Über zwei Wochen später:
Wir sind auf dem Land, irgendwo in Gujarat. Mit dem großen Reiserucksack auf dem Rücken, dem kleinen Tagesrucksack vor der Brust und meinen Schuhen in der Hand habe ich einen seichten Fluss durchquert. Indische Bauern auf Ochsenkarren und halb nackte Kinder schauten mir vom Ufer aus zu, wie ich über die glatten Flusssteine balancierte. Nach einem längeren Fußmarsch kommen wir in der Siedlung an, wo Theo vor einigen Jahren Material für sein Studium gesammelt hat. Eine Gruppe junger Akademiker aus der Stadt hat sich hier niedergelassen, um der ärmeren Bevölkerung mit juristischem Beistand zu helfen und eine medizinische Grundversorgung zu sichern. Sie bilden Hebammen und so genannte „Health Workers“ aus, die aus den umliegenden Dörfern stammen und nun in ihrer neuen Funktion dort arbeiten.
Morgen wollen Theos Freunde mit zwei Jeeps für einige Tage in abgelegene Dörfer in den Bergen fahren und bieten uns an mitzukommen. Sie setzen sich für die Rechte der Kleinbauern und ihrer Familien ein, die von der Regierung wegen eines großen Staudamms aus ihrer Heimat vertrieben und in ein weit entferntes Gebiet umgesiedelt werden sollen. Die meisten von ihnen gehören zu den „Adivasis“, den indischen Stammesgruppen, die die Urbevölkerung Indiens bilden. Ich bin gespannt, was mich in der Wildnis erwartet.
Nach dem Frühstück packen wir unsere Tagesrucksäcke und steigen ins staubige Fahrzeug. Als wir im ersten Dorf ankommen, laufen einige Frauen und Kinder ängstlich schreiend davon, als sie meinen großen, blonden Mann sehen. Es dauert eine Weile, bis sie Zutrauen gefunden haben, dann strahlen sie uns mit leuchtenden Augen an und fangen an zu lachen. Wir machen die Erfahrung, dass nicht immer eine verbale Kommunikation erforderlich ist, um Kontakt aufzunehmen.
Ohne Theos Freunde, die die regionale Stammessprache beherrschen, könnten wir uns überhaupt nicht verständigen. Bei den Dorfversammlungen sollen Unterschriften gesammelt werden, um bei den Behörden eine angemessene finanzielle Entschädigung für die Betroffenen zu erreichen, die ihre alte Heimat bald verlieren werden. Da die meisten Anwesenden niemals eine Schule besucht haben, drücken sie einfach ihren Fingerabdruck aufs Papier. Hier ist alles total anders und doch irgendwie vertraut. Wir essen scharf gewürztes Gemüse mit Fladenbrot und Reis und benutzen dafür unsere Finger. Wir sitzen und schlafen auf einfachen Matten am Boden. Nachts ist es relativ kühl, so werden wir nicht von Insekten belästigt …
Drei Tage später:
Die vielen Eindrücke lassen mich meine Alltagsprobleme aus Deutschland zeitweilig vergessen. Und dennoch ist mein Sohn immer bei mir. In der Vorstellung zeige ich ihm alles, was ich hier erlebe, und schreibe einen ausführlichen Brief an ihn, als wir wieder zurück sind in der Siedlung. Mit Theo eine derart intensive Zeit in einer mir völlig fremden Umgebung zu verbringen, ist nicht immer einfach für mich. Während ich dies schreibe, sitze ich in der Abendsonne, schaue auf den breiten Fluss hinter den Häusern und denke an Luna. Die lässt nicht lange auf sich warten und flüstert mir zu:
„Hier bist du nun gemeinsam mit Theo, deinem Seelenpartner und aktuellen Lebensgefährten, auf eurer ersten Reise in ein fernes Land. Es wird nicht die letzte sein, das darfst du mir glauben. Ebenso wie zwischen dir und deinem Kind, so gibt es auch zwischen dir und Theo Altes zu heilen und zu korrigieren. Niemand wird behaupten, dass dies ein Kinderspiel ist. Eure Seelen haben sich nicht zum ersten Mal getroffen, wenn auch die Verknüpfungen nicht so ausgeprägt sind wie mit deinem Sohn.
Dein Partner bietet dir eine große Chance, ganz bei dir anzukommen und dich nicht in neue Abhängigkeiten zu verstricken. Freiheit ist das Ziel deiner Seele, vergiss das nicht. Manchmal sieht es so aus, dass es dir schwer fällt, denn Abhängigkeiten haben auch etwas Bequemes, etwas, das scheinbare Sicherheiten bietet. Aber auf einer tieferen Ebene sind diese Sicherheiten Schall und Rauch. Das weißt du selbst am besten. Deine wirkliche Sicherheit liegt in der Entwicklung deines eigenen Potenzials und deiner inneren Reifung.
