»Ich glaube, darüber sind wir alle sehr glücklich«, hatte Korbinian ihr lächelnd bestätigt. Diese Geschichte hatte ihn sehr berührt und machte ihm Kathi nur noch sympathischer.
Kathi war immer gut gelaunt und freundlich zu ihren Gästen. Sie sprach nie über ihrer Familienverhältnisse. Keiner ihrer Gäste wussten mehr als das Wenige, das Frau Sedelmayer drei Jahre zuvor im kleinen Kreis erzählt hatte. Es war aber allgemein bekannt, dass die junge Frau verlobt war und die Hochzeitsglocken bald läuten sollten. Ihr Lebensgefährte, der 35-jährige Steuerberater Maximilian Bürger, hatte schon Frau Sedelmayer geschäftlich betreut und war von Kathi quasi mit Haut und Haar übernommen worden.
›Jetzt hab ich nicht mal gefragt, wann die Beerdigung ist‹, dachte Kronfeld zerknirscht, ›aber da muss ja keiner von uns hin, wir haben den Mann ja nicht mal gekannt. Ich rede gleich mit den Kollegen und wir werden der Kathi eine Kondolenzkarte schicken‹.
In seinem Büro setzte er sich an den Schreibtisch, aß genüsslich seine belegte Semmel und sinnierte weiter. ›Bei einem Todesfall in der Familie eines Bekannten weiß man nie genau, was man sagen soll‹, überlegte er, ›das ist fast schwieriger als fremden Leuten eine Todesnachricht zu überbringen. Wird Kathi sehr trauern? Mm, eher nicht, sie hatte ja wohl keine enge Beziehung zu ihren Eltern … ‹
Das Telefon riss ihn aus seinen Gedanken.
»Hauptkommissar Kronfeld«, meldete er sich dienstbeflissen.
»Hier spricht Doktor Seeberg, guten Tag«, erklang die brüchige Stimme eines älteren Herrn am anderen Ende, »ich hoffe, ich bin bei Ihnen richtig, ich bin etwas durcheinander.«
»Guten Tag, Herr Doktor Seeberg«, sagte Kronfeld freundlich, »worum geht`s denn? Was kann ich für Sie tun?«
»Also, es ist so: Ich bin der Hausarzt der Familie Sailer, das sind die mit dem Modegeschäft in der Webergasse. Vielleicht kennen Sie die Leute? Na ja, ist ja auch egal. Jedenfalls rief die Frau Sailer mich gestern am frühen Abend wegen eines Notfalls an. Sie sagte, ihrem Mann ginge es nicht gut und ich sollte schnell kommen. Ich bin natürlich sofort hingefahren. Keine 15 Minuten habe ich gebraucht, bis ich dort war, aber als ich ankam, war der Mann tot.« Hörbar erschöpft und schwer atmend machte der Arzt eine Pause.
»Nun«, meinte Kronfeld geduldig, »das ist sicher schlimm für die Familie. Was war denn die Todesursache? Er war doch sicher krank?«
»Tja, wie soll ich sagen ... eigentlich nicht«, stopselte der Arzt unbeholfen herum.
Plötzlich stutzte der Kommissar. Er war nicht krank? Das hatte er doch heute schon mal gehört. Richtig, Kathi hatte das gesagt!
»Herr Doktor Seeberg«, wie elektrisiert sprang er von seinem Stuhl auf, »wie sagten sie ist der Name der Familie?«
»Sailer. In der Webergasse, die mit dem Laden, sie wissen schon.«
Ja natürlich, dämmerte es dem Kommissar, Kathis Nachname war Sailer. Der Arzt sprach von Kathis Vater.
»Das müssen Sie mir jetzt genau erzählen«, ereiferte er sich. Nun schenkte er dem Arzt seine ganze Aufmerksamkeit.
»Na wie gesagt, als ich dorthin kam, war der Mann bereits tot. Seine Frau meinte, er saß auf seinem Stuhl, hätte plötzlich über Schmerzen in der Brust geklagt und ist dann einfach zusammengesackt. Herzinfarkt. Ich sollte gleich den Totenschein ausstellen, sie hatte nämlich schon ein Beerdigungsinstitut angerufen, die wollten die Leiche gleich abholen.«
»Jetzt mal langsam, Herr Doktor. Die Frau stellte selbst den Tod durch Herzinfarkt fest? Sie sind doch der Arzt, Sie haben doch die Leichenschau vorgenommen. Was war also Ihrer Meinung nach die Todesursache? Was steht im Totenschein?«
»Das ist es ja, was mich jetzt so beunruhigt. Ich habe Herzinfarkt reingeschrieben. Die Frau hat mich völlig verwirrt, direkt überrumpelt, sie war hysterisch. Sie hat geschrien, geheult und geflucht. Da habe ich nicht lange überlegt. Aber jetzt bin ich nicht mehr sicher, ich habe mir die Krankenakte von Herrn Sailer heute nochmal angeschaut. Meiner Meinung nach hatte er ein gesundes Herz. Sicher, leicht erhöhter Blutdruck, zu viel Gewicht, ich glaube, auch zu viel Alkohol. Aber das hätte ihn mit Sicherheit nicht umgebracht.«
»Herr Doktor Seeberg, Sie wissen doch genau, dass bei unklarer Todesursache sofort die Gerichtsmedizin eingeschaltet werden muss. Warum haben Sie das nicht gestern schon gemeldet?« Kronfeld war aufgebracht.
