Stephan überlegte. Neben der Unabhängigkeit und dem Komfort, den so ein Mokick bot, war das Angebot seines Freundes auch ein Schnäppchen.
Die einzige Möglichkeit, an einen Vorschuss zu kommen, waren seine Eltern, und wie die seinen Wünschen nach einem fahrbaren Untersatz gegenüberstanden, wusste er ja nur zu gut. Trotzdem wollte Stephan nicht so einfach aufgeben. Nicht jetzt, wo er seinem Ziel so nah war.
»Einverstanden, du kriegst den Vorschuss«, sagte sein Vater ohne Umschweife, nachdem Stephan nach langem Herumdrucksen endlich gefragt hatte.
»Wirklich?«, fragte Stephan und sah seinen Vater ungläubig an.
»Es ist ja sowieso nur noch eine Frage der Zeit, bis du das Geld zusammen hast«, sagte sein Vater und lächelte ihn milde an.
Stephan konnte es immer noch nicht glauben. Sollte er es wirklich geschafft haben?
Selbst als er stolz seinem Freund die 600 DM in die Hand gedrückt und das Versicherungsschild angeschraubt hatte, meinte er immer noch zu träumen.
Mit ihrer Dreigangfußschaltung und dem gebläsegekühlten, vollverkleideten Motor war die grüne Kreidler Florett weder ein technisches Wunderwerk noch schön. Die Sitzbank war seitlich eingerissen und in dem großen klobigen Scheinwerfer ruhte ein kleiner Tacho. Im Grunde glich sein Zweirad mehr einem Restebausatz als einem Mokick. Doch Stephan liebte es. Endlich hatte er sein eigenes 'Moped', wie in seiner Clique alle motorisierten Zweiräder mit klassischem Understatement bezeichnet wurden. Und diese neu gewonnene Mobilität hatte in der ländlichen Gegend des Bergischen Landes einen nicht zu unterschätzenden Wert.
In den nächsten Monaten arbeitete Stephan emsig an der Restaurierung seiner Maschine. Eine 'Schönheits-OP' folgte der nächsten. Er verpasste seinem Zweirad ein Vierganggetriebe und einen neuen Tank. Lenker und Rahmen wurden getauscht und von Tag zu Tag ähnelte seine Kreidler immer mehr dem angestrebten Bild eines coolen Kleinkraftrades.
Auch wenn er alle Teile günstig gebraucht oder durch Tausch beschafft hatte, machte er nun eine neue Erfahrung: Nicht nur die Anschaffung eines motorisierten Untersatzes kostete Geld, sondern auch sein Unterhalt.
Besonders schmerzhaft machte sich dabei der Benzinpreis bemerkbar, der in diesem Jahr erstmals über die magische Grenze von einer Mark pro Liter stieg. Ohne den großzügigen Einsatz seiner Mutter, die ihm immer mal wieder etwas Geld zum Tanken zusteckte, wäre seine frisch gewonnene Freiheit sehr schnell wieder vorbei gewesen.
Macht der Gewohnheit
1980Stein für Stein blockiert Pink Floyd ein Drittel des Jahres den ersten Platz der LP-Charts und alle Schüler der Welt rufen begeistert: »We don't need no education!«
Zur gleichen Zeit versucht ein gewisser Mike Krüger unweit von Hamburg verzweifelt einen Nippel durch eine Lasche zu zieh'n.
Eine Armada von Schönheitschirurgen beginnt mit ersten Korrekturen an Michael Jackson. Es werden nicht die letzten bleiben. Don't stop, 'til you get enough!
Die Band Godley & Creme besingt einen Engländer in New York, meint damit aber nicht John Lennon, der dort im Dezember vor seiner Haustür erschossen wird.
Etwas schlüpfrig sind die Liebesabenteuer eines gewissen Bobby Brown. Aber da Frank Zappa auf Englisch singt, ist der so verschlüsselte Text auch in Deutschland in aller Munde.
Apropos Liebesabenteuer: Mit denen werden in einigen Jahren auch Sarah Connor und Christina Aguilera von sich reden machen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es aber noch das überschaubare Publikum einer Entbindungsstation, das das erste Mal ihre Stimmgewalt zu hören bekommt.
Über zwei andere Mädchen, die ebenfalls in diesem Jahr das Licht der Welt erblicken, wird regelmäßig auf den Laufstegen der Welt ein Blitzlichtgewitter niedergehen. Im Moment interessiert sich aber noch kein Fotograf für Namen wie Gisele Bündchen oder Eva Padberg.
Im sonnigen Italien wird Deutschland dank Horst Hrubesch Fußball-Europameister und alle feiern mit.
