„Du hast gar nichts falsch gemacht, er ist der Arsch, vergiss das nicht. Warum glauben Frauen immer, es liegt an ihnen, wenn eine Beziehung nicht funktioniert? Werden wir schon mit Schuldgefühlen großgezogen? Du wartest jetzt ein bisschen, und dann suchst du dir einen Besseren und passt höllisch auf, dass er dich nicht über den Tisch zieht.“
„So bald nicht, das sag ich dir.“
„Ich hab doch gesagt, du wartest ein bisschen! Sarah, ich glaube, du gehst jetzt am besten ins Bett und schläfst dich richtig aus. Morgen frühstücken wir schön, und dann regeln wir alle Punkte auf der Liste.“ Sie tätschelte mir die Schulter. „Und wenn du Angst hast, mir lästig zu fallen, dann kannst du auch das Gästebad nehmen, das hast du ganz für dich alleine. Da ist auch eine anständige Dusche drin. Wenn du aber lieber ein Schaumbad willst, nimmst du eben das große Bad.“
„Nein, Dusche ist toll, danke. Ich stelle meinen Kram gleich rüber, viel ist es ohnehin nicht. Ach, Cora – damit hätte ich heute Morgen auch nicht gerechnet. Alles hin...“
„Nein, alles aufgedeckt, so musst du das sehen!“
„Wenn du meinst...“ Ich tappte ins Gästezimmer und suchte eins meiner ordentlichen Nachthemden heraus, dann zog ich mich aus, schlüpfte ins Nachthemd und suchte mit meinem Kulturtäschchen unter dem Arm das Gästebad auf. Viel war wirklich nicht auszupacken – Shampoo und Duschbad, Deo, Gesichtswasser, Feuchtigkeitscreme, Kamm und Bürste, Zahnpasta und Zahncreme, Puder und Labello. Make-up hatte Christian als ordinär abgelehnt, genau wie farbigen Lippenstift. Wer fragte eigentlich danach, was er ordinär fand?, fragte ich mich ärgerlich und wischte mit einem Wattebausch über mein Gesicht. Und wenn ich weiterhin so aggressiv meine Zähne putzte, als versuchte ich, Christian mitten durchzusägen, dann brauchte ich schnell wieder eine neue Zahnbürste! Die Borsten standen schon ganz schief. Etwas Creme ins Gesicht, Toilette, Hände waschen und eincremen, zurück ins Gästezimmer. Cora hatte mir ein Buch auf den Nachttisch gelegt, eins von der Sorte, die Christian hasste. Es hieß Der Mann, das entbehrliche Wesen . Ich drehte es um, um die Rückseite zu studieren. Gott sei Dank, ein amüsanter Roman , nicht etwa ein ernsthaftes Sachbuch Marke Wenn Frauen zu sehr lieben . Ich streckte mich im Bett aus - sehr bequem! – und schlug den Schmöker auf. Es fing seltsam vertraut an, eine Frau wurde ziemlich abrupt aus ihrem gesicherten Leben gerissen, weil ihr Lover sich plötzlich als Totalflop entpuppte. Ach was?
Cora klopfte und schaute noch herein. „Sag mal, wenn der werdende Vater anruft – bist du hier oder verschwunden?“ Ich überlegte kurz. „Verschwunden. Aber du bist bereit, mir etwas auszurichten. Geht das?“
„In Ordnung. Schlaf gut!“
„Danke – du auch! Und vielen Dank für das Buch, die Geschichte kommt mir teuflisch bekannt vor.“
Cora lachte. „Deshalb hab ich´s dir hingelegt. Du bist kein Einzelfall, aber das wird dich nicht sehr trösten, fürchte ich. Also, gute Nacht!“ Ich las noch eine Weile und verfolgte, wie die am Boden zerstörte Heldin Rachepläne schmiedete und die ersten Schritte unternahm, um ihn in den Ruin zu treiben. Sollte ich versuchen, Christian zu ruinieren? Konnte ich das überhaupt? Ich löschte das Licht und schlief ein, bevor ich darüber richtig nachgedacht hatte.
Ich wachte auf, weil helles Licht durch das Fenster schien und es durchdringend nach Kaffee duftete. Wenigstens hatte ich nicht von Christian geträumt, sondern erstaunlich gut geschlafen, wenn man die Umstände bedachte. Ich räkelte mich wohlig und setzte mich langsam auf. Äh – Kopfweh. Das waren die drei Gläser purer Rum! Immerhin war mir nicht schlecht, es hämmerte nur in meinem Schädel. Ich erhob mich mühsam und schlurfte Richtung Bad, an der Küche vorbei. „Guten Morgen!“, rief Cora und reichte mir ein Glas, in dem es sprudelte und an der Oberfläche verdächtig seifigen Schaum bildete.