»Aber deswegen rufe ich doch jetzt an!«, die Stimme des Arztes klang plötzlich weinerlich, »Sie haben doch gehört, die Frau hat mich so fertig gemacht, dass ich nicht mehr klar denken konnte.«
Das Nervenkostüm des bereits 70-jährigen Doktor Seeberg war schon lange angeschlagen, aber er konnte sich nur schwer eingestehen, dass er zu alt für den Job war. Doch immerhin suchte er schon seit zwei Jahren einen Nachfolger, oder wenigstens einen Partner für seine Arztpraxis, aber weit und breit war kein Interessent zu finden. Deshalb machte er weiter. Aus reinem Pflichtgefühl, wie er sich selbst einredete, er konnte nicht einfach so aufhören. Er konnte doch seine Patienten nicht im Stich lassen. Aber es unterliefen ihm Fehler. Schon zweimal hatte er eine falsche Diagnose gestellt und sich in der Medikation geirrt, was jedoch Gott sei Dank für die Gesundheit der betroffenen Patienten keine negativen Folgen gehabt hatte. Und jetzt schon wieder ein Fehler!
»Ist ja gut«, sagte Kronberg einlenkend, »beruhigen Sie sich wieder. Es ist sicher noch nicht zu spät. Ich setze mich mit der Staatsanwaltschaft in Verbindung und beantrage eine Obduktion. Wie heißt das Beerdigungsinstitut?«
Vernehmlich erleichtert atmete der Arzt auf. »Es ist die ›Rest-In-Peace‹ GmbH, in der Millerstraße. Ich habe gestern noch gewartet, bis sie ihn geholt haben. Dann bin ich nach Hause gefahren.«
»Gut, ich werde alles in die Wege leiten. Wegen ihrer Aussage melde ich mich wieder bei Ihnen. Danke für den Anruf.«
Kronfeld hatte es jetzt eilig. Der Leichnam musste so schnell wie möglich in die Rechtsmedizin. Mit fliegenden Fingern fand er die Telefonnummer der ›RIP‹ GmbH, sie war bereits in seinem Verzeichnis gespeichert, da man schon öfter mit dem Institut zu tun gehabt hatte. Knapp gab er dem Bestatter die Anweisung, die Leiche des Herrn Sailer für den Transport bereitzustellen, sie werde in Kürze abgeholt. Dann rief er bei der zuständigen Stelle der Staatsanwaltschaft an, erklärte den Sachverhalt und beantragte die Obduktion. Als das erledigt war, ging er zu seinem Chef, Kriminalrat Lackner, um Bericht zu erstatten.
»Sie glauben also, der Mann ist keines natürlichen Todes gestorben?«, fragte Lackner, nachdem Kronfeld seine Fakten vorgetragen hatte.
»Tja, könnte sein. Kathi hat ja selbst gesagt, der plötzliche Tod ihres Vaters ist ihr unerklärlich.«
»Unerklärlich, aber vielleicht doch natürlich? Ist es nicht voreilig, deshalb gleich ein Tötungsdelikt zu vermuten?«
»Ich weiß ja auch nicht … ob es sich wirklich um ein Tötungsdelikt handelt, werden wir nach der Obduktion wissen. Ich hoffe nicht, aber schließlich müssen wir doch ungeklärten Todesursachen auf den Grund gehen.«
»Ja, Sie haben ja recht. Schauen wir nach der Obduktion weiter.« Lackner widmete sich wieder den Unterlagen auf seinem Tisch. »Und informieren Sie die Angehörigen«, rief er noch, als Kronfeld den Raum verließ.
›Das mach‘ ich am besten gleich‹, überlegte der Kommissar nach einem Blick auf seine Armbanduhr. Es war gleich halb elf. Zwar gab es um diese Zeit in der Kantinenküche viel zu tun, die Mittagsmenüs mussten pünktlich um zwölf Uhr fertig sein, aber Kathi beschäftigte dort noch zwei weitere Köche. So konnte sie sicher einige Minuten für ihn erübrigen.
Auf dem Weg zu seinem Büro blieb er zögernd stehen. ›Aber wie sieht denn das aus, wenn ich sie zu mir zitiere? Nicht gut,‹ entschied er und machte kehrt.
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