Bei schlechtem Wetter stellte Stephan meistens den Familienplattenspieler auf, um der Langeweile zu entgehen. Dieser rangierte sogar noch vor Oscar, der wirklich die allerletzte Alternative blieb.
Dicht hockend vor dem Lautsprecher, der gleichzeitig auch der Deckel des transportablen Plattenspielers war, lauschte er besonders gerne dem Soundtrack des Musicals Hair. Doch auch die Abenteuer von Klaus Störtebeker und Lederstrumpf kamen nicht zu kurz.
Im Laufe der Zeit nahm dann das Programmangebot im Fernsehen mehr und mehr Gestalt an und bot, trotz der überschaubaren drei Programmplätze, eine ganz neue und andere Form der Freizeitgestaltung. Obwohl das Zeitfenster, das für Kindersendungen vorgesehen war, im Gegensatz zu heute noch erheblich kleiner war, tat das dem Erfolg dieser sogenannten Kinderstunde keinen Abbruch. Fernsehserien wie Die Leute von der Shilo-Ranch , Pan-Tau , Flipper oder Lassie entwickelten sich rasend schnell zu Blockbustern im Kinder- und Jugendbereich der damaligen Fernsehkultur.
Geraucht wurde zu jener Zeit alles und überall. Die Flower-Power-Ära wäre ohne Zigaretten genauso undenkbar gewesen wie verrauchte Hafenkneipen in Edgar-Wallace-Filmen oder debattierende Journalisten in Werner Höfers Internationaler Frühschoppen . Die Deutsche Bundesbahn verfügte noch über eine stattliche Zahl an Raucherabteilen und auch in Reisebussen befand sich an jedem Sitzplatz ein Aschenbecher. War man mit dem Flugzeug unterwegs, erfolgte bei Start und Landung der Hinweis: »Bitte schnallen Sie sich an und stellen Sie das Rauchen ein!«
In den miefigen Amtsstuben deutscher Behörden standen Gummibäume in einem durch Nikotin vergilbten Ambiente, in das sich der Beamte im mausgrauen Anzug nahtlos einfügte. Wo heute Helmut Schmidt für Aufsehen sorgt, war früher die qualmende Zigarette, Zigarre oder Pfeife in der Hand eines gewählten Volksvertreters ein normales und vertrautes Bild.
Rauchwaren waren derart omnipräsent, dass man besser beraten war, gleich zu Fuß zu gehen, bevor man versuchte, ein Nichtrauchertaxi zu bekommen.
Trotz allem lebten Raucher und Nichtraucher in einem scheinbar friedlichen und harmonischen Miteinander.
Auch in Stephans Familie wurde geraucht. Zwar hatte sein Vater das Rauchen bereits vor vielen Jahren aufgegeben, doch seine Mutter blieb ihrer HB treu. Stephan konnte damit gut leben, war sie doch die Ruhe in Person, was zweifellos daran lag, dass sie eben HB rauchte. Schließlich bewies das in die Luft gehende HB-Männchen doch täglich in der Fernsehwerbung, was passieren konnte, wenn man nicht zu genau dieser Marke griff.
Zu dem Haus, das Stephans Eltern gemietet hatten, gehörte auch eine Scheune, auf deren Heuboden ihr Vermieter einen Teil seiner Strohballen lagerte. Hier bauten sich Stephan und seine Freunde kleine Verstecke und Forts für ihr Cowboy-und-Indianer-Spiel.
Nur ganz selten verirrte sich mal ein Erwachsener dorthin, sodass die Scheune einen idealen und sicheren Rückzugsort für die Kinder darstellte. Aus diesem Grund war es auch nicht weiter verwunderlich, dass Stephan genau hier das erste Mal eine Zigarette rauchte.
Eigentlich war dieser sonnige Oktobernachmittag ein Tag wie jeder andere, wenn Stephan nur nicht unter einer extremen Form von Langeweile gelitten hätte. Er wusste so gut wie gar nichts mit sich anzufangen. Alle Freunde waren anderweitig gebunden und selbst sein Notnagel Oscar war nicht aus seinem Mittagsschlaf erweckbar.
So schlenderte Stephan auf der Suche nach Beschäftigung durch das ansonsten leere Haus. Sein Vater war, wie so oft, bei der Arbeit und seine Mutter hatte sich mit der Ankündigung: »Ich gehe nur mal eben kurz zu Maria und Martha!« in Richtung der beiden Nachbarinnen begeben. 'Nur 'mal eben' hieß bei diesen Besuchen in der Regel, dass innerhalb der nächsten zwei Stunden nicht mit ihrer Rückkehr zu rechnen war.
