„Ihre Frau eingeschlossen?“
„Meine Frau?“, wiederholte er lachend. „Man muss doch nicht das Boot versenken, wenn man hin und wieder eine Runde schwimmen möchte! Ich lebe mit meinem Bruder und seinen Jungs zusammen. Seit er verwitwet ist, muss er sich um Job, Haushalt und Kinder kümmern. Damit ist er ein wenig überfordert. Deshalb haben wir damals eine WG gegründet.“
„Fast wie bei uns“, meinte Marie. „Wir bilden hier auch so eine Art Zweckgemeinschaft. – Obwohl wir uns gut verstehen.“
„Einige ihrer Hausbewohnerinnen habe ich bereits gesehen, Frau Mertens. Die Joggerin, die offenbar täglich etwas für ihre Fitness tut ebenso wie die Dame, die sich morgens auf der Dachterrasse zeigt. Außerdem noch...“
„Dabei handelt es sich um ein und dieselbe Person“, unter brach Marie ihn. „Das ist meine Cousine Hanna Flemming; ihr gehört dieses Haus.“
„Ach...“, sagte Jakob nur erstaunt. Er sollte sich wohl allmählich eine Brille anschaffen. „Ihrer resoluten türkischen Bewohnerin bin ich übrigens auch schon begegnet.“
„Suleika wohnt nicht hier“, erklärte Marie, ein Lachen unterdrückend, da Hanna ihr von dem nächtlichen Zusammentreffen mit Herrchen und Hund erzählt hatte. „Sie hilft im Haus und gelegentlich auch hier in der Küche, wenn ich einen Großauftrag bewältigen muss. Mit Hanna und mir leben nur meine drei Kinder und unser Hund unter diesem Dach.“
Nachdem Marie das bestellte Buffet ausgeliefert hatte, fuhr sie weiter bis zu einem Hotel am Stadtrand. Die Zimmernummer ihres verabredeten Treffpunkts war per SMS auf ihrem Handy eingegangen, so dass Marie gleich an der Rezeption vorbei zu den Lifts ging. In der achten Etage verließ sie den Aufzug, orientierte sich kurz und wandte sich nach rechts. Vor der Tür mit der Nummer 584 blieb sie stehen und klopfte.
„Es ist offen!“ erklang eine männliche Stimme, worauf Marie ohne Scheu eintrat. Nach zwei Schritten blieb sie jedoch überwältigt stehen: Der abgedunkelte Raum wurde nur durch zahlreiche brennende Kerzen erhellt. Auf der Nachtkonsole stand ein Kübel mit Champagner auf Eis; das Kopfkissen zierte eine langstielige rote Rose. An der Tür zum Bad lehnte ein nur mit einem Handtuch um die Hüften bekleideter Adonis.
„Hallo, schöner Mann“, sprach Marie ihn lächelnd an. „Ist das alles für mich?“
„Nein, für das Zimmermädchen.“ Barfuß kam er näher. „Aber wer zuerst kommt...“
„... mahlt zuerst“, vollendete sie schelmisch und schlüpfte aus ihren Pumps. „Wir haben genau zwei Stunden...“
„Dann lass uns keine Zeit verlieren“, flüsterte er und zog sie in seine Arme. Während er Marie leidenschaftlich küsste, öffneten seine Finger den Reißverschluss in ihrem Rücken.
Mit einem Glas Wein saß Jakob an diesem Abend pünktlich um Mitternacht in seinem Dachstübchen vor dem Radio. Die Moderatorin wurde als sexiest voice in town angekündigt.
Jakob hörte, wie der Engel der Nacht seine Zuhörer begrüßte und das Gesprächsthema der Sendung bekanntgab:
„Heute Nacht möchte ich mit euch darüber sprechen, woran ihr glaubt. Sei es der religiöse Glaube oder ein anderer. An wen glaubt ihr – oder an was? In welcher Situation half euch euer Glaube? Oder hat er euch enttäuscht? Ruft mich an unter der Nummer 01805 66 66 66...“
Jakob verfolgte bei einem Glas Wein die ersten Gespräche, die den christlichen Glauben betrafen. Danach rief jemand an, der in etwas holprigem Deutsch von seinem islamischen Glauben erzählte. Der nächste Anrufer war ein offenbar jüngerer Mann.
