Die Räume im Obergeschoss des Hauses hatte Jakob bezogen. Außer seinem Schlafzimmer und dem Bad befand sich hier eine kleine Stube, in die er sich zurückziehen konnte, wenn er ungestört sein wollte.
Neben einem Bücherschrank stand die Stereoanlage auf einer Kommode. Mitternacht war längst vorüber, als Jakob seine CD-Sammlung einsortierte. Der Klang einer sanften Stimme aus dem Radio ließ ihn innehalten. Das leichte Vibrieren in dem dunklen melodischen Timbre wirkte anziehend und geheimnisvoll. Seltsam berührt drehte Jakob das Radio etwas lauter. Dem Gespräch mit einem Anrufer zufolge nannte sich die Moderatorin Angel oder Engel der Nacht. Diese überirdische Bezeichnung passte durchaus zu der samtweichen Stimme. Interessiert folgte Jakob den Dialogen über Freundschaft, wo- bei ihn die klugen Worte der Frau am Mikrofon ebenso imponierten wie ihre humorvollen Bemerkungen.
Zwischen den einzelnen Telefonaten wurde Musik gespielt. Zur vollen Stunde kamen Nachrichten über den Äther, die einen kurzen Werbeblock ablösten.
Unterdessen machte es sich Jakob mit einem Glas Wein in einem Ohrensessel bequem. Nach dem Verkehrslagebericht erklang wieder die Stimme des Engels der Nacht, die die Zuhörer aufforderte, sich zum Thema Freundschaft zu äußern.
Spontan griff Jakob zum Telefon und tippte die leicht zu merkende Nummer des Senders ein. Beim ersten Versuch war die Leitung besetzt, aber schon beim zweiten wurde er aufgefordert, am Apparat zu bleiben. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass Freunde womöglich seine Stimme erkennen würden. Da er jedoch ebenso anonym wie die Moderatorin bleiben wollte, legte er vorsichtshalber ein Taschentuch über die Sprechmuschel des Telefons.
„Hier ist Angel.“ Plötzlich war er auf Sendung. „Mit wem spreche ich?“
„Man nennt mich ... Dracula“, antwortete Jakob scherzhaft.
„Dracula!?“, wiederholte sie mit leisem Spott. „Willst du mir nicht deinen richtigen Namen verraten?“
„Sind Namen nicht nur Schall und Rauch? Oder erzählst du mir, wie deine Mutter dich gerufen hat?“
Hinter der Scheibe des Studios gab der Redakteur der Moderatorin ein Zeichen, das Gespräch abzubrechen. Hanna schüttelte jedoch den Kopf.
„Meine Mutter nannte mich Spatz“, sagte sie gelassen. „Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass eine Mutter ihren kleinen Jungen Dracula gerufen hat.“
„Das hat sie nicht getan“, erklärte Jakob leise lächelnd. „Sie nannte mich Einstein.“
„Deine Mutter hat dich für ein Genie gehalten?“
„So was soll vorkommen.“
„Okay, Dracula“, kam Hanna auf den Tenor der Sendung zurück. „Was hast du uns zum Thema Freundschaft zu sagen?“
„Für mich bedeutet Freundschaft nicht nur das, was die bisherigen Anrufer darunter verstehen. Natürlich sollte sie sich in großer Not bewähren, aber es sind vielmehr die kleinen Gesten, die zählen.“
„Kannst du uns ein Beispiel nennen?“
„Sicher“, sagte Jakob, um keine Antwort verlegen. „Stell dir vor, du hast einen schweren Tag hinter dir, bist müde, freust dich auf ein heißes Bad und ein gutes Buch. Auf dem Heimweg schüttet es wie aus Eimern und du gerätst in einen Stau. Des-halb bist du etwas unwirsch, als dein Handy unterwegs klingelt. Ein Freund sagt ein geplantes Treffen für das Wochenende ab, weil er mit einer schweren Grippe das Bett hütet. Du wünschst ihm gute Besserung und bist froh, dass du endlich nach Hause kommst. Während das Wasser in die Wanne läuft, schenkst du dir ein Glas Wein zur Einstimmung auf einen geruhsamen Abend ein. Das Wissen, dass dein kranker Freund niemanden hat, der sich um ihn kümmert, versuchst du zu verdrängen. Es gelingt dir aber nicht. Mit einem sehnsüchtigen Blick auf die einladende Wanne drehst du das Badewasser ab, ziehst deinen Mantel wieder an und läufst durch den strömenden Regen zur nächsten Apotheke. Beim griechischen Gemüsehändler besorgst du einen Korb frisches Obst. Angesichts der Fluten von oben fragst du dich, weshalb du dir das antust, anstatt dich zu Hause in deiner Badewanne zu entspannen. Als du pitschnass zu deinem Krankenbesuch eintriffst, belohnt dich ein dankbares Lächeln für deine Mühe. Er hätte dich allerdings auch dann seinen Freund genannt, wärst du zu Hause in deiner warmen Stube geblieben.“
