Stephans platzte vor Neugier. Zögernd trat er an die Reling und schaute hinunter. Vom Schiff bis zum Ufer erstreckte sich eine geschlossene Eisdecke, die verhinderte, dass sie bis in den Hafen fahren konnten. Und jetzt sah Stephan auch, dass die Leiter tatsächlich nicht zur Bemannung der Rettungsboote vorgesehen war. Fest mit der Bugreling vertäut, diente sie als Ausstieg für die Fahrgäste. Einer nach dem anderen verließ jetzt das Schiff über die Leiter und legte die letzten zwanzig Meter zu Fuß über das zugefrorene Hafenbecken zurück.
* * *
Ein paar Stunden später stand Stephan dann wieder in Lindlar auf dem Balkon seines Zimmers, blickte auf den Ort hinunter und zog an seiner Zigarette. Von einer überstandenen Schneekatastrophe war hier nichts zu sehen. Alles war so wie immer und vor dieser Normalität wirkten die Aufregungen der letzten Tage schon fast unwirklich.
Zwei Monate später erfasste eine zweite Kältewelle Norddeutschland und erinnerte Stephan an das Erlebte. Doch nicht die Erinnerungen an die Katastrophe waren Grund dafür, dass seine Hand jetzt zitterte. Vielmehr waren es die Aufregung und der Stolz, die dazu führten, dass die Unterschrift in seinem ersten Führerschein etwas krakeliger als normalerweise ausfiel. Er hatte die Prüfung auf Anhieb geschafft.
Die erste Hürde auf dem Weg zu einem eigenen Moped war genommen.
Für Stephan und seine Freunde teilte sich die Welt in drei wichtige Bereiche, die ihren Tagesablauf maßgeblich bestimmten: Schule, Fußball und Musik. Und auch wenn die Schule einen Großteil der Zeit in Anspruch nahm, reichte es dennoch nur zum dritten Platz im Beliebtheitsranking, trotz der Veränderungen, die sich derzeit in Stephans Jahrgangsstufe abspielten. Hatte man bisher immer nur neidisch auf die noch so weit entfernten höheren Klassen geblickt, durchlief man nun einen altersgemäßen Reifeprozess, der neue Orientierungspunkte mit sich brachte. Und so schloss man sich nun nach und nach den Gruppen an, die bestimmten Einstellungen und Interessen folgten. Eine dieser Gruppierungen waren die sogenannten Ökos, welche man an der Kufiya, dem Palästinensertuch, erkannte, die sie als Schal über selbst gebatikten, langärmligen Unterhemden um den Hals trugen. Die Schulsachen und persönliche Dinge der Ökos verschwanden in Jutebeuteln, an denen grundsätzlich irgendwo ein Badge mit der Aufschrift Atomkraft? – Nein, danke! angebracht war. Ein Öko stand außerdem auf Reggae und neben Batikarbeiten strickten sie gerne, viel und überall. In ihren Treffpunkten, den Teestuben, lag oftmals ein schwerer, süßlich-orientalischer Duft von Räucherstäbchen und Tee in der Luft, der sich bestens dazu eignete, den Geruch möglicher Tabakzusätze zu überlagern.
Stephan war kein Öko. Statt zu kiffen, trank er lieber mit seinen Freunden ein Bierchen. Und weil es meistens nicht bei dem einen blieb, hatten die Ökos ihnen den Spitznamen Alkis verpasst.
Auf einem von Stephans Ansteckern stand Atomkraft? – So, nicht! , denn so unkritisch, wie die Ökos meinten, waren die Alkis dann auch wieder nicht.
Im Gegensatz zu den Ökos vermied man lange Diskussionen und kam direkt auf den Punkt. Die Lebensphilosophie von Stephan und seinen Freunden lautete dementsprechend auch ganz einfach Triple-M: Mädchen, Musik und Mopeds.
Bei der Musik war natürlich Hard Rock das Nonplusultra. Und so prangten die Namen der Lieblingsbands gut sichtbar auf ihren ausgemusterten Bundeswehrjacken.
Reggae wurde nur gelegentlich mit einer Ausnahme geduldet. Getreu ihrem Motto 'Sommer, Sonne, Saskia' hatte Bernds Schwester eine gewisse Affinität zu Sonnenländern und deren Musik.
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Inzwischen hatten in Nordrhein-Westfalen die Sommerferien begonnen.
Lehrer und Schüler freuten sich, endlich vom harten Bildungsalltag erlöst, auf die wohlverdiente Auszeit. Doch im Gegensatz zu den vergangenen Jahren musste sich Stephan noch etwas gedulden. Auf ihn kam nun eine ganz besondere Herausforderung zu, erhielt er doch nun seine allererste Bewährungsprobe in der harten Arbeitswelt.
