Einmal feierten wir Fasching in der Schule und ich war ein Marienkäfer. Ich hatte einen roten Rock aus Krepppapier mit schwarzen Punkten darauf und ein spitzes Hütchen ebenfalls mit Punkten. Das war lustig. Wir machten alle gemeinsam hübsche Spiele im Kreis und wir sangen.
Zu Weihnachten bekam ich nun mein erwünschtes Himmelbett in der richtigen Größe und eine große Babypuppe, die die Augen öffnen und schließen konnte, wenn ich sie hinlegte. Das war toll.
Lenchen bekam sensationeller Weise einen Philips -Plattenspieler, der große Schallplatten und Singles abspielen konnte. Der hat uns viele Jahre als Musikquelle gedient, und ich hatte ihn sogar noch zu Beginn der 70er-Jahre in meiner Studentenwohnung.
Dieser Plattenspieler war damals eine Sensation. Gustav und Maria hatten ihn bei Onkel Hans und Tante Frieda im Laden günstiger bekommen, und dazu gab es Schallplatten, solche, die Gustav und Maria gern hörten, z. B. von Friedel Hensch und den Cypris: „Ohne Gruß, ohne Kuss, soll man nie auseinander geh´n, denn, wer weiß, denn, wer weiß, wann wir uns mal wiederseh´n!“ oder „Solang die Sterne glüh´n, solang noch Blumen blüh´n, solange bleiben uns die Hoffnung und die Liebe!“ oder „Meine Heimat ist täglich woanders, immer dort, wo der Wagen grad hält!“ oder von Wolfgang Sauer: „Wenn die Glocken hell erklingen, und der Sommer geht
durch’ s Land, dann beginnt mein Herz zu singen, und wir reichen uns die Hand!“ oder Tom Dooley auf Deutsch: „Alles vorbei, Tom Dooley, auf deinem letzten Gang, keiner wird um dich weinen, bringt dir kein Glockenklang!“ Die meisten Schlager spiegelten noch irgendwie die Traurigkeit des Abschiednehmens, die Heimatlosigkeit, die Tragik von Trennung und eine gewisse Wehmut wider.
Und Lenchen? Lenchen hörte die Musik der Jugendlichen von damals. Das war Rock´n Roll auf Deutsch, von Peter Kraus. Er tritt übrigens sogar heutzutage noch in Deutschland auf. -Ebenso hörte sie Conny Froboess, die auch manchmal mit Peter Kraus zusammen sang, und auch Ted Herold wurde oft gehört, der den damals bekannten Song „Moonlight“ sang. Und dann war da noch ein Amerikaner, der alle jugendlichen Gemüter erhitzte: Elvis Presley. Danach wurde „Rock´n Roll“ getanzt. „Rock´n Roll, Rock´n Roll, ist die Hose noch nicht voll!“, haben wir Kinder immer gesungen.
Jene Songs hatte Lenchen nun in Form von Singles, und die wurden immer gehört, und ich als kleine Schwester war stolz, dass ich mithören durfte.
Die Erwachsenen nannten die Jugendlichen mit Jeans „Halbstarke“. Die Mädchen trugen weite Röcke oder Kleider, darunter Pettycoats. Da diese sehr teuer waren, trugen viele Mädchen mehrere Unterrücke übereinander, damit die Röcke weit abstanden. So also machte das auch Lenchen, und Maria hatte es ihr verboten. Ich habe nie verstanden, warum. Das sei schlampig oder so.
Jedenfalls kontrollierte Maria den Rock und die Unterröcke und Lenchen musste dann, bevor sie zur Schule ging, immer welche ausziehen. Das hat sie genervt.
Und dann hatte Lenchen Konfirmation und bekam den schönsten, breitesten und teuersten Pettycoat geschenkt, dafür sorgte Gustav. Nun brauchte sie nur noch einen und hatte so die weitesten Röcke von allen Mädchen in ihrer Klasse.
Für die Konfirmation wurde unheimlich viel vorbereitet. Ein großer Teil unserer Verwandtschaft kam nun bei uns zusammen. Sie übernachteten alle bei uns in der Wohnung und bei Tante Frieda: meine Großeltern aus Düsseldorf, Onkel Andre, Onkel Fred mit seiner Frau Lucia, Tante Lotti mit ihrem Ehemann Otto, die kleine Oma mit Gustavs Stiefvater, Onkel Ernst und Tante Magda, Nora mit ihrem Mann Bernhardt, Emil mit seiner Verlobten Felicitas und Ilse und Bastian, dem Cowboy, und Onkel Hans und Tante Frieda, Martin und Wilfried und noch einige mehr.
Jedenfalls wurde die ganze Wohnung umgeräumt. Es wurden Tische neu dazugeholt und durch alle Zimmer, die ja ineinandergingen, gezogen. Sie waren mit gestärkten weißen Tischdecken versehen, und Maria hatte für alle gekocht und einige Tage lang bewirtet. Und eine Frau, die tatsächlich Minna oder so ähnlich hieß, wusch das Geschirr ab. Es war eine lustige Stimmung. Gustav, Maria, Lenchen und ich fuhren zu einem Fotografen und dort wurden Familienfotos mit der Konfirmandin Lenchen gemacht.
