1 ...7 8 9 11 12 13 ...33 Gustav wurde von vier russischen Soldaten, die ihre Karabiner im Anschlag hatten, an die Wand gestellt, mit erhobenen Händen. Maria, ihre Eltern, ihre Geschwister, Gustavs Mutter, der Stiefvater, seine Schwester und er selbst erstarrten innerlich vor Angst. Da jedoch geschah ein Wunder, es kam gerade zu dieser Zeit Hilfe, in dieser Sekunde, eigentlich ging es um Sekunden, auch wenn es quantenphysikalisch keine Zeit und keinen Raum gibt, sondern nur ein Kontinuum von Raum und Zeit!
Jedenfalls damals in jenem Zeitkontinuum kam eine Polin zur rechten Zeit an den rechten Ort gelaufen und rief: „Nicht schießen, nicht auf den!“, und zeigte auf Gustav. „Das ist unser Junge, das ist unser Junge! Das ist ein Guter!“ Die Soldaten nahmen ihre Gewehre herunter und sprachen mit der Polin! Gustavs Leben war gerettet, zunächst einmal!
Das ist für diejenigen, denen so etwas nicht widerfahren ist, wohl kaum vorstellbar.
Die Polin war die Mutter zweier Söhne, mit denen Gustav befreundet gewesen war, und denen er treu zur Seite gestanden hatte. Hier hatte das Resonanzgesetz gewirkt: „Wie man/frau in den Wald hineinruft, so schallt es heraus!“
Alle waren erleichtert, allerdings nur für den Moment. Die Angst, diese Begebenheit könne sich wiederholen, blieb und verstärkte sich noch.
Ähnliche Situationen wiederholten sich tatsächlich. Sie waren immer einzigartig in ihrer Dramatik und in ihrem Schrecken und in ihren Auswirkungen auf die bereits verängstigten Seelen. Gustav blieb tatsächlich verschont, er musste nicht sterben, er blieb unversehrt und es war jedes Mal ein Wunder.
Die Deutschen glaubten, er sei ein Deserteur, denn dass Gustav trotz einer totalen Urlaubssperre nun Sonderurlaub hatte, das war unglaubwürdig, weil zu dem Zeitpunkt damals jeder junge Deutsche Mann Soldat war.
Deshalb hätten die Deutschen einen Grund gehabt ihn zu erschießen. Für die Polen und Russen war er ein Nazi-Deutscher, der als Soldat gegen sie gekämpft hatte, deshalb war er auch von dieser Seite ständig bedroht.
Da Gustav in Zivil war, waren die russischen Soldaten zunächst zögerlicher, aber die Gefahr getötet zu werden, war für Gustav dadurch nicht gemindert. Überhaupt waren alle Deutschen, die auf der Flucht waren, vom Tode bedroht. Maria und alle anderen Familienmitglieder waren ebenfalls gefährdet. Sie hatten von Beginn der Flucht an am Wegesrand viele Tote gesehen, junge und alte, viele, die sie gekannt hatten, einige waren verblutet, verstümmelt, grausam zugerichtet. Sie konnten nicht Halt machen, niemanden beerdigen. Sie hätten selbst jederzeit dran sein können.
Jetzt waren sie alle in den Händen russischer Soldaten und wurden dazu gezwungen, zurückzufahren. Wohin zurück? In ihre Heimat! Sie waren alle irgendwie zwischen Raum und Zeit, sie mussten zurück ins Nichts!
In S. angekommen erkannten sie fast gar nichts wieder. Die Menschen und auch die Tiere waren weg. Gustavs Bauernhaus war zerschossen und geplündert! Über dem Buffet im Wohnzimmer hing das Portrait von Gustavs Vater schief nach unten und war mit Kugeln durchlöchert.
Hierher mussten sie nun zurückkehren und hatten nichts anderes als Überlebensangst. Diese Angst wurde auf tiefer Ebene Bestandteil ihres Lebens.
Jedenfalls musste auch hier das Leben weitergehen, wenn es nicht gewaltsam beendet würde. Lenchen, das Baby, hatte Hunger. Maria konnte keine Muttermilch mehr zur Verfügung stellen, da Angst und Schrecken die Quelle des Lebens versiegen ließen.
Wenn Menschen sich als Menschen fühlen, auch wenn Krieg ist, dann gibt es Frieden, Frieden im Hier und Jetzt. So war es hier geschehen. Die russischen Soldaten blieben draußen auf dem Hof. Ein hochrangiger russischer Offizier mit jüdischen Wurzeln sprach ein wenig deutsch und gab Anweisungen, eine Kuh zu besorgen, damit Lenchen nicht verhungern musste. Und eine Flasche Schnaps sollte den Kriegsabend erträglicher machen.
Marias Eltern, Gustavs Mutter, sein Stiefvater, seine Schwester Magda, alle befanden sich in Gustavs jetzt ehemaligem Vaterhaus, außer Fred, der an der russischen Front war, und Gustavs Bruder Ernst, der ebenfalls als Soldat Deutschland an der russischen Front verteidigen sollte, wo die Grenzen gar nicht hingehörten.
