1 ...7 8 9 11 12 13 ...26 Wieder war er allein. Die Anzahl der Lichter stieg an. Er hörte auf sie zu zählen. Flexibel drehte er sich laufend in verschiedene Richtungen. Aber auf der Straße tat sich nichts, wenn man den Verkehr in der Ferne außer Acht ließ. Die Kälte kroch langsam über seine Beine in seinen Körper. Natürlich hatte er sich entsprechend der Tagesstunde warm angezogen, aber die Kälte aus dem Boden hatte er unterschätzt. Tagsüber hatte die Sonne, wenn sie denn schien, schon Kraft genug, um angenehme Wärme zu verbreiten, aber die Nächte waren doch noch empfindlich kalt. Knoop machte ein paar Bewegungen mit Beinen und Armen, um den Kreislauf zu beschleunigen. Nach einigen Minuten hörte er damit auf. Zuerst wusste er nicht, was ihn störte. Richtig, er machte keine Bewegungen mehr und trotzdem gab es Geräusche von Füßen auf dem festen Boden. Wieder versuchten seine Augen, in den verwaschenen Konturen die Figur eines Menschen auszumachen. Es war vergeblich.
„Kalt heute morgen, nicht?“
Knoop versuchte verzweifelt, den Standort des Sprechers auszumachen. Die Figur des Plauderers bewegte sich wohl unerkennbar. Zwischen zwei parkenden Autos stand ein dunkelgekleideter Mann.
„Werden Sie auch abgeholt? Ich hab´ Sie hier noch nie gesehen. Neu hier?“
„Ich habe Sie überhaupt nicht bemerkt. Stehen Sie jeden Morgen hier?“ Knoop wechselte die Straßenseite.
„Ja, jeden Morgen, bis auf Sonntag. Da schlafe ich mich aus. Warum wollen Sie dieses wissen?“ Der Mann trug einen dunklen Parka, der allerdings vorn nicht geschlossen war. Unter der Nase lag ein breiter Schatten. Als Knoop näher heran kam, sah er einen Oberlippenbart. Das Haar wurde von einer Baseballkappe verdeckt. „Ich habe Sie die ganze Zeit schon beobachtet und mich gewundert, was Sie da so machen. Wissen Sie, meine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt. Ich sehe mehr als andere.“
Knoop schaltete den Sprachaufzeichner ein, bevor er seinen Ausweis im Strahl seiner Taschenlampe präsentierte. Auch dieser Wartende hatte von dem Mord gehört. Er gab Norbert Wehrmeister als seinen Namen an. Es schien ihm aber ziemlich bedeutungslos. „Wissen Sie, ich arbeite als Vertreter. Ich verkaufe Zeitungsabonnements. Sie können sich nicht vorstellen, was da so abläuft. Das Beste, was mir passieren kann, neben dem Verkauf eines Abos...“ Er lächelte. „... ist das Zuschlagen von Türen. Schlimmer noch sind die Beschimpfungen, die man sich anhören muss. Bis vor kurzem habe ich sogar Prügel einstecken müssen. Nun habe ich gelernt, den Leuten in die Augen zu schauen. Wissen Sie, kurz bevor man zuschlägt, zucken die mit den Augen. Dann bleibt nicht mehr viel Zeit zurückzuspringen. Aber mir reicht der Augenblick, um mich in Sicherheit zu bringen.“
Knoop hatte mit dem Kopf genickt als sein Gegenüber erzählte. „Aber Prügeln ist doch nicht so schlimm, wie Mord?“
„Meinen Sie? Wenn es kurz und schmerzlos geschieht, sicherlich nicht. Bei einem Mord merkt man hinterher nichts, die blauen Flecken schmerzen viele Tage lang.“
Knoop musste zum Kern seines Hierseins kommen. „Haben Sie gestern so um diese Zeit etwas bemerkt?“
„Ach, ist da der Mord passiert?“
Knoop nickte bestätigend.
„Gestern, gestern?“ Er zwirbelte an seinem Lippenbart. „Jetzt, wo Sie fragen. Da war was.“
Knoop schwieg, um den Redefluss nicht zu unterbrechen.
„Ja, genau. Da ging gestern einer über den Parkplatz. Ich habe mich noch gewundert. Warum ist die Innenbeleuchtung kaputt, wenn er seinen Wagen öffnet?“
Knoops Kreislauf setzte sich in Bewegung. „Einer? Sind Sie sicher. Es handelte sich um eine Person?“ Er betonte dabei >eine< so deutlich. Es sollte kein Zweifel an dem Gefragten aufkommen.
Der Schnauzbart nickte gelangweilt. Er schaute auf seine Uhr, was die Wartezeit nicht verkürzte.
