Sanitäranlagen gab es nicht wirklich, aber Plumpsklos, das Freie und einen Raum mit Wasserhähnen – von einem Waschraum konnte man nicht sprechen. Alles war umständlich, unwirtlich, unhygienisch, eng, laut und unappetitlich, und alle hatten irgendwie immer Hunger. Es waren damals sicherlich Gefühle der Abneigung und des Ekels entstanden, besonders bei Maria. Für Frauen war diese Situation besonders beschwerlich, wenn sie ihre Periode hatten, so mussten sie sehr einfallsreich sein und improvisieren. Als Windeln nahmen die Mütter für die Babys irgendwelche Tücher, weiche Stoffe und das, was eben vorhanden war.
Übrigens vergleicht Maria ihren Aufenthalt in dem Seniorenheim jetzt mit einem Lager, in dem Nazi-Methoden angewendet würden. Sie empfindet ihr Altsein und ihre Hilfsbedürftigkeit und das Angewiesensein auf Hilfe als demütigend, würdelos und schikanös. Die Gefühle, die sie damals in dem Lager und im Krieg auf der Flucht hatte, treten jetzt in den Vordergrund und vermischen sich mit den authentischen Gefühlen des Alterns.
Maria hatte nach Kriegsende eine tiefe, verborgene Sehnsucht und gleichzeitig das konkrete Bedürfnis, das jedoch verdrängt werden musste, irgendwann einmal ein eigenes Dach über dem Kopf zu haben, eine saubere Toilette und ein Badezimmer, genügend zu essen und genügend Platz zum Schlafen.
An irgendeinem Tag, der wie gewöhnlich trist, öde und langweilig verlief, kam ein Aufseher und bat Gustav, ihm im Büro zu helfen. Das tat Gustav gern, um seine Langeweile zu vertreiben. Er erledigte vieles: heftete Papiere ab, sortierte irgendwelche Akten und erledigte andere Büroarbeiten. Dafür bekam er jeweils zwei gut bestrichene Butterbrote. Und auch Maria konnte sich nützlich machen. Eines Tages fragten Lageraufseherinnen, wer stricken könne. Darauf meldete sich Maria, und sie strickte Strümpfe, Handschuhe, Mützen und Schals. Das machte den Lageralltag erträglicher, und auch sie erhielt Butterbrote für ihr Tun, die zunächst Lenchen bekam. Diese spielte derweil im Lager mit den anderen Kindern.
Und eines Tages, nach langem Warten, die Zeit schien unendlich, ging Gustav noch einmal zu dem Polen, der sie zuvor beherbergt hatte, und bat ihn um Hilfe. Er sollte Gustav eine Möglichkeit nennen, damit er mit Maria und Lenchen eine Ausreise- und eine Zuzugsgenehmigung bekommen könnte. Sie wollten nicht länger warten, sie fühlten sich unwohl und erschöpft. Der Pole gab Gustav den Rat, sich als Facharbeiter auszugeben, damit er eine Berechtigung habe, sofort auszureisen, das wäre als Flüchtling sonst nicht möglich.
Der Pole schrieb Gustav eine Bescheinigung darüber aus und gab ihm den Namen eines Bürovorstehers, der in dieser Angelegenheit entscheidungsbefugt war. Gustav bedankte sich und ging dort hin. Er fand diesen russischen Bevollmächtigten nach intensiver Suche und häufigem Nachfragen in einem dunklen Büro mit vielen Akten und Papieren, hinter denen sich viele Schicksale verbargen. Gustav trat trotz oder gerade wegen seiner unbeheimateten Situation selbstbewusst in diesen Raum. Er hatte wohl etwas Entschlossenes und gleichzeitig Flehendes in seinen Augen. Ein großer Mann mittleren Alters saß hinter seinem Schreibtisch und zwei etwas jüngere Männer standen neben ihm. Auf die Frage, was Gustav wolle, antwortete dieser in einer nicht zögerlichen Weise: „Ich bitte um Ausreise für meine Frau, unsere kleine Tochter und mich! Ich bin Facharbeiter und habe hier als Klempner gearbeitet. Wir wollen nun weiter in die Heimat!“ Die Männer schauten erst Gustav und dann sich untereinander fragend an. „Warum wollen Sie denn weg?“ Gustav sagte: „Ich habe hier im Moment keine Arbeit mehr und bin ein heimatloser Deutscher, der kein Zuhause hat. Ich möchte in meine Heimat!“ Er glaubte wohl in diesem Moment noch, dass Heimat irgendein Ort sein könnte auf dieser Welt.
Jedenfalls sagte Gustav dies so überzeugend, wie er oft nicht nur in Grenzsituationen sein konnte, und er wirkte wohl auch anrührend, sodass der Mann hinter dem Schreibtisch die beiden anderen ansah und antwortete: „Lasst ihn doch in Gottes Namen in sein Vaterland fahren!“ Sie stellten ihm eine Ausreisegenehmigung aus und so konnten Maria, Gustav und Lenchen weiter in den Westen fahren.