„Das klingt wie eine erlebte Geschichte“, sagte Hanna, als der Anrufer schwieg. „Warst du der bazillengeplagte Kranke oder der nasse Besucher?“
„Das ist unwichtig“, lautete die Antwort. „Diese Episode macht deutlich, dass es manchmal schon genügt, die eigenen Bedürfnisse ein wenig zurückzuschrauben, Verantwortung zu übernehmen und Unbequemlichkeiten in Kauf zu nehmen, um jemandem einen kleinen Freundschaftsdienst zu erweisen.“
„Hast du viele Freunde, Dracula?“
„Nicht so viele, wie du Fans hast, Angel. Im Leben kommt es nicht auf die Anzahl der Freunde an. Ein verlässlicher ist mehr wert, als eine ganze Horde, die beim kleinsten Problem kneift.“
„Ist dir das schon passiert? Dass ein sogenannter Freund im entscheidenden Moment um keine Ausrede verlegen war?“
„Mit zunehmenden Alter und einem gewissen Grad an Reife sollte man genug Menschenkenntnis besitzen, um zwischen wahren Freunden und oberflächlichen Zeitgenossen unter-scheiden zu können“, manövrierte er um eine direkte Antwort herum. „Wie sehen denn deine Erfahrungen in dieser Hinsicht aus, Angel? Wirst du deinem Namen gerecht? Immer engelsgleich und täglich mindestens eine gute Tat? Oder passiert es sogar dir, dass du gelegentlich schimpfst wie ein Rohrspatz und deine Mitmenschen zum Teufel wünschst?“
„Das geschieht allenfalls, wenn sie anfangen, zu viele Fragen zu stellen“, gab sie schlagfertig zurück. Es würde ihm nicht gelingen, mehr aus ihr herauszulocken, als sie preiszugeben bereit war. „Nun wollen wir aber noch andere Zuhörer zu Worte kommen lassen. Ich danke dir für dieses interessante Gespräch, Dracula. – Gute Nacht.“
Ohne auf seine Antwort zu warten, unterbrach sie die Verbindung. Während der Sender nun wieder Musik spielte, saß er noch eine Weile nachdenklich in seinem Ohrensessel.
Die Kinder waren bereits auf dem Weg zur Schule. Die Cousinen saßen noch bei einem Becher heißer Schokolade am Frühstückstisch.
„Gestern hatte ich wieder mal Zeit, in deine Sendung reinzuhören“, sagte Marie, die als einzige außerhalb des Senders die Identität des Engels der Nacht kannte. „Du warst echt gut.“
„Wenn du schon einen freien Abend hast, solltest du um diese späte Stunde längst im Bett liegen.“
„Genau dort habe ich mich befunden“, erklärte Marie. „Ich habe in einigen Kochbüchern nach neuen Anregungen gesucht. Dabei habe ich deinen Gesprächen gelauscht. Eines davon gefiel mir besonders gut...“
„Lass mich raten“, unterbrach Hanna sie. „Du meinst vermutlich den Beitrag von Dracula alias Einstein.“
„Richtig“, bestätigte Marie. „Nicht schlecht, wie er dich aus der Reserve locken wollte.“
„Was ihm aber nicht gelungen ist.“
„Du bist für die meisten Männer zu schlagfertig, Hanna. Das verunsichert sie. So wird das nie was.“
„Du sprichst in Rätseln.“
„Seit wann bist du schwer von Begriff? Der Mann hatte eine sooo sympathische Stimme. Außerdem scheint er, da er sich Dracula genannt hat, so nachtaktiv wie du zu sein. In dieser Hinsicht würdet ihr gut zusammen passen. Du hättest ihn nach seiner Telefonnummer fragen sollen.“
„Wozu?“
„Immerhin lebst du seit fast vier Jahren allein.“
„Ist das etwa verboten?“ versetzte Hanna mit leiser Ungeduld.
„Einem Mann, wie Achim es war, begegne ich kein zweites Mal. Auf eine halbherzige Beziehung kann ich gut verzichten. Hin und wieder ein paar erotische Stunden –mehr ist bei mir nicht mehr drin.“ Forschend musterte sie ihre vier Jahre jüngere Cousine. „Hast du vergessen, dass wir bei der Gründung unserer WG den Männern abgeschworen haben? Damals warst du es, die mit dem angeblich so starken Geschlecht nichts mehr zu tun haben wollte. Wirst du nun etwa rückfällig?“
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