Anna hatte letztendlich auch von ihrer Mutter gelernt, mit Geld umzugehen. So gelang es ihr, mit steigenden Umsätzen, einfallsreicher Buchführung, den höheren Mieteinnahmen und geschickter Umschichtung der Gelder, die Hypothek schon nach drei Jahren vorzeitig zu tilgen.
Nach weiteren drei Jahren stellte Anna Frau Mündel, eine junge Verkäuferin, ein.
Die Kinder gingen mittlerweile beide zur Schule und langweilten sich nachmittags im Laden, weil niemand sich mit ihnen beschäftigte. Die kleine Walli war aufsässig und hörte nicht auf die große Schwester, sie riss die Ware aus den Regalen und Ruth musste alles wieder aufräumen. Ruth beschwerte sich dauernd bei der Mutter über sie, und Anna war von der ständigen Unordnung und den Streitereien der beiden genervt. Die Kinder allein in der Wohnung zu lassen, war aber auch keine gute Idee, da kamen sie erst recht auf dumme Gedanken.
Frau Mündel war zwar für den Verkauf eingestellt, sie sollte aber gleichzeitig Walli im Auge behalten und sie davon abhalten, Unfug zu treiben. Und das klappte auch. Die junge Verkäuferin fand Walli ›unheimlich süß‹, die beiden spielten die meiste Zeit miteinander und Anna konnte sich wieder voll und ganz ihrer Arbeit widmen. Ruth war froh, ihre lästige Schwester los zu sein und die Mutter endlich wieder für sich allein zu haben. Sie hing ständig an Mutters Rockzipfel, was Anna aber nicht weiter störte, denn Ruth bemühte sich eifrig zu helfen, wo sie nur konnte. Sie sollte eines Tages das Geschäft übernehmen.
Eines Abends, Anna, Wilfried und die Mädchen saßen gerade gemeinsam beim Abendessen, eröffnete Anna ihrer Familie:
»Ich habe beschlossen, dass wir heuer alle zusammen in den Urlaub fahren.«
Ruth und Walli sprangen übermütig von ihren Stühlen und riefen durcheinander:
»Oh, toll. Wo fahren wir denn hin?«
»Darf ich meine Spielsachen mitnehmen?«
»Wann fahren wir los? Wie lang bleiben wir?«
»Fährt Frau Mündel auch mit?«
Anna lächelte die beiden an und sagte: »Wir fahren in den Sommerferien für zwei Wochen ans Meer und natürlich dürft ihr etwas zum Spielen mitnehmen. Aber Walli, Frau Mündel kann nicht mitfahren, sie muss auf den Laden aufpassen.« Dann klatschte Anna zweimal in die Hände und fügte munter hinzu: »Und jetzt ist Schluss mit dem rumgehopse. Ab ins Bett.«
Als die Mädchen sich aufgeregt tuschelnd davon gemacht hatten, sah Wilfried seine Frau fragend an.
»Du überrascht mich immer wieder«, sagte er, »bis jetzt hattest du ständig irgendwelche Einwände, wenn ich eine Urlaubsreise vorgeschlagen habe.«
»Ja, das stimmt«, sagte Anna abwägend, »aber ich musste mich ja schließlich in erster Linie um das Geschäft kümmern und Geld verdienen. Ein Urlaub mit zwei Kindern ist teuer. Außerdem waren sie noch zu klein. Jetzt sind sie acht und zehn Jahre alt, da geht das schon.« Sie sah Wilfried offen an. »Und jetzt stehen wir auch finanziell gut da. Das Konto mit den Mieteinnahmen ist ab sofort unsere Urlaubskasse.«
Wilfried hatte keine Ahnung, wie hoch die Summe auf diesem Konto war, die finanziellen Angelegenheiten regelte schon immer seine Frau. Wie damals seine Schwiegermutter. So lächelte er nur ergeben und vermutete:
»Du meinst also, jetzt sind wir reich genug?«
»Jedenfalls reichen die Einnahmen für unsere Urlaubsreisen. Und die Kinder sind alt genug.«
Die erste Reise ging nach Italien, nach Rimini, wo Annas Eltern immer ihren Urlaub verbracht hatten.
Der Strand war zwar jeden Tag überfüllt, doch die Kinder waren begeistert. Sie planschten übermütig im Wasser, bauten Sandburgen und sammelten Muscheln, während Anna und Wilfried die Tage faulenzend in ihren gemieteten Liegestühlen verbrachten und die lauen Sommerabende bei Spaziergängen im Mondschein genossen. Der Urlaub ging für alle viel zu schnell vorbei.
Als sie wieder zu Hause waren, überraschte Anna ihre Familie aufs Neue:
»So ein Faulenzer-Urlaub ist ja ganz schön, aber ich habe mir überlegt, dass wir auch mal aktiv werden sollten. Im Winter werden wir Skiurlaub machen.«
»Aber von uns kann keiner Skifahren«, wandte Wilfried entgeistert ein.