Kurz vor Ende des Schuljahrs hatte er eine Zusage von den Milchwerken Köln-Wuppertal, in der Region besser bekannt als TUFFI-Werke, erhalten. Sein erster Ferienjob war damit unter Dach und Fach.
Stephan war außer sich vor Freude, hatte er doch eigentlich nicht mehr damit gerechnet, noch eine positive Antwort auf seine abgegebenen Bewerbungen zu erhalten. Aber jetzt nahm das Bild von seinem Moped auf einmal wieder Konturen an. Doch noch hatte er es nicht, wie er zu seinem Leidwesen feststellte, als er das erste Mal die neun Kilometer zu seiner neuen Arbeitsstätte mit dem Fahrrad zurücklegte. Eine Busverbindung, die er hätte nutzen können, um rechtzeitig an seinem Arbeitsplatz zu sein, gab es nicht.
In den Ferien nicht ausschlafen zu können, war etwas, das Stephan so nicht kannte. Schon gar nicht, dass er jetzt sogar noch früher aufstehen musste als an Schultagen. Und so passierte genau das, was passieren musste: Gleich an seinem ersten Arbeitstag verschlief er. Erst nach dem dritten Klingeln des Weckers war er hektisch aus dem Bett gesprungen. Katzenwäsche und los. In allerletzter Minute, aber gerade noch rechtzeitig erreichte er die Stempeluhr. Die Zeit, die er mit dem Fahrrad hingelegt hatte, blieb bis zum Ende seines Ferienjobs eine unerreichte Rekordzeit.
Stephan wurde zunächst in der Buttermilchabfüllung eingesetzt, wo er darauf achten musste, dass sich die Tetrapacks auf dem Produktionsband nicht verkanteten und platzten.
Eine lösbare Aufgabe, dachte Stephan zufrieden. Das sah nach einfach verdientem Geld aus.
Eine halbe Stunde später musste er allerdings feststellen, dass die Abfüllmaschine über eine Vielzahl an Tricks verfügte, um eine unerfahrene Aushilfskraft auf Trab zu halten.
Am Ende seines ersten Arbeitstages teilte man Stephan noch mit, dass er unvollständig abgefüllte Packungen zum Eigenverzehr mit nach Hause nehmen durfte. Von dieser Regelung machte er dann auch gleich rege Gebrauch, wusste er doch, wie gerne seine Mutter frische Buttermilch trank. Nachdem jedoch bereits am dritten Tag der heimische Kühlschrank an seine Kapazitätsgrenze stieß, musste er seine gut gemeinten Lieferungen wieder einstellen, denn mehrere Liter Buttermilch am Tag schaffte bei aller Begeisterung auch seine Mutter nicht.
In der zweiten Woche lernte Stephan dann die nächste Maschine kennen, die es offensichtlich auch auf ihn abgesehen hatte. Diesmal musste er Kartons falten, während unaufhaltsam Joghurtbecher auf ihn zuströmten, die auch noch in die Kartons verpackt werden wollten. Das, was eben bei den erfahrenen Kräften so leicht aussah, entpuppte sich für ihn als schier unlösbare Aufgabe. Das sahen zu seinem Glück auch die anderen so und erlösten ihn bereits nach wenigen Minuten. Dafür durfte er nun die fertig gepackten Kartons auf Paletten verladen und mit einem Hubwagen zu den Kühlräumen ins Erdgeschoss bringen.
Stephan atmete durch und war froh, dass man ihn von der Monotonie der Maschine erlöst hatte. Er genoss die neu gewonnene Unabhängigkeit, die es ihm erlaubte, auch immer mal wieder ein Zigarettenpäuschen einzulegen.
Eine Aufgabe, die ihm allerdings am meisten Spaß machte, auch wenn er dafür bereits um fünf Uhr aufstehen musste, war die Mitfahrt in einem der großen Lastwagen. Natürlich gab es auch hierbei einen kleinen Haken, denn schließlich mussten die Lastwagen ja auch be- und entladen werden und das war bei 25 Kilogramm schweren Milchpulversäcken wahrlich kein Zuckerschlecken. Dafür durfte man dabei nach Herzenslust rauchen.
Die ungewohnte körperliche Arbeit und der tägliche Weg mit dem Fahrrad rangen Stephan einiges ab. Da kam ihm das Angebot eines Schulfreundes äußerst gelegen, der ihm ein Mokick für 600 DM anbot.
Stephan dachte daran, wie es wohl wäre, motorisiert zur Arbeit zu fahren. Doch bei aller Vorfreude blieb das Problem der Finanzierung, denn seinen Lohn würde er erst am Ende der drei Wochen erhalten.
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