Nach der Konfirmation besuchte meine Schwester einen Tanzkurs und war stolz auf ihren Pettycoat. Sie hatte einen Verehrer, der ihr Tanzpartner war und der sie immer zum Tanzen abholte. Er lud sie zum Abtanzball ein und sie bekam einen großen Strauß roter Rosen.
Und als die kleine Oma für mehrere Wochen zu Besuch war und Lenchen ihre Musik von Elvis und Peter Kraus hörte, verstand die kleine Oma das nicht so richtig, auch Maria und Gustav konnten der Musik nichts abgewinnen. Doch dann legte Lenchen die Platte „Muß´i denn, muß i´ denn zum Städtele hinaus!“ auf, da schmolz die kleine Oma dahin und meinte: „Hat der aber eine schöne Stimme!“ Und dann sagte Lenchen: „Oma, das ist doch Elvis Presley!“ Die kleine Oma war erstaunt und irgendwie überzeugt. In Deutschland galt Elvis für die ältere Generation als „Halbstarker“, der die Jugend mit seiner wilden Musik verderbe. Durch den Rock´n Roll entstand damals schon eine Art Subkultur. Ich hörte Elvis damals auch gern. Danno ist noch heute ein großer Elvis -Fan, weil er der erste weiße Sänger und Star war, der öffentlich mit schwarzen Sängern und Musikern auftrat, trotz der Apartheid in den 1950er- und 1960er-Jahren in den USA. Er war ein außergewöhnlicher Künstler und überaus spiritueller Mensch und übrigens auch Steinbock.
Allerdings war mein Liebling damals Freddy Quinn, der jung und für mich ein toller Sänger war. Ich liebte wahrscheinlich die Sehnsucht, die hinter diesen Liedern durchschimmerte.
Ich wünschte mir zu meinem Geburtstag zwei Singles, die ich dann auch bekam. Die eine war von Freddy, „Die Gitarre und das Meer“, und von Dalida, „Am Tag, als der Regen kam.“ Das waren meine Lieblingsschlager, die ich im Radio gehört hatte, und als ich diese Schallplatten besaß, spielte ich sie immer wieder, bis ich die Schlager selbst singen konnte.
Maria hörte gern „Köhlerliesel“, das war ein Volkslied als Schlager interpretiert. Und Gustav? Gustav liebte Musik in allen Variationen.
Ja, so war das. Aber das war nicht alles, was sich zu jener Zeit zutrug. Da gab es noch mehr … Dort, wo nicht soviel verdrängt werden musste, passierte mehr zwischen Himmel und Erde …
Zum Beispiel gab es auf der anderen Seite der Erdkugel einen, der sich aufgemacht hatte, die Welt zu verändern. Er hatte 1953 zum Dr. med. promoviert und hatte sich mit einem Motorrad aufgemacht, quer durch Südamerika zu reisen, um sich ein Bild von der Bevölkerung und deren Armut zu machen. Er hatte in Bolivien auf einer Lepra-Station gearbeitet und wollte die ungerechte Welt und die Armut bekämpfen und wurde zum Revolutionär und Rebellen. Er meinte, dass es eine bessere Welt geben könne, wenn man das kapitalistische System durch ein sozialistisches ersetze. Und wenn es möglich sei, die Armut und die Weltungerechtigkeit mit Waffengewalt beseitigen zu können, so wollte er das tun. Er eroberte mit Fidel Castro durch jahrelange Guerilla -Kämpfe Kuba und wurde Kommandant der Festung „La Cabana“, bestimmender Wirtschaftsberater und Ideologe der neuen Regierung Cubas unter Fidel Castro und Leiter der Nationalbank Cubas. Er besuchte mehrmals Ost-Berlin und Moskau. Hierbei handelte es sich um den Argentinier Ernesto Rafael Guevara de la Serna, genannt Che.
Und in den deutschen Familien wurde zunächst fleißig vergessen und verdrängt, so gut es alle konnten: die Täterschaft, das Opferdasein, den Hunger und die Ungeheuerlichkeiten an Unmenschlichkeit.
Nur die Nervenzellen hatten alles gespeichert, das sollte sich noch zeigen! Es war eine Art Pause in jener Zeit im Deutschland der 1950er-Jahre, die notwendig war, weil alle irgendwie unter Schock standen und so tun wollten, als ginge das Leben normal weiter. Die Deutschen waren mit dem Überleben, mit einer Neuordnung des Lebens beschäftigt, und das geschah im Außen, im Aufbauen einer kleinen Welt, die allen zuvor verloren gegangen war. Es wurde nichts wirklich problematisiert. Dazu war kein Raum in den verletzten und irritierten Gemütern.
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