Sei dankbar, dass du jetzt die Gelegenheit hast, diesen Prozess langfristig und ausführlich zu durchlaufen. In dieser Hinsicht kannst du einiges von deinem Partner lernen. Er hat dafür andere Dinge von dir zu lernen. Lass ihm den Raum, seine eigenen Prozesse zu durchlaufen, und hab Vertrauen, dass sich alles zum Richtigen hin entwickelt. Sei manchmal einfach etwas gelassener und hab den Mut, noch mehr eigene Schritte zu gehen. Du kannst es und du wirst noch einiges in dir entdecken, was du dir früher niemals zugetraut hättest und wofür du lieber eine Abhängigkeit von einer anderen Person in Kauf genommen hättest. Deine Lernaufgabe besteht darin, dich in erster Linie um dich selbst zu kümmern. Wenn du mit dir selber klar kommst, wird es auch mit anderen Personen einfacher sein, insbesondere mit denen, die dir nahe stehen. Solange du aber bestimmte Erwartungen hegst, provozierst du damit Resultate, die dem zuwiderlaufen, was du dir eigentlich wünscht.“
„Welches Vorbild bin ich denn für mein Kind, wenn ich einfach meinen Rucksack packe und für acht Wochen verreise?“, überlege ich und Luna antwortet mir:
„Das ist das einzig Richtige in deiner jetzigen Situation: Du folgst der Stimme deines Herzens! Damit bist du das allerbeste Vorbild für deinen Sohn. Außerdem lässt du ihn an deinen Abenteuern teilhaben, wenn du ihm regelmäßig schreibst. Die beiden Männer kommen ganz gut ohne dich zurecht. Joachim hat wie immer alles im Griff, mit Ausnahme meiner Auftritte und Ratschläge natürlich. So, nun sorge dich nicht weiter und freue dich darauf, was dieses Land noch alles für dich bereithält.“ …
Acht Tage später:
In meinem dunkelroten Mantel aus Fallschirmseide, der mich gut vor Sonne, Wind und Staub schützt, sitze ich auf der großen Marmorterrasse des „Taj Mahal“ in Agra. Dieses majestätische Bauwerk zählt zu den neuzeitlichen Weltwundern und zieht mich ganz in seinen Bann. Mit meinen Augen folge ich den rankenförmigen Steinmustern auf der Außenseite und lasse mich nicht stören durch den Strom der Besucher. Ich tauche ein in die Geschichte seiner Entstehung. Vor über 350 Jahren ließ der damalige Mogul-Kaiser diesen strahlend weißen Kuppelbau als Grabmal für seine verstorbene Gemahlin errichten, die ihm dreizehn Kinder geschenkt hatte.
„Wie muss er sie doch geliebt haben!“, denke ich still bei mir. „Vermutlich hätte er lieber noch länger eine lebendige Frau an seiner Seite gehabt.“ Später wollte er auf der anderen Seite des Flusses Yamuna ein genauso aufwändiges Grabmal, ganz in schwarz, für sich selbst errichten lassen, erzählt mir Theo. Dazu kam es aber nicht, weil ihn sein eigener Sohn kurzerhand vom Thron stieß, angeblich um seinen teuren architektonischen Extravaganzen Einhalt zu gebieten …
Sechs Tage später:
Auf unserer Reise habe ich zahlreiche Kulturdenkmäler besichtigt und viel Neues gesehen. Ein paar Tage lang waren wir in einem gandhianischen Ashram zu Gast, wo die Kinder aus verarmten Landfamilien Schulbildung erhalten und ihre Mütter eine praktische Berufsausbildung. In Delhi besichtigten wir eine der größten Moscheen der Welt, die am Rande der Altstadt liegt, eine „Gurudwara“, die Gebetsstätte der Sikhs mit goldenen Kuppeln, und den modernen Bahai-Tempel, der sich wie eine große Blüte zum Himmel öffnet.
Jetzt sind wir im vorderen Himalaya, in einem kleinen Ort namens Rewalsar. Auf rund 1500 Metern Höhe befindet sich ein See, um den sich wichtige Pilgerstätten von drei verschiedenen Religionen gruppieren: ein buddhistischer, ein hinduistischer und ein Sikh-Tempel. Manche Pilger besuchen gleich alle drei nacheinander, um sich dort den Segen zu holen. Mich erstaunt, dass es hier so ein tolerantes Nebeneinander der Religionen gibt. Von Theo weiß ich allerdings, dass es anderswo auch Mord- und Totschlag zwischen unterschiedlichen Religionsgruppen gegeben hat, was jedoch oft mehr mit dem sozialen Status zusammenhängt. Wer sich einen gewissen Wohlstand verschafft hat, gegen den lassen sich die ärmeren Schichten leicht zu gewalttätigen Aktionen aufhetzen.
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