1 ...6 7 8 10 11 12 ...23 „Natürlich nicht. Klingeltöne und Abitreffen, nur Scheiß.“
Mein Handy schrillte, und ich stürzte hin. Neue SMS. Ach, bloß von Susi. Die hatte ja anscheinend auch nichts Sinnvolles zu tun!
Wittelsbacher Hof 18.00
Kommst du? Susi .
Weiß noch nicht. Sarah .
Warum sollte er sich auch melden? Ich starrte verdrossen aus dem Fenster. Ob seine schwangere Edeltussi schon eingezogen war? Ob sie schon mit ihm zusammen arbeitete? Oder hatte er sich eine neue Buchhalterin von JobTime gesucht? Für Sekretariatsarbeiten und Buchhaltung war eine Diplombetriebswirtin sicher zu schade. Ob sie mit seinen Möbeln einverstanden war? Ich stellte mir vor, wie sie alles raus warf und die Einrichtung auf Louis Quinze im Stil des elterlichen Schlosses umstellte. Wäre Christian fasziniert oder bräche ihm das Herz? Und was ging mich das denn noch an? Mein Handy schrillte wieder. Ich rief die Nachricht auf. Wo ist der Vorgang Haberecker? C. Ich wollte gerade antworten, als Cora angeschossen kam und mir das Telefon aus der Hand riss. „Lass mich, dem werden wir es zeigen!“ Sie tippte etwas ein und zeigte mir dann das Display: Mt.7,7 . Ich sah sie verblüfft an. „Was soll das denn bedeuten?“
„Hat er eine Bibel im Büro?“
„Seine Bibel sind 1001 Steuertricks , warum?“
„Da könnte er den Spruch nachschlagen, im Matthäus-Evangelium …“
„Und was steht da?“
„ Suchet, so werdet ihr finden . Oder hast du den Vorgang versteckt?“
„Klar, steht unter H bei den unerledigten Vorgängen. Wenn er nicht völlig verblödet oder von seiner Charlotte erschöpft ist, müsste er das gerade noch selber finden. Aber wahrscheinlich ist er wirklich zu blöde dazu. Solche Sachen habe eben immer ich gemacht. Ob die Neue weiß, wie man seine kostbaren Hemden korrekt bügelt? Hoffentlich brennen sie ihr an!“
„So ist es recht!“ Cora schaltete mein Telefon aus. „Mehr Info kriegt er jetzt nicht. Komm, wir müssen auf den Kriegspfad!“
Wir begannen auf der Post, weil sie gleich um die Ecke lag. Ich füllte den Nachsendeantrag aus und gab Coras Adresse an. Es gab ein wenig Ärger, weil ich, damit der Auftrag sofort ausgeführt wurde, schon vor Wochen hätte wissen müssen, dass Christian mich gegen ein besseres Modell austauschen würde. Coras Gemurmel, dass man bei der Post eben keinen schnellen Service erwarten konnte, verbesserte die Stimmung der Schalterbeamtin nicht wirklich und ich griff schließlich ein und versicherte, ich wäre schon zufrieden, wenn der Service ab Mitte der nächsten Woche funktionieren würde. „Die Post, die ich zwischendurch bekomme, muss ich eben abschreiben, Exfreunde leiten doch nichts weiter.“
„Exfreunde?“, fragte die Frau im Glaskasten nach.
