Nach einer kleinen Pause, Robert hat das Gefühl, dass das Amulett ihn sinnend betrachtet, ertönt wieder die sanfte Stimme: „Ich habe dir ja die Erlaubnis gegeben, deine Freunde in das Zauberwort „stone“ einzuweihen. Und du hast genau den richtigen Zeitpunkt dazu gewählt. Tim und Chris werden dich in Zukunft stark entlasten und dir den nötigen Freiraum für andere Aufgaben geben. Du selbst kannst nach wie vor außer „stone“ auch über die Zauberkräfte „invisible“, „remember“ und „pierce“ verfügen. Aber ich befürchte, du wirst bald an Grenzen stoßen, wo deine Fähigkeiten dir nicht mehr helfen können. Nutze sie, solange es geht, und setze sie sinnvoll ein!“ Langsam verblasst die Erscheinung.
Robert erwacht viel zu früh und innerlich total aufgewühlt. Was hat das Amulett eben gesagt? Dass er an Grenzen stößt? Was für Grenzen? Wieso redet es so geheimnisvoll zu ihm und nur in Andeutungen? Bisher hatte er immer das beruhigende Gefühl, das Amulett ist als Hilfe im Hintergrund. Aber jetzt hört es sich fast so an, als ob es sich von ihm zurückziehen wollte. Robert kann einfach nicht mehr einschlafen und grübelt. So eine merkwürdige Situation hat es bisher nicht gegeben. Das Amulett wird ihn doch nicht im Stich lassen?
Eine erste Spur
Kaum das Robert die stählerne Tür zum Keller geöffnet hat, piepst Alban sofort „Wir haben die vier grauen Kästen gefunden, Robert!“ Arix drängt die weiße Ratte zur Seite, um näher bei Robert zu sein.
„Du weißt doch, dass hier zwei Kelleretagen sind“, berichtet er aufgeregt. „Hier in der oberen Etage war nichts zu sehen. Also haben wir weiter unten gesucht und ...“
„Da wurden wir fündig!“ Alban setzt sich triumphierend auf die Hinterfüße. „Es ist der Keller mit der Nummer 85, der zu einer Wohnung im achten Stock gehört. Der Eigentümer hat die Lattenwände mit Holzplatten zugenagelt, so dass niemand mehr durchblicken kann.“
„Für uns ist das natürlich kein Hindernis“, setzt Arix selbstbewusst nach.
„Ihr seid echt Spitze!“ Robert beugt sich zu den beiden hinunter. „Am besten, ich schau mir das gleich mal an. Kommt ihr mit?“ Begeistert wenden sich die beiden ab und wieseln davon. „Wir kommen hier innen schneller durch! Du musst über die Treppe nach unten gehen“, fiepen sie im Chor und sind schon verschwunden.
Robert schließt die Stahltür hinter sich und steigt eine Etage tiefer nach unten. Wieder ist da eine Stahltür zu öffnen. Als er das Licht andreht, sieht er Alban und Arix bereits wartend in der Ecke sitzen. Sie geben ihm ein Zeichen, ihnen zu folgen, und schon huschen sie vor ihm her, bis sie in einen engen, geraden Flur kommen. Vor einer Tür, die absolut blickdicht ist, stoppen die beiden Ratten. Auch von der Seite kann Robert nicht durchschauen. Die Tür wird von einem massiven Schloss versperrt.
„Also dahinter ist das Geld versteckt?“, murmelt Robert, und auf seiner Stirn vertieft sich wieder die steile Falte. „Schon komisch, dass sich hier im Hochhaus immer so merkwürdige Dinge abspielen ...“
„Kein Wunder, bei neunzehn Stockwerken! Da kommen halt eine Menge Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen zusammen.“ Alban reibt seinen Kopf aufmunternd an Roberts Hosenbein. „Mach dir mal keine Sorgen, du hast ja uns.“
„Mach dir keine Sorgen, be ratty!“, wiederholt auch Arix und seine schwarzen Äuglein funkeln unternehmungslustig. „Macht doch Spaß, Verbrechern auf die Schliche zu kommen!“ Als Robert wenig später zur Schule kommt, steht Hauptkommissar Werner in seinem üblichen Jeanslook vor dem Klassenraum und wartet auf ihn. „Hallo Robert, ich untersuche den Überfall auf Direktor Gerlach“, sagt er gleich zur Begrüßung. „Gibt’s schon irgendwelche Hinweise, wer dahinter stecken könnte?“, fragt Robert wie aus der Pistole geschossen. Werner will etwas sagen, doch der Krach und die lärmenden Stimmen der eintreffenden Schüler übertönen alles.
