Leise seufzend kramte Jakob eine für alle Fälle eingesteckte kleine Tüte aus der Jackentasche und ging die Einfahrt hinauf.
Wenige Minuten später betrat er mit dem Übeltäter sein Haus.
„Jetzt brauche ich erst mal einen Cognac“, sagte Jakob im Wohnzimmer zu seinem Bruder, der mittlerweile einige Kisten ausgepackt hatte, und ließ sich in einen Sessel fallen. „Eben hatte ich eine Begegnung der 3. Art.“
„Welcher Außerirdische treibt sich denn draußen rum?“ Jonas trat zum Schrank und nahm die Cognacflasche heraus. „ET oder Mr. Spock?“
„Die beiden sind garantiert harmlos gegen den Besen von nebenan“, behauptete Jakob. „Unsere Nachbarn sind offenbar Türken. Wahrscheinlich aus dem tiefsten Anatolien.“ Mit knappen Worten berichtete er von seinem Zusammenstoß mit der Nachbarin. „Dieser hässliche Vogel hätte mich vermutlich am liebsten mit einem langen Dolch gemeuchelt.“
„Hast du vorhin nicht erzählt, die Möbelträger hätten auf dem Balkon eine halbnackte Schönheit gesehen?“, überlegte Jonas und reichte ihm eines der Gläser. „Demnach war deine Vogelscheuche bestimmt die Putzfrau unserer Nachbarn.“
„Eine Putzfrau arbeitet wohl kaum bis spätabends.“ Mit Genuss ließ Jakob den edlen Tropfen auf der Zunge zergehen. „Wer sie auch war, ich hoffe, dass ich ihr nicht noch mal über den Weg laufe.“
Unterdessen betrat die türkische Vogelscheuche das Gebäude des Senders Radio 2000. In ihren altmodischen flachen Schuhen latschte sie mit schlurfenden Schritten zum Lift. Niemand beachtete die vermeintliche Putzfrau. Selbst der Pförtner blickte nur kurz von seiner Zeitung auf. Er kannte die Leute vom Reinigungspersonal, die allabendlich das Haus bevölkerten. Mit einigen von ihnen wechselte er stets ein paar Worte. Die Frau, die gerade im Aufzug verschwand, zählte nicht dazu. Er vermutete, sie sei der deutschen Sprache nicht mächtig und vertiefte sich wieder in seinen Sportteil.
In der vierten Etage verließ die farbenfroh gekleidete Gestalt den Fahrstuhl und wandte sich nach rechts. Ohne Anzuklopfen öffnete sie eine Tür mit der Aufschrift Redaktion. An einem ovalen Tisch saßen eine junge Frau und zwei Männer, die bei ihrem Eintreten erleichtert schienen.
„Du kommst spät“, sagte der Redakteur Sandro Müller ohne jeden Vorwurf. „Gab es Probleme?“
„Zuerst ich musste vertreiben neue Nachbar, weil er hat verwechselt unsere Einfahrt mit Hundeklo“, zählte sie auf. „Dann alte Schrottkiste nix wollte springen an. Hier auf Parkplatz wieder ein paar Leute lungern rum. Sie mich wollten ausfragen, aber Suleika nix verstehen. Ich nur türkisches Putzfrau.“
„Du bist ein Goldschatz“, korrigierte Sandro sie. „Setz dich und hör dir deine grandiosen Einschaltquoten an.“
Bevor sie Platz nahm, zog sie zuerst die Brille von der Nase und das Tuch vom Kopf. Mit den Händen fuhr sie sich durch ihre schulterlangen dunklen Locken.