„Er hat mir erst gestern gesagt, dass er eine Neue hat, das konnte ich doch vorher nicht wissen! Und an meiner Stelle wären Sie sicher auch nicht länger in der Wohnung geblieben, oder? Man hat ja schließlich seinen Stolz.“
„So ein Saukerl“, murmelte sie. „Passen Sie auf, ich schreib das Datum vom Montag darauf und leg es selbst in den Verteiler, dann geht das schneller.“
„Toll, vielen Dank!“
Draußen meinte Cora: „Du appellierst also an die schwesterliche Solidarität? Die Methode scheint zu klappen, jedenfalls besser als meine. Ich wollte gerade sagen, wie froh ich bin, keine Postaktien mehr zu haben, aber das hätte der Tussi nie so Beine gemacht wie deine Jeremiade.“ Ich musste lachen. Cora fuhr fort: „Angeblich soll es aber auch helfen, wenn man sich stumm Notizen macht, sobald die ungefällig werden, und sich weigert, zu sagen, was man notiert hat. Dann denken sie, man kommt von der Oberpostdirektion und sie sind beim nächsten Stellenabbau dran.“
„So, als würde man in der Kneipe Restauranttester spielen?“
„Genau. Sollten wir mal probieren! Was jetzt?“
„Rathaus. Ohne Lohnsteuerkarte bin ich doch total hilflos.“
Im Rathaus gab es keine Probleme, eine Zweitschrift der gelben Karte wurde kommentarlos ausgedruckt, man wies mich lediglich darauf hin, dass ich dem Finanzamt beide Karten einreichen musste. Ach was! Auf dem Weg zu JobTime , der schrägen, aber ziemlich erfolgreichen Zeitarbeitsagentur, bei der fast jeder während des Studiums schon mal in den Akten gestanden war, kamen wir an meiner Bank vorbei. Der junge Mann hinter dem Tresen schaute etwas verwirrt, als ich meine Daueraufträge mit sofortiger Wirkung stoppte und die Buchungen für diesen Monat zurückziehen ließ. „Ich glaube, das geht nicht.“
„Das geht“, antwortete ich geduldig, „aber ich warte gerne, während Sie Ihren Filialleiter fragen.“
Er trabte nach hinten, rührend in seinem Erwachsenenanzug, der in den Schultern noch zu weit war. „Der soll nicht so albern sein“, murmelte ich Cora zu, „ich hab so etwas fürs Büro schon öfter gemacht. Dass es sich mal gegen Christian richten würde, hätte ich allerdings auch nicht gedacht.“
Cora tätschelte mir mitfühlend den Arm. Das Bürschlein kam zurück. Daran, dass die Bankangestellten aussahen wie die Kinder, erkannte man als erstes, wie man selbst älter wurde! „Gut, es geht. Also, wir buchen die Beträge zurück. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“
Ich bat um Papier und Stift und rechnete den exakten Nebenkostenanteil bis einschließlich gestern Morgen aus, dann überwies ich diesen Anteil zurück, mit präziser Erklärung in der Rubrik Verwendungszweck. Jetzt war er völlig verwirrt; seine Restakne rötete sich hektisch. „Aber das ist doch die gleiche Kontonummer!“
„Aber ein geringerer Betrag“, erklärte ich.
„Ja, wollen Sie dann einen Dauerauftrag über den neuen Betrag einrichten?“
„Nein, will ich nicht. Das war die absolute Restzahlung. Jetzt gucken Sie nicht so, sollte der Empfänger sich beschweren, tut er das bei mir.“
„Und das traut er sich nie“, fügte Cora finster hinzu. Ich schenkte dem Schalterbeamten noch ein strahlendes Lächeln, obwohl mir eher nach Heulen zumute war, und wir schwebten wieder hinaus. Äh, jetzt musste ich bei JobTime zu Kreuze kriechen! Ich schilderte mein Problem so neutral wie möglich, und die Mitarbeiterin, Frau Daffek (laut Ansteckschildchen), seufzte kummervoll. „Kein Zeugnis? Das ist schlecht. Wissen Sie, Buchhaltung ist ein Vertrauensposten, da möchte ein Arbeitgeber auch bei einer Zeitkraft doch wissen, wie sie vorher gearbeitet hat.“
„Das Zeugnis kriege ich schon noch. Aber ich habe jetzt vier Jahre für meinen Lebensgefährten gearbeitet, und gestern hat er Schluss gemacht. Wenn er kapiert hat, dass er mich nicht privat abservieren und gleichzeitig erwarten kann, dass ich weiterhin sein Vorzimmer in Ordnung halte, wird er mit dem Zeugnis schon rüberkommen.“
„Und mit dem Hinweis auf die große Liebe hat er am Gehalt gespart, stimmt´s?“
„Woher wissen Sie das?“, fragte ich verblüfft.
„Ach, die Kerle sind doch alle gleich. Glauben Sie, ich habe immer hier gearbeitet?“
Ich lachte verächtlich. „Lange kommen die mit so etwas nicht mehr durch.“
„Noch scheint es aber zu funktionieren“, murmelte sie, den Blick auf ihren Bildschirm gerichtet. „Bei Buchhaltung hab ich eh nur eine Anfrage, gerade reingekommen. Das Steuerbüro Lichting sucht eine versierte - “
Sie brach ab, weil Cora und ich hysterisch kicherten. „Ach, ist er das?“
Wir nickten und wischten uns die Augen. „Soll ich hingehen?“
„Der kapiert den Witz nie! Er wird höchstens sagen, schön, dass du vernünftig geworden bist.“
„Stimmt. Nein, da gehe ich nicht hin.“
„Würden Sie auch Ablage und so was machen? Ich weiß, dafür sind Sie überqualifiziert, aber ohne Zeugnis...“
„Klar, mache ich. Wo und wann?“
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