Ich empfand es als schön, dass die Erwachsenen sich so gut verstanden und wohlfühlten. Ich schlief immer wunderbar und morgens krähte der Hahn. Dann gab es eine lange Frühstückstafel, und wir Kinder durften frühzeitig aufstehen und draußen herumtoben. Die Erwachsenen gingen dann zum Kirschenpflücken mit großen Eimern zu den Kirschbäumen. Ich durfte auch ein bisschen dabei helfen, spielte dann aber lieber mit den Katzen und war im Kuhstall. Ich liebte es, den Kühen meine langen Ärmel von meinem Pullover zum Lutschen zu geben.
Ein Kälbchen stand auf dem Rasen und die kleine Oma hatte Lupinen ausgesät. Da nun das Kälbchen in der Nähe dieser Blumen stand und vor sich hingraste und auch die Lupinen ins Visier nahm, sagte die kleine Oma mit ihrem ostpreußischen Dialekt: „Oh, Kuhchen wird Blumchen abfressen!“ Wir mussten alle lachen.
Dann gab es ein wunderschönes Mittagessen, das die Frauen in der kleinen Küche zubereitet hatten, in der so viel Platz für Gespräche und Austausch der Frauen möglich war…Nachmittags gab es selbst gebackenen Kuchen mit Schlagsahne und Kaffee, und für uns Kinder gab es Milch. So ging es zweieinhalb Tage zu, und es war wie ein Paradies für mich, für uns alle.
Am Sonntag gegen Abend fuhren wir dann wieder nach Hause, nachdem wir uns alle mit großer Herzlichkeit verabschiedet hatten.
Wir waren immer glücklich, dort gewesen zu sein.
Und eines Tages heiratete meine Cousine Nora Bernhard, den lustigen Schneidermeister und Postbeamten, vielleicht schien es auch nur so, dass Bernhard lustig war, so genau weiß ich das nicht.
Onkel Ernst hatte eine Kuh verkauft und hatte dann genügend Geld, eine große Hochzeit auszurichten.
Wir waren natürlich alle eingeladen und fuhren schon einen Tag vor dem Polterabend dorthin. Es war ein buntes Durcheinander. Viele Gäste und Verwandte waren bereits dort eingetroffen und alle schliefen in dem kleinen Häuschen oder einige bei Nachbarn. Irgendwie kamen alle unter, und die Stimmung war fröhlich und ausgelassen. Lenchen und ich schliefen z. B. in einem Bett, anders ging das nicht.
Ich sollte Blumen streuen und freute mich darauf.
Die Hochzeit selbst war feierlich und die Trauung fand in der Dorfkirche statt, alle waren sehr fein angezogen. Gefeiert wurde in der Dorfgaststätte in einem großen Saal. Es waren insgesamt etwa hundert Hochzeitsgäste, die großzügig mit Essen und Trinken bewirtet wurden. Das hatte damals noch eine besondere Bedeutung, diese Üppigkeit des Essens und Trinkens.
Es gab Musik und es wurde getanzt. Einige Männer hatten ihre großen Fotoapparate mit riesigen Blitzlichtaufsätzen dabei, wie sie damals üblich waren, und schossen Fotos.
Wir Kinder durften alle solange aufbleiben, wie wir wollten, wir durften auch mittanzen und an der Freude der Erwachsenen teilhaben. Das war lustig. Gefeiert wurde bis zum Morgengrauen. Und am nächsten Morgen ging es weiter. Fast alle Gäste, einige fuhren morgens nach Hause, saßen wieder bei Onkel Ernst im kleinen Häuschen und frühstückten, tranken Schnaps und feierten weiter. Wir bekamen einen leckeren Sonntagsbraten zum Mittagessen und alle waren fröhlich, und irgendwann fuhren wir dann auch nach Hause.
Das war dort in Nes. irgendwie immer ein Stück Heimat gewesen, für uns alle.
Eines Tages fuhren wir in die „Ostzone“, so wurde die von den Russen organisierte Zone im Osten Deutschlands nach dem Krieg genannt. Dort, in Thüringen, lebten einige von Marias Verwandten, denen Maria oft Pakete mit Lebensmitteln geschickt hatte. Es waren die sogenannten „Ostzonen-Pakete“. Zwei von Marias jüngeren Cousinen heirateten, die eine der beiden, meine Tante Lucia, wurde die Frau von Onkel Fred. Es war eine Doppelhochzeit. Ich sollte auch hier Blumen streuen und ein Gedicht aufsagen, das Maria mit mir einstudiert hatte. Es handelte irgendwie von Zwergen und Riesen, die zur Hochzeit gratulieren wollen.
Wir fuhren frühmorgens los und kamen irgendwann nachmittags in Ostberlin an, wo wir bei irgendwelchen Verwandten übernachteten. Von dort aus fuhren wir morgens um fünf Uhr weiter, und wir wurden von dunklen Männern in Uniformen kontrolliert. Es war eine gespenstische Angst, die ich damals empfand, die sich von Gustav und Maria auf mich übertragen hatte.