„Ich höre?“
„Gestern hast du noch 2% zugelegt“, erklärte Babs, die Redaktionsassistentin. „Bald gibt es niemanden mehr, der zwischen Geisterstunde und Morgengrauen einen anderen Sender einschaltet.“
„Unsere Angel ist tatsächlich ein Phänomen“, schloss sich Ulrich Maiwald an. Als Programmdirektor wusste er, wovon er sprach. „Dass ein relativ kleiner Regionalsender wie unserer weit über die Landesgrenzen hinaus so populär wurde, verdanken wir nur ihr. Der Engel der Nacht ist auf dem besten Weg, eine Kultfigur zu werden.“
„Ihr übertreibt wieder mal maßlos“, winkte die so hoch gelobte Moderatorin in plötzlich akzentfreiem Deutsch ab. „Es ist reines Glück, dass das Konzept der Sendung so gut funktioniert.“
„Du bist viel zu bescheiden“, widersprach Ulrich. „Die Mischung aus deiner faszinierenden Stimme, deiner humorvollen Spontanität und deinem enormen Einfühlungsvermögen macht diesen Erfolg aus.“
„Außerdem das Geheimnis, das dich umgibt“, fügte der Redakteur hinzu. „Erinnert ihr euch, was der Reporter vom Focus vor einigen Tagen alles angestellt hat, um das Inkognito des Engels der Nacht zu lüften? Wahrscheinlich dachte er, wir würden ihm Angel auf einem Silbertablett servieren, damit er über unseren Sender schreibt.“
„Die Idee mit dem telefonischen Interview war doch super“, befand Babs. „Fast so genial wie die türkische Putzfrau, die hier abends mit einem klapprigen Fiat vorfährt. Wahrscheinlich würde Hanna in dieser ätzenden Verkleidung nicht mal von ihrer eigenen Großmutter erkannt.“
„Hier gibt es keine Hanna“, betonte Sandro, wobei er seine Assistentin mit einem scharfen Blick fixierte. „Pass bloß auf, dass du dich nicht mal verplapperst, Babs. Das können wir uns nicht leisten.“
„Okay, okay“, beruhigte sie ihn. „Dieser Name kommt nie wieder über meine Lippen.“
„Irgendwann findet doch jemand raus, wer sich hinter dem Engel der Nacht verbirgt“, sagte Hanna nüchtern. „Oder glaubt ihr etwa, das kann man ewig verheimlichen?“
„Solange es so gut läuft wie bisher, bin ich optimistisch“, verkündete der Programmdirektor. „Mit den Werbeeinnahmen schaffen wir uns ein gutes Polster. Außerdem muss die Sendung nicht zwangsläufig sterben, falls du enttarnt werden solltest. Wenn bekannt wird, was für eine tolle Frau sich hinter dem Engel der Nacht verbirgt, wächst deine Fangemeinde wahrscheinlich noch. – Aber darüber sprechen wir, wenn es soweit ist.“ Aus den vor ihm liegenden Unterlagen fischte er eine Karte hervor und reichte sie der Moderatorin. „Weil immer mehr Leute ein Autogramm von dir wollen, habe ich diese Aufnahme anfertigen lassen. Hoffentlich gefällt sie dir.“
Kritisch begutachtete Hanna die Autogrammkarte. Sie zeigte einen Engel mit langem wallenden Haar und zarten Flügeln. Obwohl er dem Betrachter abgewandt auf einem großen Stein saß, erkannte man an der Kopfhaltung, dass er in den Sternenhimmel hinaufschaute.
„Nicht schlecht. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass nun noch mehr Arbeit auf mich zukommt.“ Ihre ausdrucksvollen Augen richteten sich fragend auf den Jugendfreund. „Du erwartest doch sicher, dass ich künftig nicht nur wie bisher meine Fanpost beantworte, sondern auch jede Menge Autogrammkarten signiere. Oder sehe ich das falsch, Uli?“
„Da du zu logischen Schlussfolgerungen neigst...“, entgegnete der Angesprochene mit vielsagendem Lächeln, „werde ich mich hüten, dir zu widersprechen.“
„Das dachte ich mir“, bemerkte Hanna trocken. „Was wäre mir alles erspart geblieben, hätte ich nicht in grauer Vorzeit ein paar Semester Psychologie belegt und mich Jahre später von einem alten Freund überreden lassen, in seinem Sender zu arbeiten.“
„Das alt möchte ich überhört haben“, schmunzelte ihr ehemaliger Klassenkamerad. „Darf ich dich daran erinnern, dass du das Konzept für den Engel der Nacht entwickelt hast?“
„Hätte ich geahnt, du würdest darauf bestehen, dass ich diese Sendung moderieren soll, wäre das Konzept im Papierkorb gelandet.“
„Inzwischen macht dir die Arbeit am Mikrofon doch Spaß. Deine Hörer lieben dich und deine unverwechselbare, erotische Stimme.“
„Keine andere hätte mit dieser Sendung einen solchen Erfolg erzielt“, schloss Sandro sich an. „Worüber möchtest du denn heute mit deiner Fangemeinde sprechen?“
„Über Freundschaft“, gab Hanna ihm Auskunft und zog einige Unterlagen aus ihrer großen Umhängetasche. „Ich habe schon was zu diesem Thema vorbereitet.“
Wie an allen fünf Abenden der Woche, an denen Hanna um Mitternacht auf Sendung ging, begrüßte sie ihre Zuhörer mit den gleichen Worten:
„Hallo, liebe Freunde, Nachtschwärmer, Kapitäne der Landstraße und alle, die noch nicht in den Schlaf finden. Hier ist wieder euer Engel der Nacht. Wie immer begleite ich euch in die Morgendämmerung eines neuen Tages. Habt ihr Lust, mit mir zu plaudern, freue ich mich über euren Anruf hier im Sender. Selbst wenn ihr nur jemanden zum Zuhören braucht, seid ihr bei mir richtig. Die heutige Nacht soll ganz unter dem Motto Freundschaft stehen. Habt ihr mir dazu etwas zu sagen? Was versteht ihr unter Freundschaft? Wo hat sie sich bewährt? In welcher Situation hat sie versagt? Ruft mich an unter der Nummer 01805 66 66 66...“
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