Stephans Weg führte ihn in die Küche. Vielleicht fiel ihm ja bei einem Glas Limonade noch etwas ein, womit er sich die Zeit vertreiben könnte. Noch bevor er den Kühlschrank erreichte, fiel sein Blick tatsächlich auf etwas, das sofort sein Interesse weckte: eine Schachtel Zigaretten. Seine Mutter musste sie hier vergessen haben, denn normalerweise ging sie nie ohne Zigaretten aus dem Haus.
Stephan betrachtete seinen Fund. Etwas Verbotenes zu tun, war genau der Reiz, nach dem er gesucht hatte. Vorsichtig und dabei auf der Hut, nicht überrascht zu werden, öffnete er die Schachtel. Ein angenehmer Geruch frischen Tabaks stieg ihm in die Nase und auf einmal nahm das Bild von dem, was er gegen seine Langeweile unternehmen konnte, Konturen an.
In der Schachtel fehlten bereits einige Zigaretten, aber waren es immer noch genug, um das Fehlen einer weiteren unbemerkt zu lassen? Stephan nahm eine Zigarette heraus, steckte sie wieder in die Schachtel, holte sie erneut vor und verglich das Ergebnis. – Perfekt! Niemals würde seine Mutter das Fehlen einer Zigarette bemerken.
Zufrieden und voller Vorfreude steckte er die Zigarette vorsichtig in seinen rechten Strumpf. Wie er fand, war dies nicht nur ein ideales, sondern auch ein todsicheres Transportversteck.
Stephan verließ das Haus und schlich zur benachbarten Scheune, dem ehemaligen Schweinestall. Hier befand sich hinter einem losen Stein sein Geheimfach, in dem er seine kleinen Schätze vor Oscars Zugriff verbarg. Zu den Kostbarkeiten gehörten ein paar mühsam zusammenstibitzte Streichhölzer, die er jetzt für sein Vorhaben benötigte.
Noch einmal warf er einen kurzen Blick aus dem verstaubten Stallfenster, doch weit und breit war niemand zu sehen. Sichtlich beruhigt führte er nun, als ob er einem alten Ritual folgen würde, die Zigarette einer Friedenspfeife gleich zu seinem Mund. Sorgsam strich er ein Zündholz an und hielt die Flamme an die Zigarettenspitze. Anschließend machte er genau das, was er schon so oft bei seiner Mutter beobachtet hatte: Er nahm einen kräftigen Zug.
Im gleichen Moment weiteten sich seine Augen und es schien ihm, als ob sein Innerstes zu explodieren drohte! Beißender Rauch war in seine Lungen geströmt und entlud sich nun in einer wilden Hustenattacke.
Oh, Mann!, dachte er. Bei Mutti sieht das aber immer anders aus!
Stephan holte tief Luft und merkte, wie der Hustenreiz langsam nachließ. Er hielt die Zigarette hoch und betrachtete sie prüfend, diesmal jedoch mit einer gehörigen Portion Respekt.
Soll ich einen zweiten Versuch wagen?, fragte er sich. Vielleicht habe ich ja nur zu stark gezogen.
Im Grunde sprachen seine vom Husten noch immer schmerzenden Lungen eine eindeutige Sprache, doch letztlich überwog die Neugier. Er spitzte erneut die Lippen und zog diesmal deutlich vorsichtiger an der Zigarette. Um ganz sicher zu gehen, ließ er den Rauch nicht in seine Lungen, sondern behielt ihn im Mund.
Stephan ähnelte ein wenig einem Frosch, wie er dort hinter der Stallwand hockte und mit aufgeblähten Wangen versuchte, den beißenden Qualm nicht in seine Lungen gelangen zu lassen. Zu seiner Freude passierte nichts, außer dass sich nach einigen Sekunden ein Atemreiz bemerkbar machte und sein Körper nach Sauerstoff verlangte. Hastig blies er den Rauch durch die immer noch gespitzten Lippen aus. Gerade noch rechtzeitig, bevor er wieder tief Luft holen musste.
»Na, das ging ja schon sehr viel besser«, sagte er leise zu sich selbst und fühlte sich auf einmal wie ein ganz Großer. Dadurch ermutigt nahm er sogleich den nächsten Zug. Leider nicht mit der gebotenen Vorsicht, wie er voller Schrecken bemerkte, als erneut Rauch in seine Lungen gelangte. Doch da war es schon zu spät. Ein noch heftigerer Hustenanfall als beim ersten Mal schüttelte seinen Körper.
Sichtlich ernüchtert warf er die Zigarette enttäuscht auf den Boden und trat sie aus. Nun bemerkte er auch noch so ein flaues Gefühl in der Magengegend. Irgendwie musste er jetzt ganz schnell zur Toilette. Hastig ließ Stephan die Spuren seines Misserfolgs in einem hohen Brennnesselgebüsch hinter der Scheune verschwinden und stürmte ins Haus.
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