Doch trotz permanenter Ebbe im Portemonnaie kam er irgendwie immer über die Runden. Erst am Tag seiner Konfirmation verbesserte sich seine finanzielle Situation erheblich. Es war das erste Mal, dass er seinen Namen mit dem Begriff Reichtum verband.
Im Gegensatz zur Vielzahl seiner Freunde, die wöchentlich in die Kirche mussten, war Religion nie ein beherrschendes Thema in ihrer Familie gewesen. Trotzdem oder gerade deswegen hatte sich Stephans Einstellung zur Kirche und zum christlichen Glauben relativ differenziert entwickelt. Von Kindheit an war er als Protestant in einer erzkatholischen Gegend aufgewachsen. Dieser Kontrast musste dazu geführt haben, dass er sich frühzeitig und völlig unbewusst den Gedanken der ökumenischen Bewegung zu eigen gemacht hatte. Schon als Grundschüler musste er regelmäßig an Messen der katholischen Kirche teilnehmen. Dies war die damals sehr häufig praktizierte Form des Religionsunterrichts in den kleinen Dorfschulen. Und Stephan hatte die Schule eines sehr kleinen Dorfes besucht. In seinem Elternhaus erlebte er die so viel freiere Form der evangelischen Kirche, die sich für ihn dadurch äußerte, das Religion so gut wie nicht thematisiert wurde. Zur Kirche gingen seine Eltern mit Oscar und ihm nur zu besonderen Familienanlässen. So hatte Stephan den Neid seiner katholischen Freunde genossen, wenn er noch spielen durfte, während sie selbst zum wöchentlichen Kirchgang oder zum Ablegen der Beichte genötigt wurden.
Für Stephan war Religion kein Zwang und seinen Glauben an Gott trug er jederzeit in sich, auch ohne regelmäßigen Kirchbesuch. Letztlich war es auch seine eigene und ganz persönliche Entscheidung, sich konfirmieren zu lassen. Dass er in aller Bescheidenheit auch die zu erwartenden Aufmerksamkeiten in seine Entscheidungsfindung hatte einfließen lassen, musste er ja nicht jedem auf die Nase binden.
Auf die Konfirmation folgte der Sommer. Wieder war ein Schuljahr geschafft und wieder ging es in den Ferien nach Baltrum. Dort stellte Stephan voller Freude fest, dass es dort nun auch einen Jugendklub gab.
Dieser neue In-Treffpunkt ähnelte sehr stark der Lindlarer Dorfdisco, wobei die Leitung hier nicht bei der Kirche lag, sondern beim Fremdenverkehrsverein. Doch wie in Lindlar, rekrutierte sich auch hier die Helferschar aus den Reihen der örtlichen Jugend. Im Baltrumer Jugendklub hatten die älteren Insulanerkinder das Ruder in der Hand, dementsprechend locker war auch hier die Aufsicht. Niemand musste zum Rauchen vor die Tür gehen.
Im Jugendklub war immer ordentlich was los. Die Insulaner, die ja sonst keine Disco hatten, nutzten die Saison und feierten mit den Touri-Teenies heiße Feten, die nicht selten in der einen oder anderen Strandparty endeten. Neben aktuellen Hits wie I feel love und Surfin' USA durften natürlich auch die langsameren Stücke nicht fehlen, bei denen sich so manche Urlaubsbekanntschaft zum romantischen Urlaubsflirt entwickelte. Wie bei den Klassenfeten zu Hause tanzten auch hier verliebte Paare eng umschlungen und mit geschlossenen Augen im schummrigen Licht der blinkenden Partylichter, während aus den Boxen, passend zu einem Urlaub am Meer, Rod Stewart sein I am sailing säuselte.
Stand eine Abreise bevor, wurde im Klub am letzten Abend noch einmal kräftig Abschied gefeiert. Nicht nur, weil die Sommerclique wieder ein Stückchen kleiner wurde, machte der Blues an diesen Abenden seinem Namen alle Ehre. Schön traurig und voller Herzschmerz schmusten die Urlaubspaare ein letztes Mal auf der Tanzfläche. Und weil If you leave me now genau das ausdrückte, was die Verliebten in diesem Moment empfanden, blitzte in dem einen oder anderen Auge auch nicht selten eine Träne.
Am nächsten Tag traf sich die gesamte Clique kurz vor der Abfahrt des Schiffes noch einmal im Hafen. So auch heute. Stephan stand mit den anderen etwas abseits und beobachtete das emsige Treiben auf dem Anleger. Dort hoben aufgeregte Familienoberhäupter schwitzend ihre Koffer in die bereitstehenden Gepäckcontainer, während die Mütter verzweifelt versuchten, ihre Kinder zusammenzuhalten. Diese versuchten wiederum genauso verzweifelt, ihren Eltern zu entkommen, um sich vor der bevorstehenden Fahrt noch etwas auszutoben.
