„Habe ich auch eine solche Aura? Kann ich sie sehen?“
„Du hast eine Aura. Nach meinen Erkenntnissen kannst Du sie nicht sehen. Die Frequenzen sind deinen Augen verborgen.“
„Die Aura des Steines habe ich auf einem Foto gesehen. Ich habe den Stein untersuchen lassen, weil ich wissen wollte, was damit los ist.“
„Ich sehe ein Abbild in deinen Gedanken. Genau ein solcher Strahlenkranz umgibt dich auch.“
„Aber, was steckt dahinter? Ich verstehe das alles nicht.“
„Ich auch nicht.“
„Ja. Interessiert dich denn nicht, was hier und jetzt mit uns geschieht? Was steckt in der Kombination, die uns gemeinsam denken lässt? Machst du dir keine Gedanken?“
„Sicherlich. Seit Jahrhunderten denke ich darüber nach.“
„Und?“
„Kannst du auch etwas anderes als Fragen stellen? Ich kann mir nur Gedanken machen. Du kannst mehr.“
„Vorhin hast du mir mehr oder weniger gesagt, dass ich blöd bin. Und jetzt kann ich mehr als du?“
„Du kannst dich bewegen - ich bin an diesen Ort gefesselt. Jahrtausende hatte ich nur deinen Stein in der Mulde. Er lag einfach da. Ich konnte ihn ansehen und versuchen, in Kontakt zu treten … alles sinnlos, trotz des Bewusstseins, dass in allem eine Bedeutung steckt. Du, in deinem kurzen Leben, hast schon wesentlich mehr herausgefunden, als ich in der langen Zeit. Das muss ich anerkennen.“
„Endlich ein wenig Anerkennung. Ich verstehe deinen Frust. Mich nervt einfach, nicht zu wissen, was mit dem Stein ist, was dahinter steckt. Aber, wie ich heraushöre, kannst du mir auch nichts Genaueres sagen. Oder hast du etwas Besonderes feststellen können?“
„Lediglich, dass er eine Art Katalysator für den Kontakt mit dir, also den Menschen darstellt. Ich habe alle Zeit der Zeit - sie ist für mich, wie ihr so schön denkt, relativ. Ich reise durch die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ich sehe alles und verarbeite alles. Der Stein jedoch bleibt mir verschlossen. Er hat Barrieren, die ich nicht durchschreiten kann.“
„Rätselhaft. Du kannst dich über den Stein mit mir verständigen? Aber er verweigert sich dir und mir? Weshalb?“
„Vielleicht ist die Zeit in deiner Zeit noch nicht gekommen.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Zeit ist für dich begrenzt. In deinem Bewusstsein ist Zeit die Abfolge eines Geschehens, die du als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft am Entstehen und Vergehen der Dinge erfährst. Die Gegenwart lässt sich als Grenze zwischen noch nicht und nicht mehr, bestimmen.“
„Ja. Und was ist falsch daran?“
„Deine Zeit ist ein Begriff, den sich die Menschen gemacht haben, um sich in ihrer Welt zu Recht zu finden.“
„Nochmals die Frage: was ist falsch daran? Ich habe während meiner Ausbildung auch schon einmal etwas von Relativitätstheorie gehört.“
„Ja sicher. Aber, du verstehst es nicht. Zeit ist komplex. Sicherlich kann man sie – wie ihr es handhabt - in Abschnitte unterteilen. Aber mit dem Ableben eines Menschen steht die Zeit doch nicht still. Sie existiert weiter. In der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Du hast ein anderes Zeitempfinden als andere Menschen, trotz der Einteilung in Abschnitte.“
Martins Verstand stockte einen Augenblick.
„Wenn meine Zeiteinteilung nicht deine Zeit ist … die des Steines nicht unsere …“, er verlor den Faden, als seine Gedankenmaschinerie versuchte, den Kern zu erfassen.
„Nein, nein. Öffne dich. Der Kontakt ist in Gefahr. Akzeptiere für den Moment einfach.“
„Akzeptanz setzt Vertrauen voraus. Es ist so neu.“
„Wenn ich mir deine Zeitbegriffe zu eigen mache, werden wir sehr schnell eine Antwort auf die Bedeutung des Steines bekommen.“
*
Nachdenklich kreisten Martins Gedanken um die Papiere, die, auf der großen roh gezimmerten Holzplatte, vor ihm lagen. Der riesige Fremde, der ihn augenscheinlich verfolgte, stand in enger Beziehung zu den Dokumenten – vermutete er zumindest. Mehr als eine Ahnung hatte er nicht. Auf jeden Fall sollte er seinen Schatz nicht durch die Gegend tragen. Im Grunde wollte er auch nicht, dass jemand davon erfuhr. Nicht, bevor er jeden Satz durchgearbeitet hatte.
