1 ...7 8 9 11 12 13 ...23 „Ab dem zweiten April, bei Gerheim, dem Kosmetikgroßhandel, über denen ist die Ablage zusammengebrochen. Sie rechnen mit vier Wochen Aufräumarbeiten. Netto etwa zehn Euro die Stunde, also neun für Sie und einen für uns, wie immer. In Ordnung?“
„Wo ist das?“
„In Selling, Kölner Straße 43. Finden Sie das?“
„Logisch.“
Ich unterschrieb einen Zeitarbeitsvertrag, notierte mir die Daten und was ich an Vorkenntnissen mitbringen sollte – offenbar reichte es, wenn ich des Alphabets mächtig und nicht farbenblind war – und war mit diesem Vormittag zunächst sehr zufrieden.
Cora und ich klatschten draußen unsere Hände gegeneinander. „Das sind doch immerhin siebzig Euro am Tag, gar nicht so übel!“, fand Cora. „Und wenn du was Festes hast, kannst du dir eine Wohnung suchen, solange bleibst du bei mir. Ich finde es lustig, eine Mitbewohnerin zu haben, das ist wie im Studium. Und für neue Klamotten hast du damit auch genug Geld, komm, wir gehen ins Horizont hinter der Uni, da gibt es alles, was du brauchst!“
Ich folgte ihr brav. „Gehst du denn in Jeans und T-Shirt zur Arbeit?“
„Klar, in den meisten Betrieben wird das nicht so eng gesehen. Schau, du kannst ja auch deine Seidenblusen mit Jeans kombinieren, und deine Kostüme musst du schließlich nicht wegschmeißen, aber täglich in diesem unbequemen Kram... Was hat ein solches Kostüm eigentlich gekostet?“
„Um die dreihundert Euro herum. Diese Bluse war schon etwa mit hundertzwanzig dabei.“
„Wahnsinn!“, staunte Cora, „für den Preis der Bluse kleiden wir dich dort komplett ein. Oder wolltest du Designerjeans?“
„Christian hat welche, für Freizeitevents“, antwortete ich nachdenklich. „Ach, und wieso du nicht?“
„Bei diesen Events war ich meistens nicht dabei. Und wenn, dann als Assistentin, Köfferchen tragend und mitschreibend, dann war ein Kostüm gar nicht so daneben. Freizeit heißt für Christian, künftige Mandanten zu treffen, da bringt man doch seine Freundin nicht mit. Und außerdem schätzt er es nicht, wenn Frauen Hosen tragen. Das dunkle Leinenkleid war für lässigere Anlässe reserviert.“
„Leinen! Hast du dich nicht tot gebügelt?“
„Nein. Ich weiß, wie man Leinen richtig bügelt, Christian hat genug leinene Tischwäsche.“ Die Hausfrau aus den fünfziger Jahren! Wahrscheinlich konnte ich mir einen Job in der Bügeleisenwerbung schnappen oder beim Extreme Ironing mitmachen, darüber hatte ich heute Morgen einen spöttischen Radiobericht gehört. Wie das mit dem Bügeln unter Wasser funktionieren sollte, hatte ich allerdings nicht kapiert. „Wenn du eine Wohnung und einen festen Job hast, brauchst du als nächstes ein Auto“, wechselte Cora das Thema.
„Au ja! Das hätte ich schrecklich gerne wieder. Christian findet ja, zwei Autos in der Stadt sind Unsinn, aber seins durfte ich fast nie benutzen.“
„Du hast diesen Monsterhaushalt ohne Auto versorgt? Was für ein Arschloch!“
„Scheiße, ja!“ Ich blieb stehen. So viel wie in den letzten fünfzehn Stunden hatte ich seit Jahren nicht mehr geflucht ( Das große Buch der feinen Lebensart ). „Gestern erst! Ich schleppe den Mineralwasserkasten zu Fuß nach Hause, weil ich denke, dass er den Wagen braucht, um bei einem potentiellen Mandanten Eindruck zu schinden, und dabei fährt er damit bloß zu seiner Edeltussi, um mit ihr zu vögeln!“
„So hast du aber bei Christian auch nicht geredet, oder?“
„Nein“, gab ich zu, „aber ich bin so was von stinksauer!“
„Wäre ich auch. Wollen wir ihm was antun?“
„Was denn? Der feine Herr ist doch unangreifbar!“
„Sag das nicht... Er ist doch sehr von seinem guten Ruf in Finanzkreisen abhängig, oder? Über Freddy könnten wir da durchaus Gerüchte streuen. Freddy macht das, wenn wir ihn überzeugen.“
„Nein, das ist mies!“
„Klar, deshalb passt es doch so gut zu deinem feinen Herrn.“
„Das machen wir nicht“, lehnte ich energisch ab. „Schade, ich wollte immer schon mal richtig rattenmäßig jemanden fertigmachen“, seufzte Cora. „Ich könnte mich auch in seine Webseite schmuggeln und da ein bisschen was verändern... Oder ihm einen Virus schicken.“ Nun musste ich doch lachen. „Okay, aber erst, wenn er kein Zeugnis rausrückt oder auf meiner Lohnsteuerkarte sitzen bleibt. Vorher nicht!“
„Wir könnten auch der stilvollen Tussi ein bisschen Ärger machen“, bot Cora begeistert an, „da gibt es sicher schöne Möglichkeiten. Glaubst du, wenn sie so fein ist, wissen ihre Eltern, dass sie sich hat anbumsen lassen? Wir könnten Warenproben von Alete und so verschicken, an die Adresse ihrer Eltern. Stell dir bloß vor, wie so eine ältliche Gräfin oder so Pampersproben aus dem Briefkasten fischt und dumm schaut!"
