Duisburg Dellviertel, 19. April
Mikael Knoop stand am Fenster seines Arbeitszimmers und schaute verträumt auf die Düsseldorfer Landstraße hinaus. Das Wetter entsprach seinem Gemüt. Der Himmel war von Wolken abgeschirmt. Die Temperatur draußen war für diese Wetterlage sehr hoch, aber letztendlich doch erträglich. Bald würden die Platanen auf der Düsseldorfer Straße ihre Blätter bilden. Dann würde er nicht nur auf das triste Braun der Äste schauen können. Die vorbeigehenden Leute dachten bei den herrschenden Temperaturen in diesem Moment bestimmt nicht an Sonnenbaden oder Grillen im Garten. Jedenfalls verhielten sie sich so. Zielstrebig und schnell gingen sie Richtung Innenstadt oder kamen aus ihr zurück. Das Polizeipräsidium Duisburg lag an einer der Achsen, über der die Bewohner der Außenbezirke in die Innenstadt gelangen konnten.
Im Duisburger Polizeipräsidium sind eine Reihe von Verwaltungsaufgaben konzentriert. Dazu gehören die Polizeiwachen, die Kontrolle der Straßen- und Wasserwege und die Bekämpfung der Kriminalität. Für jede Straftat ist eine Kriminalinspektion zuständig. So auch eine für Tötungsdelikte, wie die Amtsbezeichnung lautet. Dafür ist das Kriminalkommissariat 1 zuständig. Hier werden je nach Bedarf Mordkommissionen zusammengestellt, die im Sprachgebrauch der Behörde einfachheithalber als MK bezeichnet wird. Je nach Dringlichkeit ihres Einsatzes und Personaldecke wird die Zahl der ermittelnden Beamten bestimmt. Hauptkommissar Mikael Knoop hat hier Beschäftigung und Bestimmung seiner Berufswahl gefunden.
Knoop war ein sportliche Typ. Sport spielt bei der Duisburger Polizei eine große Rolle. Das hatte mit der Gesundheit der Beamten zu tun. Aber Knoop betrieb Sport, weil Sport ihm Spaß machte. Das war nicht immer so gewesen. Erst als Heranwachsender war er über Volleyball mit dem Sport in Verbindung gekommen. Seitdem war er immer für neue Sportarten angetan. Er hatte Fußball in der Stadtauswahl gespielt, hatte in American Football mitgemischt und auch mal für den Halbmarathon trainiert. Leider ließ sein Beruf eine kontinuierliche Vorbereitung nicht zu, der diese Sportart verlangte. Er beherrschte aber auch das Tauchen mit Flaschen und liebte das Skifahren. So sah er trotz seiner Größe von einmeterzweiundachtzig größer aus als er war. Sein dunkles, krauses Haar begann über seinen Schläfen an Farbkraft zu verlieren, aber dieses Melieren setzte so früh ein, wie es bei seinem Vater der Fall gewesen war. Jedenfalls glaubte er sich daran zu erinnern. Auch Vater hatte mit zweiundvierzig Jahren begonnen, langsam seine Haarfarbe zu wechseln. Und er war jetzt schon vier Jahre älter.
Im Spiegelbild der Scheiben sah er in sein eigenes Gesicht. Er liebte eine Selbstbetrachtung nicht. So stellte er fix seine Sehschärfe auf die Objekte der Düsseldorfer Landstraße scharf. Er liebte sein Aussehen nicht. Ihn störten die Falten in seiner Stirne, die zu ausgeprägten Wangenknochen und die braunen Augen. Er hätte gerne blaue gehabt, aber er war nicht eitel genug, um farbige Kontaktlinsen zu tragen. Seine rechte Hand fuhr wie ein Kamm durch die dichten, krausen Haare. Vereinzelte Schuppen rieselten auf seinen Hemdkragen. Er öffnete den zweiten Knopf seines karierten Hemdes.
Knoop verscheuchte die Gedanken über sein Aussehen. Es gelang ihm nur mit etwas Konzentration. Er hatte ein Problem und suchte ein Resultat. Eine Lösung musste dringend her. Obwohl er nun nach draußen schaute, nahmen seine Augen nichts auf. Sein Gehirn war voll damit beschäftigt, das Rätsel zu lösen. Er sah das Bild des toten Säuglings deutlich vor sich, so als stände er immer noch vor ihrer Leiche. Ein Gefühl des Zorns bemächtigte sich seiner. So jung, dachte er, und schon war alles vorbei. Was musste das für ein Mensch sein, der zu so was imstande war? Er erinnerte sich an AnnaLena, seine Tochter. Wie gerne hatte er sie in diesem Alter auf den Armen getragen. Immer wieder musste er sie küssen. Immer wieder beantwortete das Häufchen Fleisch in seinen Händen eine solche Liebkosung mit Geschrei oder dem Griff in sein Gesicht. Es war ihm egal gewesen. Nur seiner Frau nicht. Diese hatte ihm die Tochter bald entrissen, weil sie dieses Geschrei einfach nicht mehr aushalten konnte. Willig gab Knoop sie aus den Händen. Er wusste, dass es immer eine neue Möglichkeit gab, seine überschwellende Liebe dem Kind zu zeigen. Zärtliche Empfindungen wogten bei diesen Gedanken auch jetzt noch durch seinen Körper. Diese endeten abrupt als das Bild des toten Kleinkindes erneut projiziert wurde.