„Hi, Angel, hier spricht Mark. Was die da eben von sich gegeben haben, war doch hilfloses Gesülze. Gäbe es einen Gott oder Allah, würde er keine Menschen verhungern oder sie in Kriegen aufeinander ballern lassen.“
„In der Bibel steht, Gott erschuf den Menschen nach seinem Ebenbild“, antwortete der Engel der Nacht. „Ist es nicht möglich, dass der Mensch sich in die falsche Richtung entwickelt hat und Gott irgendwann resigniert hat?“
„Ach, Angel, die Bibel ist doch nichts anderes als ein Märchenbuch. Oder hast du noch niemals von der Evolution gehört? In der sogenannten Heiligen Schrift ist das im Grunde wie bei Jules Verne. Damals gab es noch keinen Fernseher. Deshalb mussten die Menschen ihre Fantasie bemühen, um sich die Entstehung der Erde und des Lebens vorzustellen. Heute bekommt man das alles vorgekaut und in bunten Bildern erklärt.“
„Für dich existiert demnach kein Gott“, fasste Hanna zusammen. „Woran glaubst du, Mark? An gar nichts?“
„Ich glaube an die Macht des Geldes“, erwiderte er, ohne zu zögern. „Hat man genug Kohle, kann man sich jeden Wunsch erfüllen. Man ist sein eigener Herr, erteilt Befehle und lässt andere für sich arbeiten. Man gewinnt immer mehr Macht, kann überall mitreden, auf Wirtschaft und Politik Einfluss nehmen...“
„Selbst mit noch so viel Geld kann man sich nicht alles kaufen“, wandte Hanna ein. „Es gibt Dinge im Leben, die sind unbezahlbar.“
„Alles hat seinen Preis“, behauptete der Anrufer. „Ab einer gewissen Summe wird jeder schwach.“
„Das glaube ich nicht“, widersprach Hanna. „Du kannst dir Freunde kaufen, die allerdings verschwunden sind, sobald du in Schwierigkeiten steckst. Auch Loyalität kannst du dir er-kaufen. Sie währt jedoch nur solange, wie du oben bist. Sogar Liebe kannst du dir kaufen, damit in einsamen Nächten jemand bei dir ist. Sie gilt aber nicht wirklich dir, sondern nur deinem Geld. Wahre Gefühle, menschliche Wärme und Zuneigung, Vertrauen und Geborgenheit hingegen sind Geschenke.“
„Wer braucht schon so was?“ sagte der junge Mann leichthin. „Aber als Engel der Nacht musst du wohl so denken.“
„Ich wünsche dir, dass du bald jemandem begegnest, der all das in dir weckt. Dann wirst du verstehen, wie viel mehr wert diese Art Reichtum ist. Ruf mich wieder an, wenn es soweit ist. – Gute Nacht, Mark.“
Während nun wieder Musik erklang, griff Jakob zum Telefon. Diesmal musste er sich in Geduld üben. Die Leitung war ständig besetzt. Es dauerte fast eine Stunde, bis er endlich zum Sender durchkam.
„Ich bin der Engel der Nacht“, sprach Hanna ins Mikrofon, als der Redakteur ihr ein Zeichen gab, und rückte ihre Kopfhörer zurecht. „Wer bist du?“
„Hallo, Angel“, antwortete Jakob mit sanfter Stimme. „Erinnerst du dich an mich?“
„Da ich selten das Vergnügen mit einem Vampir habe, weiß ich natürlich, dass du der Dracula mit dem Einstein – Verstand bist“, entgegnete sie prompt. „Ich bin schon sehr gespannt, an was blutsaugende Fledermäuse glauben.“
„Ein so sensibles Wesen, wie ich es bin, glaubt nicht unbedingt an ein Gott oder Allah genanntes personifiziertes Wesen, das irgendwo über uns schwebt und uns beschützt.“
„Woran glaubst du dann?“
„An eine überirdische Dimension, an ein Schicksal, das uns lenkt.“
„Kannst du das näher erklären?“
„Vermutlich ist unser aller Weg bis zu einem gewissen Grad vorgezeichnet. Es liegt an uns, was wir daraus machen. Auch ich glaube – wie du – es gibt Wichtigeres, als das Streben nach Macht und Reichtum. In jedem von uns steckt eine enorme Kraft: die Kraft der Liebe und der Menschlichkeit. Sie sollte für uns richtungsweisend sein. Der heutzutage verbreitete Wahnsinn, seine Ziele mit aller Gewalt durchzusetzen, greift leider wie ein Virus um sich. Korruption, Fanatismus, Unvernunft und mangelnde Bereitschaft, friedliche Lösungen zu suchen, wird uns tagtäglich von den Politikern demonstriert.“
„Du meinst, Politiker seien die Wurzel allen Übels?“
„Sie tragen dazu bei“, versetzte Jakob. „Immerhin hat diese Spezies eine Vorbildfunktion. Wenn sich beispielsweise ein Saddam weigert, sein Waffenarsenal offenzulegen, droht ihm ein amerikanischer Präsident großspurig mit Krieg. Ein Präsident, der nie gewählt wurde, will nicht nur seinem Daddy imponieren, mit dessen Geschäftsfreunden er regiert, sondern auch Macht und Härte demonstrieren. Andererseits hat er panische Angst vor Flugzeugen, die in Wolkenkratzer stürzen oder vor anderen Terroranschlägen. Der mächtigste Mann der Welt will überall mitmischen, aber er besitzt nicht die Macht, seine Bürger ausreichend vor Terrorismus zu schützen. Das treibt ihn immer weiter an, führt zu neuen Konflikten und Kriegen.“
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