Das Stühlerücken brachte Knoop wieder in die Gegenwart zurück. Die Kollegen machten sich auf den Weg zu ihren neuen oder alten Aufgaben. Van Gelderen schien alle anfallenden Aufgaben verteilt zu haben. Auch Knoop erhob sich. In seinem Arbeitszimmer verriet ihm das Telefonbuch, wo er die Kirchengemeinde finden würde.
Duisburg Rheinhausen, 19. April
Der Friedhof an der Lohstraße lag nördlich des Toeppersees, einer Freizeitattraktion der Stadt Duisburg auf der anderen Seite des Rheines. Die Grabfläche war nicht sehr groß. Die enorme Ausdehnung der Stadt Duisburg im letzten Jahrhundert hatte sie vollständig umbaut. Viele Häuser hatten allerdings ihren Garten zum Friedhof ausgerichtet. So war die letzte Ruhestätte eine grüne Oase, denn hohe Bäume an ihrem Rand verdeckten die Häuserzeile.
Knoop hatte die B40 genommen, um nach Rheinhausen zu gelangen. Die katholische Kirchengemeinde war in einem Backsteingebäude nahe der St. Marienkirche an der Lindenstraße untergebracht. Hier hatte er erfahren, dieser Friedhof, wie alle katholischen Friedhöfe, wurde gegen 20 Uhr abgeschlossen. Im Winter sogar kurz vor der Dunkelheit. Aufgeschlossen wurden er um 7 Uhr. Knoops Entgegnung, wie es denn möglich gewesen war, in den frühen Morgenstunden dort einen Mord zu begehen, war mit der lapidaren Antwort beschieden worden, das könne nicht sein. Eine solche Ignoranz zeigte dem Kommissar, jede Minute seiner Zeit war hier vergeudet.
Um diese frühe Uhrzeit fand er problemlos einen Parkplatz. Die Lohstraße lag jetzt ziemlich einsam dar. Knoop konnte sich vorstellen, wie wenig man nachts hier auf Zeugen traf. Der Friedhofsgärtner war schwierig zu finden. In einer abgelegenen Ecke der Anlage schob er die Kompostabfälle zusammen. Als Knoop ihn nach den Öffnungs- und Schließzeiten fragte, bekam er die gleiche Antwort wie von der Angestellten in der Kirchenverwaltung. Auch als er den Zeitpunkt des Mordes anführte, hatte der Mann nur ein hilfloses Lächeln für ihn übrig. Er zuckte mit den Schultern. Er glaubte, damit aus dem Schneider zu sein. Deshalb wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.
„Sie erleichtern mir die Untersuchung ungemein. Ich nehme Sie wegen Mordes fest.“ Der Arbeiter schaute sprachlos in Knoops Gesicht. Knoop machte eine kreisende Bewegung mit seinem Arm. „Schauen Sie sich die hohen Mauern an. Keiner klettert hier herüber und dann noch mit einem Opfer unter dem Arm. Wie Sie sagten, waren alle Tore abgeschlossen. Da nur Sie einen Schlüssel dazu haben, müssen Sie der Mörder sein. Packen Sie ihre Sachen zusammen. Ich nehme Sie jetzt mit.“
Der Mann in dem grünen Arbeitsdress ließ seinen Unterkiefer sinken, wie auch die Grabgabel, und schaute Knoop an, so als käme dieser direkt vom Mars. Er stotterte in einem fort, brachte aber keinen vernünftigen Satz über die Lippen. Knoop gab ihm Gelegenheit, Ordnung in dessen Gedanken zu bringen. Und richtig. Mit Erleichterung gab er zu, manches Mal auch ohne Abschließen nach Hause zu gehen. Aber dieses dürfte keiner von der Verwaltung wissen. In seinen Gesichtszügen spiegelte sich, wie peinlich ihm all das war. Ein unscheinbares Lächeln spielte sekundenlang über die Lippen von Knoop. Der Friedhof wurde also selten abgeschlossen. Dies musste allgemein bekannt sein. Vielleicht nicht der Friedhofsverwaltung, aber der Bevölkerung sicherlich. Vor allem der oder die Täter mussten das gewusst haben.
Bei der Dienstbesprechung hatte van Gelderen nicht gesagt, wer die Leiche gefunden hatte, oder Knoop hatte nicht zugehört. Nur sein Gegenüber konnte dafür infrage kommen. „Wie haben Sie die Tote gefunden?“
Der Friedhofsarbeiter atmete tief durch. Zufriedenheit kehrte in seine Gesichtszüge zurück. „Das Grab liegt auf dem Weg zum Kompostbehälter Vier. Sie lag einfach so da als ob Sie schliefe. Ich bin zu ihr hin. Das Rütteln war sinnlos. Dabei rutschte der Schal zur Seite. Darunter war nur Blut. Da habe ich mir gedacht, die ist tot. Mit dem Handy habe ich die Polizei gerufen.“ Er zog eine kleine Ledertasche aus der Hose. Damit demonstrierte er die Wahrheit seiner Aussage. Knoop wusste sofort, neben der Toten würde es keine Fußabdrücke geben. Der gute Mann hatte alles zerstört als er neben den Körper trat.