Geniale Idee, aber nein. Ich behauptete schnell, den Namen meiner Nachfolgerin nicht zu kennen, um Coras Eifer zu bremsen, und ließ mich von ihr ins Horizont zerren. Regale über Regale, blau gefüllt. „Gibt es Jeans mittlerweile nur noch in Blau?“, flüsterte ich. Cora schüttelte den Kopf und deutete in die hinteren Regionen. Ja, dort war alles etwas bunter. Ein junges Mädchen näherte sich. „Kann ich euch helfen?“
„Äh, ja – ich bräuchte Jeans“, antwortete ich etwas unbeholfen. Sie musterte mich von der Seidenbluse über den Tweedrock bis zu den Pumps. „Ich sehe es... welche Größe?“
„Keine Ahnung. Vierzig, denke ich.“
Sie keuchte erschrocken. „ Vierzig ? Niemals! Das ist sogar den meisten breitärschigen Amis zu groß.“
Ich kapierte gar nichts mehr. Vierzig war seit Jahren meine Größe gewesen, von der achtunddreißig hatte ich mich schon kurz nach dem Abitur verabschieden müssen. Aber ich war ohne Schuhe immerhin einen Meter vierundsiebzig groß, also fand ich mich meistens nicht zu dick. Trotzdem – einen Reistag sollte ich vielleicht doch mal wieder... Frühjahrskur und so...
Ein Maßband wurde mir locker um die Hüften geschlungen. „Einunddreißig“, murmelte das Mädchen und kniete sich hin, um die Seitenlänge abzumessen. „Und zweiunddreißig“.
Vage erinnerte ich mich an die einzige „echte“ Jeans, die ich in meiner Schulzeit im Western-Store gekauft hatte, 30/34. Stimmte ja, die wurden in Zoll gemessen. „Stonewashed?“, fragte die Verkäuferin über die Schulter, die Hand schon in einem Regal.
Was? „Stonewashed“, bestätigte Cora bestimmt. „Und vielleicht dunkelgrau, black moon oder so.“
Mir wurden zwei Paar gefaltete Jeans in die Hand gedrückt. „Kabinen sind dort hinten.“
In der engen Kabine schälte ich mich aus dem Rock und schlüpfte in die grauen Jeans. Nicht schlecht, fand ich und betrachtete mich im Spiegel. Sie saßen richtig – aber war ich wirklich derartig blass? Hatte ich wirklich solche Schatten unter den Augen? Alt sah ich aus – aber einen knackigen Hintern hatte ich offensichtlich doch noch, stellte ich mit einem Blick über die Schulter fest.
Cora zog den Vorhang auf. „Die ist zu weit!“
„Quatsch“, widersprach ich, „die ist total bequem.“
„Und wenn du sie eine Stunde anhast, ist sie ausgeleiert. Können wir die gleiche in dreißig haben?“, rief sie nach vorne. Seufzend zwängte ich mich in das engere Exemplar und brachte nur mit Mühe den Reißverschluss zu. „Furchtbar, ich kriege ja gar keine Luft mehr! Wie soll ich mich denn so hinsetzen?“
„Daran gewöhnst du dich.“ Cora holte die hellblauen Jeans ebenfalls in dreißig und ich strampelte mich schwitzend aus der einen hinaus und in die andere hinein. Mussten diese Dinger so quälend eng sein? Mein letztes Exemplar war eine Karotte mit Bundfalten gewesen, aber das sagte ich Cora lieber nicht, wahrscheinlich war das uncool.
„In Ordnung“, beschloss Cora schließlich, „die beiden nimmst du.“
Читать дальше