Wie sollte er vorgehen? Hatte er etwas übersehen? Die Mutter selbst hatte die Polizei angerufen als sie ihr Kind tot vorfand. Die Obduktion hatte Gewalt beim Sterben des Kindes als entscheidende Ursache festgestellt. Aber dieses hatte die Obduktion in der Gerichtsmedizin erst zwei Tage später festgestellt. Es war erstickt worden. Die Mutter leugnete die Tat vehement. Sie gab vor, zu dem entscheidenden Zeitpunkt einkaufen gewesen zu sein. Sie hätte sich das zugetraut, weil ihre Tochter geschlafen hatte. Dieser Schlaf dauerte erfahrungsgemäß eine dreiviertel Stunde, eher länger. Bis dahin glaubte sie zurück sein zu können. War sie auch, wie sie behauptete. Die Nachbarn hatten nichts Verdächtiges gehört oder gesehen. Die Türe war unbeschädigt. Der Vater der Kleinen lebte in Oberhausen Sterkrade bei einer neuen Beziehung und war zur Tatzeit auf der Arbeit. Meister und Arbeitskollegen bezeugten dies ausnahmslos. Außerdem besaß er keinen Wohnungsschlüssel von seiner Ex. Die Alibiangaben der Mutter waren dagegen dürftig. Die Beschäftigten des Supermarktes bestätigten, die Mutter war Kundin hier und kaufte regelmäßig hier ein. Ob sie aber zur Tatzeit auch hier eingekauft hatte, dies konnte keiner beeiden. Auch die DNA-Spuren brachte nur Hinweise auf die Mutter. So etwas war nichts Außergewöhnliches, weil diese ja ständig Kontakt mit dem Opfer hatte. Sonst hatte Knoop nichts in der Hand. Er stöhnte. Die Mutter brauchte nur ihr Alibi behaupten. Es war an Knoop, ihr das Gegenteil zu beweisen. An den großen Unbekannten glaubte er nicht.
Er ging zu seinem Schreibtisch zurück. In diesem Raume gab es zwei davon. Das bedeutete, dieser Raum bot zwei Kommissaren einen Arbeitsplatz. Die Schreibtische standen sich mit ihren Längsseiten gegenüber, Zwischen ihnen war genügend Raum, um Abstand voneinander zu halten. Die Tische waren aber so gestellt, dass man sich anschauen konnte. Distanz und Nähe befanden sich so in einem harmonischen Gleichgewicht. Jedenfalls hatte er den Raum so eingerichtet, bevor sein neuer Zimmergenosse, Ulf Metzler, hier einzog. Ulf besuchte zur Zeit eine Fortbildungsveranstaltung >Möglichkeiten moderner Datenauswertung< in Arnsberg. So hatte Knoop im Moment ein Einzelzimmer. Er war nicht böse darüber. Er hatte sich, als er damals den Raum gestalten durfte, so platziert, dass das Tageslicht seine rechte Schreibhand ausleuchten konnte. Hinter beiden Schreibtischen und auf der langen Seite gegenüber der Fensterfront waren Regale aufgestellt. Sie wurden auf der Längsseite nur durch die Türe unterbrochen, die ziemlich genau zentrisch lag. Auf der Wand hinter Ulfs Schreibtisch schaute Knoop auf ein Poster einer Volleyballszene. Es sollte Knoop daran erinnern, wie weit sein Leistungsrückstand gegenüber den Profis vom Kölner Volleyballverein war. Ulf schaute dagegen hinter Knoop Rücken auf mehrere Plakate vom Profitänzern in unterschiedlichen Tanzdisziplinen. Metzler tanzte, wie Knoop sich erinnerte, erfolgreich auf Landesebene. Mehr wusste er nicht.
Sein Drehstuhl war zwar gepolstert, aber nur mit Stoff überzogen. Er hatte eine braune Grundfarbe und war mit schwarzen Fäden durchwirkt. Vor ihm auf dem Tisch stand ein Doppelportrait von seiner Frau und seiner Tochter. Neben seinem Arbeitsplatz an der Fensterseite hatte er die künstlerischen Ergüsse seiner Tochter an die hellbraun gestrichene Wand festgepinnt. Sie gaben die kindliche Sichtweise einer heilen Familie wieder. Ebenso in Farbe hatte AnnaLena ihre Sicht der Polizeiarbeit zeichnerisch ausgedrückt. Danach arbeitete Knoop immer noch mit Lupe und Verstand.
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