„Was ist das?“, fragte ich misstrauisch. „Grapefruitsaft mit Aspirin-Brause. Sag bloß, das brauchst du nicht?“
„Doch“, gab ich zu und leerte das Glas mit großen Schlucken. „Hab ich sehr lange geschlafen?“
„Ganz normal, es ist noch nicht einmal acht. Dein Exmacker hat jedenfalls noch nicht hinter dir her telefoniert.“
„Er weiß ja gar nicht, wo ich bin“, entschuldigte ich ihn schon wieder – wieso eigentlich?
„Sarah, Dummchen, das ist doch egal! Oder hat er deine Handynummer nicht?“
„Doch“, gab ich wieder zu, „aber das ist nicht an. Nach dem Duschen kann ich ja mal in die Mailbox gucken.“
Das heiße Wasser prasselte köstlich auf mich herunter, und Coras kratzige weiße Frotteehandtücher waren zehnmal so saugfähig wie die superweichgespülten Dinger bei Christian, die hauptsächlich gut aussahen, sich beim Abtrocknen aber schmierig anfühlten. Ich rubbelte mich kräftig ab – so war das Peeling gleich miterledigt! – und kämmte meine nassen Haare durch. Schon besser, und ich bildete mir auch ein, dass das Kopfweh allmählich nachließ. In langem Tweedrock und seidener Bluse erschien ich zum Frühstück. Cora blinzelte. „Ist das nicht leicht übertrieben? Jeans täten es heute wahrscheinlich auch.“
„So was hab ich nicht, Christian mag keine Jeans.“
„Christian! Wer fragt den denn noch? Wir kaufen dir heute eine. Oder leih dir eine von mir, wir haben doch eh die gleiche Größe, oder?“
„Gut, ich kauf mir nachher eine. Mensch, das hab ich seit Jahren nicht mehr gemacht! Und so ein Sweatshirt hätte ich auch gerne, für zu Hause“, gestand ich, über mich selbst überrascht. „Lieber zwei, man muss sie ja auch mal waschen. Übrigens, wenn du was zu waschen hast, die Maschine ist in der Küche.“ Cora schenkte Kaffee ein und schob mir Semmelkorb, Butter und Aufschnitt hin. Ich schmierte mir sorgfältig eine Schinkensemmel und kaute dann nachdenklich darauf herum. „Ich glaube, du siehst das Ganze als Chance für mich, oder?“
„Vielleicht.“ Cora rührte in ihrem Müsli herum. „Ich glaube, in dir steckt viel mehr als die brave Sklavin des eleganten Herrn. Christian sieht sich doch total als Mann von Welt, oder?“
„Stimmt, er hat immer sehr auf meine Manieren geachtet. Dabei bin ich ja auch nicht gerade im Slum groß geworden. Er hat aber gelegentliche Defizite festgestellt und mich dann liebevoll fortgebildet.“
„Unverschämtheit!“
Ich zuckte die Achseln. „Mir ist das gar nicht so aufgefallen. Weißt du, wenn du die Prämisse akzeptierst, dass sein Lebensstil der erstrebenswerte ist, dann wird alles andere völlig logisch und du kommst der Sache nicht mehr aus. Ich glaube, das ist das Allerschlimmste.“
„Was ist das Allerschlimmste?“, fragte Cora, den Mund voller Müsli.
„Dass mein ganzer Lebensplan in nichts zusammengefallen ist, weil die Prämisse eben völlig falsch war! Christian ist nicht der Mann von Welt, an dessen Seite ich ein schönes Leben führen werde, er ist ein ausbeuterischer Korinthenkacker, der mir eine andere, Stilvollere , vorgezogen hat. Und jetzt stehe ich mit völlig leeren Händen da.“ Ich begann auf meine Schinkensemmel zu heulen.
„Und jetzt merke ich erst, wie blöde ich war!“ Ich heulte noch mehr. „Ich hab mich total ausnutzen lassen.“
„Das holen wir alles zurück, versprochen“, sagte Cora finster und begann abzuräumen. Ich machte den matten Versuch, ihr zu helfen, aber sie drückte mich auf meinen Platz zurück. „Check lieber mal deine Mailbox!“
Na gut! Ich rief die Mailbox auf. Sie haben zwei neue Nachrichten . Vielleicht tat es ihm Leid, vielleicht war alles nur ein Irrtum? Erste Nachricht: Neue Klingeltöne verfügbar . Klasse, löschen. Zweite Nachricht: Abitreffen 18. Mai Susi . Wer um Himmels Willen war Susi? Ich durchforstete, kurzfristig von meinem Jammer abgelenkt, mein Gehirn. Susi ... Susi ... ach ja, diese brave kleine Maus in der ersten Reihe. Zehn Jahre Abitur, von mir aus, ich würde da bestimmt nicht hingehen. Und woher hatte die überhaupt meine Nummer? Ich schickte eine Antwort: WO? Sarah , damit ich da nicht aus Versehen reinplatzte, und legte das Handy beiseite. „Na, hat er sich gemeldet?“, fragte Cora, als ich neben ihr auftauchte und ihr half, die Spülmaschine einzuräumen.
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