Maria stand in der Küche, mit Lenchen auf dem Arm. Die Angst war immer da und Entsetzen, dass dies nun ihr Zuhause gewesen sein sollte – alles war weg, nur eine Küchenuhr an der Wand gab irgendeine Zeit an.
Sie alle konnten ihre Angst nicht mehr spüren und auch nicht ihren Hunger, sie standen unter Schock und agierten nach außen wie mechanisch, als seien sie der Schatten ihrer selbst. Tatsächlich besorgten zwei russische Soldaten eine Kuh, die sie im Ortskern auf irgendeinem Hof noch gefunden hatten. Maria molk diese Kuh und irgendein Töpfchen fand sich noch in einem Hängeschrank in der Bauernküche. Die Milch wurde darin aufgekocht und für Lenchen wohltemperiert in einem Fläschchen zubereitet. Sie musste nicht hungern, nicht verhungern, wie so viele andere Babys, die mit ihren Müttern irgendwo auf der Flucht waren.
Auch die anderen konnten noch etwas essen, irgendetwas aus den Vorräten im Wagen. Was sie mühsam eingepackt hatten, davon konnten sie sich jetzt nehmen. Sie aßen aus irgendeinem Zwang heraus, aus einem Überlebensdrang heraus, nicht weil das Essen schmeckte oder irgendein Appetit sich einstellte.
Das und auch Gefühle wie Trauer, Wut, Traurigkeit und derartige Seelenzustände konnten sie nicht fühlen.
Maria freute sich über Lenchens Milch und dass es nun fest eingewickelt im Federkissen einschlafen konnte. Plötzlich traten drei russische Soldaten in die Küche und verlangten, dass Maria mit ihnen nach nebenan gehen möge. Das Herz schlug ihr bis zur Fontanelle, und als sie mit den Soldaten allein im Raum war, dachte sie an das Schlimmste, was einer Frau widerfahren kann. Die Soldaten klopften Maria ab, sie hatte eine Art Trainingsanzug an. Sie war sehr hübsch trotz ihrer zweckmäßigen Kleidung. Dennoch bedeutete das Abklopfen nichts anderes als die Gier der Soldaten nach verstecktem Schmuck. Dass die Frauen, jedenfalls Maria und ihre Mutter und Schwiegermutter, wegen möglicher Plünderungen und Raubmorde ihren gesamten Schmuck zurückgelassen hatten, kam Maria zugute.
Sie hatte nichts bei sich und die Soldaten ließen Maria wieder zu Lenchen. Sie sahen in ihr die Mutter und hatten entweder auf einer menschlichen Ebene agiert oder aber auf der Instinktebene, nämlich Mutter und Baby zu schützen. Wie auch immer, sie taten ihr und auch den anderen nichts, vielmehr waren sie höflich und verhielten sich so, als ob sie den Krieg nicht wirklich verstanden hätten. Der russische Offizier saß auf irgendeinem übrig gebliebenen Sitzmöbel und wollte mit allen Schnaps trinken. Was das bedeuten konnte, wussten Maria und auch die anderen Familienangehörigen. Russische Soldaten vergewaltigten und mordeten häufig in betrunkenem Zustand. So konnten sie sich auf animalische Weise dafür rächen, dass der Krieg von den Deutschen angezettelt worden war und auf grausame Weise ausgetragen wurde.
Jedenfalls fragte der Offizier, ob jemand mit ihm Schnaps trinken wolle. Alle verneinten, Gustav und Marias Vater konnten russisch sprechen und der russische Offizier versuchte sich in der deutschen Sprache. Gustav fühlte, dass er Ja sagen müsse, sonst würden die russischen Soldaten beleidigt sein. Er ließ sich einladen und trank mit dem Offizier und den beiden Soldaten. Der Offizier wandte sich Gustav zu, schaute auf Maria, die das Baby schaukelte, und sagte: „Trrrienken wir auf eiin neies Deitschland!“ Gustav hielt das für eine gefährliche Provokation und antwortete vorsichtig ängstlich: „Es wird kein Deutschland mehr geben!“ Der Offizier fuhr unbeirrbar in gebrochenem Deutsch fort: „Wier trienken auf eiin neies Deitschland, niecht auf Chitler, niecht auf Gebbels, nicht auf Geeerrring, aber auf ein neies Deitschland!“ Gustav trank mit ihnen bis zum Morgengrauen und fühlte sich entsprechend einem, der vogelfrei stets mit allem rechnen musste. Irgendwie haben alle in jener Nacht in irgendeiner Ecke mit irgendwelchen Decken geschlafen, in einem Haus, das einmal ein Zuhause gewesen, das jetzt nur noch eine Unterkunft war. Das Gefühl von Heimatlosigkeit war nicht zu spüren, es war gar nichts zu spüren, außer einem ungebrochenen Überlebensdrang.
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