Alle? – Nein, nicht alle! Vielen Sportlern ist überhaupt nicht nach Feiern zumute. Für sie waren Wochen und Monate, ja manchmal auch Jahre des Trainings und der Vorbereitung umsonst. Zusammen mit einigen anderen Staaten boykottiert auch Deutschland aus Protest gegen den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan die Olympischen Sommerspiele in Moskau.
* * *
Viele Jahre später würde auch Stephan sich aus beruflichen Gründen regelmäßig mit dem Land am Hindukusch beschäftigen müssen. Aber in diesem Jahr galt seine Aufmerksamkeit noch anderen Dingen, wie zum Beispiel seiner persönlichen Finanzkrise. Sie hatte sich inzwischen zu einem lästigen, aber leider auch treuen Begleiter entwickelt. Jeglicher Versuch, einen ausgeglichenen Haushalt zu führen, war jämmerlich gescheitert. Auch das Taschengeld, das Stephan von seinen Eltern erhielt, ermöglichte nur kurzfristige Entlastung. Das Gleiche galt für seine anderen Einnahmequellen wie die Geldgeschenke zum Geburtstag oder an Weihnachten.
Zu allem Überfluss wurde Stephan dieses Jahr auch noch achtzehn, was den Aufstieg in die Klasse der Autofahrer erlaubte. Auch wenn es noch bis Oktober etwas Zeit war, sorgte sich Stephan schon jetzt um die notwendigen Finanzmittel, die er zum Erwerb der nächsten Führerscheinklasse benötigte.
Stephan überschlug seine finanziellen Ressourcen, was nicht viel Zeit in Anspruch nahm. Das Ergebnis fiel erwartungsgemäß ernüchternd aus. Trotz Ferienjob sah er im wahrsten Sinne des Wortes rot. Es reichte einfach hinten und vorne nicht, die roten Zahlen waren einfach nicht wegzubekommen.
Eines Tages stieß Stephan zufällig beim Lesen der Tageszeitung auf eine Anzeige, die die Lösung seines Finanztraumas sein könnte. Die Bergische Landeszeitung suchte in Lindlar noch einen Zeitungsausträger.
Das ist es, dachte er und schickte gleich am nächsten Tag seine Bewerbung los.
Mit Erfolg!
Bereits zwei Wochen später wälzte sich Stephan das erste Mal um vier Uhr morgens aus dem Bett. Ein Vorgang, der sich von nun an in den folgenden zwei Jahren sechs Mal die Woche wiederholen sollte.
Der Rest des Jahres verlief ohne wesentliche Highlights. Stephan sparte, was das Zeug hielt. Nur bei Zigaretten schwächelte er dann doch. Sie blieben nach wie vor fester Bestandteil seines Lebens und somit auch ein wesentlicher Posten auf seiner Ausgabenseite. Es gab aber auch einfach zu viele Anlässe, um sich eine anzuzünden.
Es gab die Zigarette danach, um einen vorangegangenen Genuss zu unterstreichen. Stand ein größerer Zeitraum bevor, in dem nicht geraucht werden konnte, hieß es: »Noch schnell eine Zigarette, dann ...'
Richtig gut schmeckten Bier und Kaffee nur, wenn es dazu etwas zu qualmen gab und was war schon eine Arbeitsunterbrechung ohne Pausenzigarette.
War es draußen kalt, strahlte die Zigarette zwischen den Fingern eine wohlige Wärme aus.
Unverzichtbar war die Stresszigarette, entfaltete sie doch ihren beruhigenden Rauch immer dann, wenn eine fordernde Aufgabe erledigt war oder eine solche bevorstand. Erlaubte es der Ort, wie beispielsweise im Büro, rauchte man auch gerne während der Stressphase. Oftmals war man jedoch dann so beschäftigt, dass der Glimmstängel seinem Namen alle Ehre machte und unbeachtet im Aschenbecher verglühte. Leider fiel der so Unbeachtete aber auch immer wieder einfach aus dem Ascher, wovon so manche Schreibtischplatte stumm Zeugnis ablegte.
Quälte einen die Langeweile, wurde eine Zigarette zum Zeitvertreib angesteckt und selbst die Zeit ließ sich mit ihr messen. Wer erinnerte sich nicht an Inga & Wolf, die da sangen: »Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette ...«
Im Weiteren zeichneten sich Zigaretten durch eine schier endlose Zahl an Kombinationsmöglichkeiten aus, die oftmals sogar noch nahtlos ineinander übergingen. So konnte eine Pausenzigarette natürlich auch gleichzeitig der Entspannung dienen.
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