Albert Einstein sagte: „Es gibt nur zwei Arten, zu leben, indem wir entweder nichts oder alles als Wunder betrachten.“
Letzteres taten Maria und Gustav damals und sie waren sehr glücklich und dankbar. Und jetzt? Jetzt müssen sie an das Wunder des Sterbens glauben, das Loslassen zulassen und sich in diesem Leben zum letzten Mal verabschieden. Keiner weiß so genau, wie das sein wird. Gustav ist noch hier und möchte die Erde doch verlassen. Er ist sogar noch auf dem Sterbebett schön. Ich habe ihm in der letzten Woche die Füße massiert, sie waren weich, warm und wohl geformt und Gustavs Gesicht glich dem eines Engels.
Maria geht am Rollator. Sie will noch nicht alles loslassen, kämpft mit sich und der Welt und übt sich im Einverstandensein trotz des Aufbäumens gegen das Endliche des menschlichen Schicksals – und schimpft weiterhin über Nazi -Methoden im Seniorenheim.
Jedenfalls damals an der holländischen Grenze war für Gustav und Maria alles gut, verheißungsvoll und erfüllt von Glück. Sie liebten sich in ihrer kleinen Kammer. Es hatte damals immer etwas Heimliches, denn sie musste immer warten, bis Lenchen draußen spielte, wenn es Sommer war, oder wenn sie im Winter bei Settes in der Bauernstube spielte. Da war immer die Angst, es könne jemand sie beide bei der Liebe stören. Daher hatte es etwas Ungeheuerliches, wenn sie sich liebkosten, wenn sie zärtlich miteinander waren und bis zur Erschöpfung die Einswerdung erprobten.
Jedoch legte sich ein Schatten auf ihr lichtes Glück, denn Maria klagte immer häufiger über diffuse Schmerzen, die einerseits nicht genau zu orten waren, aber dennoch waren es Schmerzen. Schmerzen im rechten Arm und am Rücken.
So fuhr Maria eines Tages, als sie es vor Schmerzen nicht mehr aushalten konnte, in die benachbarte Stadt und suchte dort einen Arzt auf, der keine Ursache oder Zusammenhänge für die Schmerzen diagnostizieren konnte.
Gustav, Settes und einige Nachbarn rieten Maria dazu, noch einmal schwanger zu werden. Dann würden sich die Schmerzen automatisch auflösen und sie würde sich wohler fühlen, da sie dann eine Aufgabe hätte.
Tatsächlich wünschte sich Gustav sehnlichst noch ein Kind, und auch Maria wollte noch eines, da sie Gustav so sehr liebte. Es sollte diesmal ein Junge sein, und der sollte Gustav heißen wie der Vater und der Großvater.
Nun war es nicht leicht, die Frau an Gustavs Seite zu sein. Alle Frauen, mit denen Gustav in Kontakt kam, ob jung oder alt, mochten ihn und liebten ihn irgendwie.
Jedenfalls stand er immer im Mittelpunkt, wenn sie irgendwo waren, zum Tanzen, beim Einkaufen oder sonst wo …
Maria war eifersüchtig, spürte aber Gustavs Liebe zu ihr, und so strengte sie sich an, ihn nicht zu verlieren. Sie biss die Zähne zusammen, wenn sie Schmerzen hatte und wollte nicht die klagende, jammernde Frau an seiner Seite sein. Sie schluckte all dies und ihre Schmerzen herunter, schob sie beiseite, so gut sie konnte, und wollte die tapfere, tolle Frau sein. Das war sicherlich sehr anstrengend und sollte fast 90 Jahre lang andauern.
Jetzt, wo Gustav sich ganz langsam von der Erde verabschiedet, befindet sich Maria in einer tiefen „Jammerdepression“: Alle alten negativen Gefühle und Verletzungen von damals kommen ans Licht und werfen ihre Schatten voraus und hinterher.
Damals jedenfalls wurden Marias Schmerzen immer stärker und sie hielt es nicht mehr aus. Irgendwann in jener Zeit, als Maria und Gustav einerseits so glücklich miteinander waren und als gleichzeitig der Schatten einer herannahenden Krankheit Maria verdrießlich und verzweifelt machte, in so einer Situation beschloss meine Seele zu den beiden zu wollen.
Im ekstatischen Zustand beidseitiger Liebe und Hingabe im Mai 1952 wurde ich gezeugt. Meine Seele hatte sich festgelegt für dieses Leben, diese Mutter, diesen Vater, diese Schwester. Es war keine günstige Zeit, welche Zeit ist schon günstig?