Am Tatort arbeitete nur ein Kollege der Kriminaltechnik. Die Absperrbänder hingen noch in den Befestigungen und schaukelten leicht im Wind. Er war damit beschäftigt, Fingerabdrücke von den Flächen zu nehmen, die einen Abdruck zuließen. Er hatte eine Reihe von Abdrücken genommen, aber diese waren seiner Einschätzung nach zu alt. Auch Fußabdrücke hatte man nicht finden können, weil hier jeder auf dem Grab herumgelatscht war, wie er sich ausdrückte. Auch im nahen Umkreis war man nicht fündig geworden. Täter und Opfer sowie die Zuschauer waren über den Schotterweg zum Grab gekommen.
Am Parkplatz vor der Mauer befand sich ein Blumengeschäft. Eine Frau trug Pflanzen in Kästen nach draußen. Das sporadisch auftretende Sonnenlicht reflektierten ihre Farben. Die Frau beendete diese Tätigkeit, weil sie in dem Näherkommenden einen Kunden vermutete. Als Knoop sich auswies, verschwand ihre übertriebene Freundlichkeit. Die Bedienung hatte von dem Mord gehört. Sie war offensichtlich froh, jemanden gefunden zu haben, der sie aus ihrer Langeweile befreite. Wortreich erklärte sie dem Polizisten, was sie wusste. Alles, was sie sagte, deckte sich im Grunde mit dem, was er bei der Dienstbesprechung erfahren hatte. Aber gesehen hatte Sie von dem Verbrechen nichts. Als sie ihre Arbeit aufnahm, war die Polizei schon da gewesen. Das brachte Knoop nicht weiter.
An einem Ende der Lohstraße betrieb jemand einen Kiosk. Ein Werbeplakat für Eis pendelte im Wind. Drei Gestalten gehörten offensichtlich zu den Kunden dieser Verkaufsbude. Was Knoop als erstes auffiel, war ihre Angst vor Dieben. Sie hielten alle eine Flasche Bier so in der Hand als fürchteten sie, jemand könne sie ihnen wegnehmen. Ihr ungepflegtes Äußeres und die Art und Weise, wie sie sich dort herumlümmelten, zeigte, hier musste es sich um Arbeitslose handeln. Natürlich hatten sie von dem Mord erfahren und waren bereit, ihr Wissen der Polizei sofort und unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Knoop erfuhr allerdings, sie standen gewöhnlich erst gegen elf Uhr auf. Schlagartig verlor er jedes Interesse an ihren Bemerkungen. Auch die Kioskbesitzerin machte erst am späten Morgen ihre Bude auf, weil dann erst ihre Kunden kamen. Knoop sah die Sinnlosigkeit seiner Arbeit ein. Wenn er auf einen Zeugen hoffen konnte, dann musste er zum Zeitpunkt der Tat hierher kommen. Diese Erkenntnis bedeutete, er würde morgen würde sehr früh aufstehen müssen. Er beschloss, zu seinem Arbeitsplatz zurückzufahren.
Duisburg Dellviertel, 19. April
Es war Mittagszeit. Knoop hatte in der Kantine des Präsidiums gerade noch etwas zu Essen bekommen. Frikadelle mit Schwarzwurzeln hatte auf der Speisekarte gestanden und seinen Appetit erregt. Maria, die Pächterin der Kantine, hatte auf den Teller mehr angehäuft als sonst üblich war. Es gab um diese Zeit außer ihm keine Kunden mehr.
„Puh, soviel? Soll ich das alles essen? Du stehst wohl auf dicke Männer?“ Knoop grinste über beide Backen.
Maria unterbrach ihre Tätigkeit, mit einem Tuch Ablageflächen zu reinigen. Während sie den Lappen ausspülte, drehte sie sich zu Mikael. „Es ist doch nur der Rest. Es wäre zu schade. Sonst muss ich es wegwerfen.“
„Ich sehe mich also als guten Christen, der die Sünde, Lebensmittel zu vergeuden, aktiv bekämpft. Ich erinnere mich an meine Mutter. Mit dem gleichen Argument hat sie durch mich ihre Töpfe leer bekommen. Sie hat immer...“
„Mache keine Sprüche Mikael. Sonst ist alles kalt, wenn du mit deiner Jugendbeichte fertig bist.“ Maria verschwand in einen der hinteren Räume der Kantine.
Knoop setzte sich an einen der langen Resopaltische und aß ungestüm die riesige Portion. Er liebte Frikadelle und Schwarzwurzeln. Als der Teller geleert war, stöhnte er auf. Er klopfte auf seinen Magen. Sein Kompliment über das vorzügliche Essen hörte keiner.
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