„Haben Sie ihn erkannt?“
Der Kopf wurde geschüttelt. „Nein, das nicht. Dazu war es doch zu dunkel. Sogar für mich.“ Wieder zog ein Lächeln den Schnauzer zur Nase hoch. „Nein. Am Gang habe ich ihn erkannt. So geht keine Frau.“
Ein Kleinbus näherte sich. Mit der Lichthupe machte der Fahrer auf sich aufmerksam. Der Wagen hielt bei den beiden Männern. Eine Schiebetüre wurde zurück gezogen. Der Lärm der Insassen drang nach außen. Der Mann hob grüßend die Hand und wollte einsteigen.
Knoop berührte ihn am Arm. „Eine Frage habe ich da noch. Haben Sie gesehen, woher der Mann kam?“
Mit einem Fuß im Wageninnern drehte sich die Baseballkappe Knoop zu. „Aber klar doch. Von da nach da.“
Knoop folgte der Handbewegung. Er sah nichts, außer Dunkelheit. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Ein Blinker wurde betätigt, dann verschwanden die Rücklichter in der Dunkelheit. Die Drückerkolonne machte sich auf dem Weg zu ihrem Einsatzgebiet. Knoop ging in Richtung der Handbewegung, die das „von da“ angedeutet hatte. Noch konnte er nichts erkennen. Er stolperte über eine Rasenkante und musste einen Busch umrunden. Kurz darauf stand er vor dem Haupttor des Friedhofs.
Oberhausen Lirich, 20. April
Der Rhein-Herne-Kanal und ein Schienenstrang zerteilen den Stadtteil Lirich. Zwischen Kanal und Schiene liegt ein schmaler Streifen, der seit je her ausschließlich industriell und gewerblich genutzt wurde. Entsprechend war die Beschaffenheit der Gebäude. Sie entstanden im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Damals ging es darum, Gebäude schnell und kostengünstig zu erstellen. Alles wurde dabei den unternehmerischen Aspekten untergeordnet. Das psychische Empfinden der Arbeiter spielte keine Rolle. Kostengünstig bedeutete, ein Stahlgerüstbau sorgte für die Stabilität. Die Felder zwischen den Stahlträgern wurden mit Ziegelsteinen ausgemauert, ganz so wie die Holzkonstruktionen des Hausbaus im Mittelalter. Die große Nachfrage nach Ziegeln führte über die Handformerei zu einer Mechanisierung der Herstellung. Diese Massenproduktion machte den einzelnen Stein unsagbar preisgünstig. Kein Wunder also, dass alle Industriegebäude deshalb so gleichartig aussahen. An Wärmedämmung, Lichteinfall wurde damals nicht gedacht. Als solche Forderungen den Arbeitsablauf bestimmten, wurden die Gebäude aufgegeben. Platz gab es ja genug, um modernere Hallen an anderen Stellen des Ruhrgebietes errichten zu können. Wenn diese ungenutzten Gebäude nicht verfielen, dann lag das daran, sie wurden einer anderen Nutzung zugeführt. Handwerker, Künstler, Nischenbetriebe sickerten hier ein und erfüllten den toten Industrieraum mit anderem Leben.
In eines dieser Gebäude waren die Satan Sons gezogen. Die Satan waren eine Gruppe von Motorradfreunden. Freunde waren sie aber nur untereinander. Es gab andere, rivalisierende Motorradgruppen neben der ihren. Dies waren die erklärten Feinde, die ihre Familie zusammenschweißte. Weil die ein oder andere Maschine früher von der Konkurrenz ab und zu in Brand gesteckt worden war, bevorzugten die Satan Sons, ihre Motorräder mit in ihr Clubhaus zu nehmen. Die alte Industriehalle, war dazu bestens geeignet. Hier störte das hochtourige Geräusch von Zweirädern ebenso wenig wie laute Musik, mit der sie ihre Köpfe vollzudröhnen gewillt waren. Auch der Geruch von Benzin und Schmierstoffen war ein Parfüm für die Freunde des Motorsports. Aber auch das ungestörte Feiern war hier möglich. Hier gab es keine Nachbarn, die bei einer Rauferei sofort die Polizei riefen.
Wer den armseligen Eindruck der Außenfassade mit in das Innere des Komplexes nahm, der wurde überrascht. Die noble Ausstattung war augenfällig. Es gab einen Arbeits- und einen Wohntrakt. Im Arbeitsbereich gab es einen großzügig angelegten Parkplatz für die Zweiräder. In der gegenüberliegenden Ecke dieses Hallenteils erregten Werkbänke und Werkzeuggalerien die Anerkennung jeden Motorradfreaks. Hier konnte man nach Lust und Laune an seinem Gefährt herumschrauben, reparieren oder tunen. Oben an der Wand waren mit mannshohen, goldumrandeten schwarzen Buchstaben die Lettern >SFFS< befestigt. Nur die Eingeweihten der Szene wussten, diese vier Buchstaben dienten allein der Verehrung ihrer Gruppe. Aus dem Englischen übersetzt könnte man dies >Es leben die Satan Sons< deuten.
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