Vielleicht war sie hierher gekommen, weil sie irgendwie helfen wollte, Marias Schmerzen zu überwinden, sie ihr abzunehmen, vielleicht war sie gekommen, um Gustav, Maria und Lenchen und sonst wen glücklich zu machen?
Maria wurde nach der Zeit der Empfängnis immer schöner, die Hormone machten sie ausgeglichener, sodass ihre Schmerzen für eine Zeit in den Hintergrund traten. Und als sie definitiv wusste, dass sie schwanger war und Gustav und alle anderen, die sie gut kannten, ebenfalls Bescheid wussten, war es das Thema im Dorf: Maria war schwanger und wurde immer schöner!
Jedoch gab es für Maria nur kurze Momente der Entlastung, die Schmerzen in der Wirbelsäule nahmen zu, je mehr das Kind in ihr wuchs. Sie war unglücklich und verzweifelt und suchte unterschiedliche Ärzte in der Umgebung und darüber hinaus auf. Diese bedienten sich als moderne Mediziner der Röntgenstrahlen, die zu jener Zeit die neue wissenschaftliche Entdeckung und deshalb sehr beliebt waren. Die damalige Schulmedizin glaubte genauso wie die heutige an die Aussagen von Apparaten und komplizierten Messmethoden, ohne häufig die Nebenwirkungen genügend zu berücksichtigen bzw. diese einschätzen zu können.
Jedenfalls wurde Maria fleißig geröntgt und die Ärzte meinten, nun, da sie in den Körper hineinschauen konnten, irgendetwas zu finden, was für Marias Schmerzen hätte verantwortlich sein können.
Sie fanden nichts, und deshalb war es für sie und die anderen klar, dass Maria ein Hypochonder war. Sie sollte sich ablenken und auf das Kind freuen, dann hätte sie eine Aufgabe!
Einer der vielen Ärzte kam dann noch auf die Idee, Maria zu einem Zahnarzt zu schicken, denn kranke Zähne aufgrund von Mangelernährung – z. B. im Krieg oder auf der Flucht –, hätten auch eine Ursache für Marias Rückenschmerzen sein können. Maria konsultierte jenen Zahnarzt, und der war nicht faul und entschied, dass Maria sich fast alle Zähne ziehen lassen müsse. Sie war und ist eine willensstarke Frau, aber in jener Situation wollte sie nur, dass ihr irgendwie geholfen würde, also ließ sie das zu und bekam ein Gebiss. Sie hatte viele Plomben aus Amalgam in ihren Zähnen gehabt, ein Metallgemisch mit Quecksilber. Diese hatten sich zum Teil im Körper abgelagert und wurden nun nach der Zahnextraktion auch noch im Körper frei und durchdrangen auch die Plazenta und die Bluthirnschranke des Embryos. Das wusste damals aber niemand, bzw. die Wissenschaftler, die sich dagegen gewehrt hatten, Amalgam als Zahnfüllstoff wegen seiner Toxizität auf den Markt zu bringen, wurden nicht gehört. Es war der kostengünstigste Stoff, und er wurde bei allen Menschen eingesetzt, bei Kindern und Erwachsenen, ganz gleich, ob arm oder reich.
Maria fühlte sich verloren und verlassen, sie war verzweifelt und gab trotzdem nicht auf, auch heute gibt sie nicht auf, wo sie den längsten aller Abschiede nehmen muss.
Jedenfalls hatte damals auch Gustav sehr gelitten, er tat aus seiner Sicht alles, um Maria zufrieden und glücklich zu machen. Nichts half.
Auch er zweifelte zwischendurch daran, ob Marias Schmerzen so real waren. Er wollte sein Glücksgefühl des Jungseins und Gesundseins nicht gestört wissen und gleichzeitig litt er mit Maria.
In jener Zeit gab es in dem ostfriesischen Dorf auch aufdringliche Frauen, die Marias Schwangerschaft, ihr Kranksein und ihre Unbeweglichkeit nutzten, um mit Gustav flirten zu können. Häufig wurden Gustav und Maria zu den Nachbarn eingeladen, aber da Maria vor Schmerzen nicht mitkommen konnte, ging Gustav manchmal auch allein dorthin. Maria litt vor sich hin, auf der einen Seite hatte sie die großen Schmerzen und sorgte sich darum, ob sie für das Baby jemals da sein könnte, und auf der anderen Seite hatte sie Angst, Gustav und das gemeinsame Glück mit ihm, zu verlieren. Lenchen bekam nicht viel davon mit, denn sie spielte meistens bei Settes, und ansonsten waren ihre Eltern für sie da.
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