Maria hatte vieles zu den Verwandten in die Ostzone mitgenommen: Kleidung und Lebensmittel, da die Bevölkerung dort nach dem Krieg und viele Jahre danach schlechter mit allem versorgt war als in den britisch, amerikanisch und französisch besetzten Zonen.
Als wir noch in Mel. wohnten, hatte Maria oft Pakete mit geschlachteten Hühnern, Eiern, selbst gestrickten Pullovern usw. zu den Verwandten in die Ostzone geschickt, wir wussten nicht genau, ob die Pakete alle angekommen waren.
Jetzt fuhren wir also selbst dorthin. Als wir ankamen, da war schon ein langer Tisch mit einer weißen Tischdecke bezogen. Und wir bekamen Abendbrot, und die Hochzeitsgäste trafen alle nach und nach ein. Die Hochzeit sollte am nächsten Tag stattfinden.
Jedenfalls bekam ich einen Schlafanzug an, weil ich abends rechtzeitig schlafen sollte, und saß an dieser langen Tafel. Und dann schrie ich: „Au!“ Hatte mir doch ein kleiner Cousin, der unter den Tisch gekrabbelt war, in meinen Zeh gebissen. Das tat wirklich weh!
Und dann wurde ich von jemandem gefragt: „Wen magst du lieber, Vati oder Mutti?“ Und ich habe wie ein Schaf prompt geantwortet: „Vati!“ Maria schaute etwas verlegen und erstaunt, und ich wusste, dass ich etwas Falsches gesagt hatte, und es tat mir aufrichtig leid, weil ich schon immer für Ausgewogenheit und Gerechtigkeit war. Allerdings war Gustav mir tatsächlich von allen Familienmitgliedern am seelenverwandtesten gewesen.
Zur Hochzeitsfeier trug ich ein wunderschönes blaues Samtkleid mit weißem Kragen und ich streute die Blumen.
Auf meiner Hochzeit streute niemand Blumen! Nun habe ich auch immer ein ambivalentes Gefühl zu Hochzeiten und deren Feiern gehabt und bei diesem Thema eher an Bertolt Brechts Kleinbürgerhochzeit gedacht. In den 1950er-Jahren wurde das allerdings noch anders erlebt, es hatte etwas scheinbar Authentisches und gehörte dazu, das Heiraten und eine Hochzeitsfeier. Heute im 21. Jahrhundert ist das Heiraten mit einer entsprechend großen Hochzeit nicht nur üblich, sondern fast en vogue. Ich weiß nicht, ob das fort -oder rückschrittlich ist, nach allem, was in den letzten 50 Jahren im Hinblick auf das Vermeiden bürgerlicher Scheinheiligkeit, was Hochzeitsfeiern betrifft, propagiert wurde. So entspricht der Trend, aufwendige Hochzeiten auszustatten, eigentlich eher dem Leben und den Weltanschauungen des Kaiserreichs. .
Als ich damals dann vor dem Festessen das Gedicht aufsagen sollte, fing ich an und dann blieb ich stecken. Alle fanden das niedlich, aber ich hatte mich geschämt und fühlte mich seit dem nicht mehr wohl. Von diesem Moment an mochte ich nicht mehr gern Gedichte aufsagen, vielmehr fing ich sehr früh an, selbst zu dichten.
Und als es Sommer in Ho. war, da gab es einmal einen extrem warmen Sommerregen und wir Kinder durften nachmittags Badeanzüge bzw. Badehosen anziehen und draußen in den entstandenen Pfützen plantschen und die warme Dusche von oben genießen.
Irgendwann einmal mussten Wilfried und ich und auch die anderen Kinder den Kindergarten frühzeitig verlassen, die meisten Kinder wurden von ihren aufgeregten Müttern abgeholt. Eine rief sehr hektisch: „Schnell, mein Kind! Ich will Adenauer sehen!“
Jedenfalls trotteten Wilfried und ich in gewohnter Weise zusammen nach Hause, und dabei sahen wir viele Menschen, die sich auf dem Marktplatz gegenüber unserer Wohnung versammelt hatten. Zu Hause angekommen hatten unsere Mütter bereits das Wohnzimmerfenster geöffnet, das den direkten Blick auf den Marktplatz ermöglichte. Wir Kinder durften nach vorn, ich sah gar nichts außer viele Menschen und jemanden in ein Mikrofon sprechen. Das war der erste deutsche Bundeskanzler nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war der beliebte Deutsche, der tatsächlich nichts mit dem Nazi-Regime zu tun gehabt hatte. Es war für die Menschen eine Sensation, dass der Bundeskanzler aus Bonn, welches die damalige Politmetropole war, auch in der kleinen Stadt Ho. seinen Wahlkampf durchführte.
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