»Dann lernen wir‘s eben.«
Damit war es beschlossene Sache. Von nun an machte die Familie jedes Jahr zweimal Urlaub. Im Sommer fuhren sie nach Italien ans Meer und im Winter nach Tirol zum Ski laufen.
Das alles lief jedenfalls so, bis Kathi im Frühsommer 1988 zur Welt kam. Von da an wurde alles anders.
Eines Tages sagte Anna zu ihren Töchtern:
»Wir fahren heuer erst im Oktober in den Urlaub.«
»Aber da kann ich nicht. Ich fange doch im September bei Kreitmeiers an«, wandte Ruth energisch ein. Kreitmeiers war das größte Kaufhaus in Lindenburg und Ruth sollte dort eine dreijährige Lehre zur Verkäuferin absolvieren.
»Ja richtig. Ich habe schon mit Herrn Kreitmeier gesprochen. Du wirst im Oktober zwei Wochen freigestellt, damit du dich um unser Geschäft kümmern kannst. Ich kann die Kruse und die Mündel nicht immer allein lassen. Da habe ich jedes Mal ein ungutes Gefühl. Du weißt ja, dass sie überall herumschnüffeln und im Lagerkeller haben sie nichts zu suchen. Ich vertraue dir und es ist eine gute Übung für dich. Haben wir uns verstanden?«
Ruth fiel aus allen Wolken, doch sie wusste, dass jeder Widerspruch zwecklos war, deshalb schwieg sie verbissen.
Walli sah ihre Mutter ebenso erstaunt an. »Und ich? Im Oktober sind keine Ferien!«
»Du musst auf das Baby aufpassen. Wir können nicht mit einem Säugling verreisen. Während du in der Schule bist, lässt du das Kind im Stubenwagen bei Frau Kruse.«
»Da ist nicht dein Ernst, ich soll Babysitter spielen?«
»Und du wirst dich um den Haushalt kümmern. Du bist alt genug dafür. Das ist auch für dich eine gute Übung.«
»Ach ja? Und was ist im nächsten Jahr? Fahren wir dann wieder alle zusammen?«
Anna sah sie achselzuckend an und sagte trocken: »Natürlich nicht. Ich hab doch gesagt, mit dem Baby fahren wir nicht in den Urlaub. Vater und ich verreisen in Zukunft alleine.«
»Was?«, rief Walli aufgebracht, »wegen der blöden Göre muss ich jetzt immer zu Hause bleiben? Das ist gemein!«
»Jetzt krieg dich wieder ein! In eurem Alter fährt man nicht mehr mit den Eltern in den Urlaub. In zwei Jahren bist du mit der Schule fertig und machst deine Schneider-Ausbildung. Wenn du erst mal im Geschäft mitarbeitest, können wir einteilen, wer wann Urlaub macht. Dann könnt ihr auch allein verreisen.«
Als Oberhaupt der Familie hatte Anna Sailer die berufliche Laufbahn ihrer beiden großen Töchter schon frühzeitig bis ins kleinste Detail geplant. Ruth sollte nach dem Willen der Chefin den Verkauf und die Buchhaltung übernehmen, Walli die Schneiderei. Nach einigen Jahren würde die Seniorin dann ihren Töchtern das Geschäft ganz übergeben und sich ruhigen Gewissens zur Ruhe setzen können.
»Es gibt kein größeres Glück, als ein florierendes Familiengeschäft zu übernehmen und damit einer gesicherten Zukunft entgegen zu sehen«, hatte sie ihren Töchtern stets eingeschärft, »andere müssen sich ein eigenes Geschäft hart erarbeiten und ihr bekommt praktisch alles in den Schoß gelegt. Dafür müsst ihr dankbar sein und eure Kinder werden es euch eines Tages auch danken.« Und um dem ganzen Nachdruck zu verleihen fügte sie immer hinzu: »Schließlich ist es euer Erbe und wir haben eine Familientradition zu wahren.«
Ruth hatte sich bereits dem Willen der Mutter untergeordnet und die Lehrstelle als Verkäuferin angenommen, aber Walli dachte gar nicht daran sich zu fügen. Sie stellte sich ihr Leben anders vor. Doch wie genau, wusste sie selbst noch nicht, deshalb hielt sie sich erst einmal bedeckt.
Anna und Wilfried verreisten also von nun an allein, und sie änderten auch ihre eingefahrenen Reiserouten. Statt überfülltem Kieselstrand in Italien waren nun menschenleere Sandstrände auf den Seychellen, Kulturreisen nach Mexiko oder Shoppingurlaub in Thailand angesagt, statt kleiner Pension in Tirol mietete man sich zum Skifahren in einem Chalet-Hotel in Sankt Moritz ein.
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