„Es ist sinnlos! Bei diesem Wirbel können wir nicht reden“, stöhnt der Hauptkommissar. „Wir treffen uns nach der Schule, ich bin dann im Wagen und warte auf dich!“
Enttäuscht geht Robert in die Klasse. Zu gern hätte er Näheres über den Überfall erfahren. Jetzt muss er sich noch ganze sechs Schulstunden lang gedulden! Aber dass Werner ihn so prompt einweihen will, freut ihn. Offensichtlich zählt die Polizei wieder mal auf ihn.
Kaum hat er die Klasse betreten, fangen ihn seine beiden Freunde ab.
„Hey, Robert, wir haben die komischen Zombie Typen von gestern wieder gesehen“, erzählt Tim. „Stell dir vor, die sind dicht an uns vorbeigegangen und haben so getan, als ob sie uns noch nie gesehen hätten!“
„Ein „stone“ hätte ich noch in Reserve gehabt“, fügt Chris vergnügt hinzu. „War aber diesmal nicht nötig.“
Auf Roberts Stirn erscheint wieder die steile Falte. „Schon eigenartig, diese Vögel“, murmelt er. „Ich ...“
Weiter kommt er nicht. Dr. Bachty betritt die Klasse. Irgendetwas liegt wieder in der Luft, das ist sofort zu spüren. Bachty beginnt nicht wie erwartet mit einer Lobeshymne auf Pythagoras und seinen Dreiecken, sondern wendet sich mit besorgter Miene den Schülern zu.
„Langsam wird es bei uns in der Schule kriminell“, sagt er und streicht sich über seinen schwarzen Bart. „Gestern wurde unser Direktor in seinem Büro niedergeschlagen, und heute hat es wieder eine heftige Schlägerei im Flur gegeben. Die Gewalt nimmt immer mehr zu! Wir können nur gemeinsam versuchen, diesen dramatischen Trend zu stoppen. Nur wenn wir alle zusammenhalten, können solche Prügelszenen verhindert werden. Diese Burschen müssen merken, dass die anderen Schüler dagegen sind, dann wird sie das schon nachdenklicher machen ...“
Bachty schaut abwartend in die Runde. Doch von der Klasse kommt keine Reaktion. Seufzend wendet er sich ab und beginnt mit dem Unterricht. In der großen Pause verziehen sich Robert und seine beiden Freunde in die Nische hinter der Turnhalle, abseits vom Gewühl, um ungestört reden zu können.
„Haben wir jetzt jeden Tag zwei Mal stone zur Verfügung?“, will Tim sofort wissen.
Robert nickt bestätigend. „Das wird nötig sein. Sonst kriegen wir den Laden hier nicht sauber!“ „Haben wir völlig freie Hand und können tun, was wir für richtig halten?“ vergewissert sich Chris. „Absolut!“, ist Roberts knappe Antwort. „Wow!“ Die beiden schlagen sich begeistert mit der Hand ab.
Auch Robert schlägt ein. Er ist froh, dass er nicht mehr alles alleine tun muss. Diese ewigen Schlägereien in der Schule sind ein Riesenproblem, dass immer gravierender wird. Ätzend, ohne Verstärkung kommt er nicht mehr dagegen an. „Hey, Chris, am besten bleiben wir zwei nach der Schule noch ein bisschen da und beobachten, was sich so tut“, schlägt Tim vor. „Vielleicht können wir noch eine Schlägerei verhindern.“ „Gebongt.“ Chris wiegt bedächtig den Kopf. „Da könnte noch ganz nett was auf uns zukommen ...“
Der Hauptkommissar hält Wort. Pünktlich nach Schulschluss steht er wartend neben seinem grünen 5-er BMW auf dem Schulparkplatz. „Komm, Robert, setzen wir uns kurz in den Wagen!“ Neugierig steigt Robert ein. Der Hauptkommissar kommt wie üblich ohne Umschweife zur Sache.
„Wie es momentan ausschaut, ist die Tochter eures Direktors Mitglied einer dubiosen Sekte in der Altstadt“, beginnt er.
„Was, die Svenja Gerlach?“, unterbricht Robert verblüfft. Ausgerechnet diese arrogante Type, für die alle Schüler hier immer Luft gewesen sind! Werner nickt und blättert in seinem Notizbuch. „Die junge Dame ist sogar schon mit Rauschgift aktenkundig geworden. Bei einer Razzia wurde sie mal verhaftet, sie war absolut high durch die Augustinerstraße getorkelt. Ist natürlich keine Topvisitenkarte für einen Schulleiter, wenn alle Welt erfährt, dass seine Tochter in solch üblen Kreisen verkehrt.“
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