Am Rande des Trubels tauschten manche in der schrumpfenden Sommerclique noch schnell ein paar Adressen aus, während die Verliebten, solange es noch ging, verstohlen Händchen hielten.
»Fahrgäste nach Neßmersiel, bitte einsteigen! Fahrgäste nach Neßmersiel, bitte einsteigen!«
Unbarmherzig riss sie dann irgendwann die Aufforderung des Kapitäns auseinander, nun war die Trennung nicht mehr aufzuhalten. Die letzten der Abreisenden betraten das Schiff, die Gangway wurde eingezogen und alle Leinen losgeworfen, bevor das weiße Fährschiff langsam ablegte. Dabei schallte aus den Schiffslautsprechern blechern die immer gleiche Abschiedsmelodie: »Wein doch nicht, Liebgesicht! Wisch' die Tränen ab ...«
Genau der richtige Song für zerbrechende Teenagerherzen.
Winkend und mit letzten gebrüllten Liebesschwüren folgte die Clique dem auslaufenden Schiff noch bis zum Ende der Mole. Erst als es an der Ostspitze von Norderney nach Backbord drehte, um dem Fahrwasser Richtung Neßmersiel zu folgen, gingen sie zurück.
Auf dem Rückweg wurde nicht viel gesprochen, dafür ging eine Zigarette nach der anderen an. Aber auch das besinnlichste Schweigen, das die Solidarität zu den nun getrennten Liebespaaren bekunden sollte, endete irgendwann einmal, schließlich musste das Leben weitergehen.
»Was machen wir heute Abend?«
»Treffen wir uns im Klub?«
Ein sich überschlagendes Stimmengewirr, das sich um diese Frage aller Fragen erhob, machte dann auch regelmäßig spätestens nach Verlassen des Hafens dem Trübsal ein Ende. Nur die unglücklich Verliebten trotteten weiter mit gesenktem Kopf hinter den anderen her und zogen bedrückt an ihren Zigaretten.
Auch für Stephan war irgendwann der Tag des Abschiedes gekommen. Die gepackten Koffer standen bereits auf der Wippe, wie die zweirädrigen Handwagen hier genannt wurden. Von der Straße aus winkte Stephan noch einmal zum Haus hinauf, wo sein Uropa hinter dem großen Panoramafenster im Wohnzimmer stand. Für ihn, die gute alte 'Dampflok', war der Weg zum Hafen mittlerweile zu beschwerlich und weit.
»Tschüss, Opa!«, rief er ihm noch einmal zu und spürte in diesem Moment eine seltsame Endgültigkeit dieses Abschiedes. Tief in seinem Inneren wusste er, dass er seinen Uropa nicht mehr wiedersehen würde.
Stephans Uropa starb noch im gleichen Herbst, nachdem er abends noch den gewohnten Spaziergang mit Zigarre gemacht hatte und ins Bett gegangen war. Als Stephans Oma ihn am nächsten Morgen wecken wollte, war der Kessel der kleinen 'Dampflok' für immer erloschen.
Die erste letzte Zigarette
1978Polizist, Cowboy, Indianer, Bauarbeiter, Soldat und ein Biker in Lack und Leder besingen den Verein christlicher junger Männer.
Bei Amanda Lear ist man sich lange nicht sicher, ob sie nun Mann oder er nun Frau ist. Wie auch immer, fest steht, dass es wohl kaum einen Mann gibt, der Amandas Aufforderung Follow me nicht nachkommen würde.
Und so rollt die Discowelle munter weiter, auf der 10CC die Erlebnisse eines Jamaica-Urlaubs musikalisch aufarbeiten.
Auf der anderen Seite schütteln die Rocker ihre langhaarigen Häupter zu Black Betty , während Manfred Mann von irgendeinem Dave berichtet, der zurück auf der Straße ist.
Es gibt auch wieder sportliche Erfolge zu verzeichnen. Nach 1974 wird Deutschland endlich wieder Weltmeister in einer Ballsportart. Allerdings nicht im Fußball, wo uns die Ösis rauskicken. Diesmal sind es die deutschen Handballer, die nach vierzig Jahren den Titel zurück ins Land holen.
Kein Sportler, trotzdem läuft und läuft und läuft er, jedoch ab diesem Jahr nicht mehr in Deutschland vom Band: der VW-Käfer.
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