Als er vor einiger Zeit die riesige Höhle entdeckte, stieß er zwangsläufig auf die Nische, die ein vorsintflutliches Büro war.
Zwei Hälften eines dicken Eichenstamms ruhten gegeneinandergestellt auf dem Boden und bildeten den großen Tisch. Sieben Mal vier Meter maß die schmucklose, doch edle, Arbeitsplatte. Jemand hatte in der Vergangenheit, mit großer Fertigkeit, die Oberfläche bearbeitet. Soweit er beurteilen konnte, befanden sich mehrere Arbeitsplätze um die riesige Platte. Neben Pergamenten, Lederrollen, Papyrus und Materialien, die er nicht kannte, fand er über die gesamte Fläche verteilt, Kopierpapier. Dicht beschrieben, in den unterschiedlichen Stilen der Jahrhunderte. Martin konnte das beurteilen, weil er nach seinem Maschinenbaustudium noch Geschichte belegte. Mit der Landwirtschaft hatte er es nicht so. Nach dem frühen Tod seiner Eltern verpachtete er die Wirtschaftsflächen an Bauern des Dorfes. Den Hügel, den Bereich der Quelle und zwei Hektar für seine beiden Pferde behielt er. Finanzielle Sorgen kannte Martin nicht. Seine Vorfahren hatten so viel Geld gescheffelt, dass es für mehrere Leben reichte.
Sein Fund bereitete ihm Schwierigkeiten. Die gesamte Situation begann, ihm über den Kopf zu wachsen. Martins Leben veränderte sich täglich, ohne, dass er Einfluss darauf nehmen konnte. Vielleicht konnten die Texte ihm Aufschluss darüber geben, was insgesamt geschah. Die Schriftstücke und Zeichnungen waren nicht chronologisch geordnet. Sie waren teils in lateinischer Sprache, so viel konnte er ausmachen, teils in unbekannter Schrift verfasst.
Die wenigste Mühe bereiteten ihm, die in jüngerer Vergangenheit niedergeschriebenen Mitteilungen. Viele Sätze musste er laut vorlesen, um eine Sprachmelodie zu entwickeln. Martin saß jetzt schon Stunden über den Aufzeichnungen. Sie waren ein Teil der Geschichte, der Geschichten, die er aus den Erzählungen der Alten kannte. Von Kind an fesselten ihn die Fabeln zu den Kelten und ihren Bräuchen. Doch auch die, die in noch fernerer Vergangenheit zurückgingen. Scheu und voll Hemmungen sah er immer wieder zu einer Ecke des Tischs, wo das Papier, bestimmt einen Meter hoch, gestapelt lag. Er wusste genau, nach dieser Lektüre würde sein Leben nicht mehr so sein, wie vorher. Doch genug der Gedanken … es war Zeit eine Pause einzulegen, um das Gehirn frei zu blasen. Er hielt kurz inne und nahm den Faden auf, der latent seine Überlegungen störte. Woher kam das Kopierpapier? Ein Schauder durchlief seinen Körper - er musste nach draußen.
Als er nach draußen trat, nahm er das Grundstück anders wahr, als bisher. Die malerischen alten Gebäude wirkten wie eine Märchenlandschaft der Gebrüder Grimm. Generationen hatten ihre Spuren hinterlassen. An der Quelle stillte er seinen Durst. Das frühjährliche Laubdach der Birken rauschte.
Martin brauchte Bewegung. Er schlenderte zum Garten und nahm die unterbrochene Pflanzarbeit wieder auf. Er harkte den Boden und war im Begriff, Salat zu setzten, als er in seiner beschaulichen Ruhe gestört wurde.
„Heh, Kleiner. Bist du fleißig?“ Britta kam wie der leibhaftige Frühling in den Garten gestürmt.
Gemächlich sah Martin auf. „Du kommst mir gerade richtig. Nimm die Hacke, dann kannst du dort vorne zwischen den Blumen Unkraut jäten“, er deutete in eine Ecke seines Gartens.
„Guten Tag, mein lieber Schatz.“ Sie beugte sich hinunter und gab ihm einen dicken Schmatz auf die Wange. „Das ist doch das Mindeste, was ich erwarten kann. Du bist mir vielleicht ein Stoffel.“
Er packte sie am Fuß und zog daran. Lachend fielen sie übereinander her und küssten sich. Nachdem sie wieder Atem holen konnten, hielt er sie auf Armeslänge von sich.
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