Sie kamen nach Uelzen in ein Auffang- bzw. Zwischenlager, bevor sie dann nach Niedersachsen einreisen durften. Von dort aus besuchten sie Gustavs Bruder Ernst, der mit seiner Familie den Krieg überlebt hatte. Er war unversehrt von der Front zurückgekehrt und mit seiner Frau Hedwig und seinen vier Kindern, die alle um einige Jahre älter als Lenchen waren, glücklicherweise in die Nähe von Braunschweig gezogen. Dort bewohnten sie eine große Wohnung zu jener Zeit und Gustav, Maria und Lenchen waren glücklich dort zu sein. Es war ein Stück Heimat, die Verwandten wiederzusehen. Alle waren dankbar und gerührt vor Freude.
Es gab genug zu essen und selbst gebrannten Schnaps und viel zu erzählen. Die Wiedersehensfreude war groß, denn auch Gustavs Mutter und sein Stiefvater wohnten dort. Sie weinten alle vor Freude und Dankbarkeit, dass sie einander wiedersehen konnten. Die Besuche bei Onkel Ernst und seiner Familie waren auch später, als ich bereits geboren und ein Kind war, immer wieder Heimaterlebnisse.
Damals blieben Gustav, Maria und Lenchen nur eine Woche dort, dennoch war diese Woche ein Lichtblick im Dickicht und Dunkel des Flüchtlingsalltags. Ihnen wurden Lebensmittel mitgegeben. Sie fühlten sich gestärkt und so konnten sie die letzten drei Wochen im Auffanglager Uelzen noch ertragen. Sie sehnten sich so sehr nach Ankommen und Angekommensein. Und schließlich kam die Zeit näher, sodass sie dann eines Tages nach Ostfriesland weiterfahren konnten, wo sie auf einem Bauernhof wohnen sollten. Als sie auf dem Bahnhof in einer kleinen ostfriesischen Stadt angekommen waren, sollten sie abgeholt werden. Sie warteten auf einer Bank, die sich gegenüber dem Bahnhof befand. Sie waren müde, wollten irgendwo ankommen, wollten zur Ruhe kommen, irgendwo sein dürfen, wo sie nicht mehr so schnell wieder wegmussten, wo man sie nicht vertreiben konnte.
Nach langem Warten wurden sie beide von Hinnerk, dem „Knecht“ der Familie, auf deren Bauernhof sie eine Zuweisung als Flüchtlinge bekommen hatten, abgeholt. Er kam mit einer Kutsche, einem Einspanner und sie stellten sich vor. Sie fuhren mit jener Kutsche, die nicht an die erinnerte, die sie kannten, los. Sie waren schweigsam, erschlagen von den vielen Eindrücken der letzten Wochen und Monate. Was sie sahen, war flaches Land, mit Ölpumpen, die für Lenchen lange Nasen, die sich in die Erde stießen, darstellten. Gustav und Maria empfanden gar nichts oder ganz viel, es war zu der Zeit nicht spürbar, überlagert von Eindrucksüberfrachtungen und Erschöpfung. Und irgendwann waren sie dort, angekommen, zunächst einmal, nicht für immer, aber was ist schon für immer?
Jetzt waren sie hier auf einem alten Bauernhof in der Nähe der Niederländischen Grenze. Eine Allee mit altem Baumbestand führte zu dem Fachwerk-Bauernhaus. Die alte Bäuerin, Frau Sette, ihr Sohn Hannes und ihre Schwiegertochter Marike waren die Familie, und der Knecht Hinnerk gehörte auch dazu. Gustav und Maria wurden mit Skepsis betrachtet und kühl empfangen. Das war Gustav und Maria aber in dem Moment gleichgültig. Hauptsache ein Dach über dem Kopf, kein Lager mehr, keine Läuse, kein Schnarchen und Geröchel.
Sie erhielten eine kleine Kammer, in der ein altes Bett stand, das für zwei Personen an sich zu klein war. Dann gab es noch einen Tisch und drei Stühle und ein altes Chaiselongue. Das Fenster war klein und entsprach dem eines alten ländlichen Ostfrieslandhauses. Es gab draußen ein Plumpsklo und einen kleinen Raum mit kaltem Wasser zum Waschen. Die Wäsche wurde gemeinsam mit der Familie Sette in einem Waschraum gewaschen.
Gustav und Maria waren sprachlos. Hier sollten sie nun bleiben? Aber sie waren dankbar dafür, dass sie als Flüchtlinge überhaupt aufgenommen worden waren. Lenchen hatte sich derweil schon mit der ganzen Familie angefreundet und alle hatten sie sofort in ihr Herz geschlossen. Maria und Gustav wurden mit Skepsis und Distanz behandelt. Niemand traute den beiden zu, dass sie auf dem Bauernhof arbeiten konnten. Als die Familie Sette dann sah, wie fleißig Maria war, die Kühe molk, auf dem Feld und im Haus arbeitete, Brot und Kuchen buk, Wäsche wusch und sich im Bauerngarten nützlich machte – und auch dass Gustav hart und gewissenhaft auf dem Feld arbeitete, senste, pflügte und säte –, da waren sie irritiert und gleichzeitig angenehm überrascht. Als Gustav und Maria dann auch noch sonntags in die Kirche gingen und das auch noch aus Überzeugung, da war die eisige Wand geschmolzen und die Bauernfamilie begegnete auch Gustav und Maria mit großer Herzlichkeit. Und der Eindruck, dass die beiden „Filmschauspieler“ nicht in der Lage wären zu arbeiten, verblasste.
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