ich weiß, wo es nette und nicht allzu teure Sachen gibt. Und denk dran, solche Wäsche muss man in einem Wäschenetz waschen, wenn du sie in die Maschine gibst. Netze liegen neben den Waschpulvertaps im Küchenschrank. Sag mal, du blühst ja richtig auf!“
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