Floria nickte. »Ja, zuerst Kaffee, daran hat sich nichts geändert.«
Meine Enkelin , dachte Emma, ist dünn geworden . Seit sie nach dem Abitur ihre Gesangsausbildung begonnen hatte, hatten sie sich selten gesehen. Gegen Dianes Willen und mit Emmas Geld hatte Floria einen schwierigen Weg eingeschlagen. Sie war Sängerin geworden.
Diane hatte mit allen Mitteln versucht, Floria diesen Berufswunsch auszureden. Sie hatte mit ihrer Tochter nie darüber gesprochen, aber Emma war sicher, dass Diane eifersüchtig auf ihre schöne Tochter war.
Ihre Enkelin war bei ihr aufgewachsen, nicht bei ihrer Mutter, die mit ihrer Karriere beschäftigt war. Dieses späte Kind, mit Sicherheit kein Wunschkind, machte sie älter. Als Diane feststellte, dass Floria sich zu einer sehr aparten jungen Frau entwickelte, verbot sie Flo, Mamá zu ihr zu sagen. Die wenigen Begegnungen zwischen Mutter und Tochter verliefen, je älter Floria wurde, zunehmend unerfreulich. Am Ende hatte ihre Enkelin sich geweigert, Diane in Rom zu besuchen, was ihre Mutter eher erleichtert zur Kenntnis nahm.
»Woran denkst du, Emma?«
Die Eingangstür quietschte. Eilige Schritte enthoben Emma einer Antwort.
»Emma, bist du da?«
Die Tür zur Küche öffnete sich einen Spalt breit. Ein kleines Gesichtchen erschien.
»Wo sollte ich sonst sein, Katja?«
Floria wandte den Kopf zur Tür. Ein Kobold. Staunende dunkle Augen, helle dichte Locken und ein breiter, halb geöffneter Mund.
»Komm rein, Kind, und mach die Tür zu. Es wird kalt.«
»Du hast Besuch, Emma.«
»Das ist Floria, meine Enkelin.«
»Papa sagt, ich darf dich nicht stören. Störe ich dich?«
»Nein. Komm her und sag Floria guten Tag. Ich mach dir deinen Kakao.«
Die Hand, die Katja Floria hinhielt, war ziemlich schmutzig und lag feucht in ihrer.
»Wohnst du jetzt hier?«
»Für eine Weile.«
»Eigentlich passe ich auf Emma auf. Du kannst ruhig wieder abfahren.«
Emmas Hüsteln klang eher wie unterdrücktes Kichern.
»Ah.« Floria bemühte sich ernst zu bleiben.
»Katja hilft mir bei der Hausarbeit und holt das Holz aus dem Schuppen.«
Floria amüsierte sich. Die Kleine war bezaubernd und hatte nicht die geringste Scheu auszusprechen, was ihr in den Sinn kam.
»Wenn du erlaubst, werde ich noch ein bisschen bleiben.«
»Trink deinen Kakao Katja und dann holst du mir Holz.« Emma stellte einen Becher auf den blanken Holztisch. »Das Holz, das du mir gestern gebracht hast, ist schon wieder verbrannt.« Sie deutete auf ein Körbchen, das neben dem Herd stand. Es war so klein, dass ein Kind es tragen konnte. Mein Holzkörbchen, dachte Floria. Vor knapp dreißig Jahren, erinnerte sie sich, hatte sie selbst damit den Holzvorrat geholt.
Dass Emma später den großen Korb gefüllt und in die Küche getragen hatte, war ihr damals nicht aufgefallen.
»Schau mal, das wird ein wunderschöner Tag, Flo.«
Die Sonne hatte sich gegen den Nebel durchgesetzt. Helle Flecken tanzten auf dem Dielenboden der Küche. Katja schwatzte mit Emma. Als sie begann, die Namen ihrer Freunde in der Kindergartengruppe aufzuzählen, erhob Floria sich.
»Ich glaube, ich werde heute einen langen Spaziergang machen.«
Floria sehnte sich nach frischer Luft und Alleinsein. Beides hatte ihr gefehlt in Rom.
Es war noch warm gewesen in den engen, stickigen Straßen voller Menschen. Ihre Mutter führte ein unruhiges gesellschaftliches Leben, was Floria nicht abgelenkt, sondern eher tiefer in ihren Kummer hineingetrieben hatte. Bei Emma hoffte sie Ruhe zu finden.
»Mach das. Stiefel sind in der Kammer.«
Nach einer ausgiebigen Dusche fand sie in ihrer Kommode einen dicken Wollpullover. Auch hier der Duft von Lavendel. Emma hatte nichts in ihrem Zimmer verändert, sondern alles liebevoll gepflegt. Floria bekam ein schlechtes Gewissen.
Du hast Emma in den letzten Jahren vernachlässigt, dachte sie.
Genau wie ihre Mutter war sie nur mit ihrer Karriere beschäftigt gewesen. Sie stand nun seit fünf Jahren auf den bekanntesten Opernbühnen der Welt. Wollte sie, dass es so bliebe für die nächsten Jahre? Sie würde auf vieles verzichten müssen. Die Geborgenheit, die sie hier fand, gab es nirgendwo sonst. Christof gab es nicht mehr und Emma war nicht unsterblich. Sie erschrak. Ohne Emma konnte sie sich ihr Leben nicht vorstellen. Bitte nicht, dachte sie … Emma war fast neunzig Jahre alt.
Floria ging in die Kammer, in der Gartengeräte, Gießkannen und Eimer für die Gartenarbeit aufbewahrt wurden. An einfachen Eisenhaken hingen Arbeitshosen und Gummijacken, darunter standen in einer akkuraten Reihe schwarze Stiefel in unterschiedlichen Größen. Auf einem langen Arbeitstisch warteten die Vasen, die Emma für ihre Blumensträuße brauchte. Der Wasserhahn tropfte. Floria registrierte Zeichen leichter Vernachlässigung. Emmas Leidenschaft war der Garten. Sie war keine Hausfrau.
Während sie in die Stiefel stieg, erinnerte sie sich an die Bemühungen ihrer Großmutter, diese Leidenschaft mit ihr zu teilen. Aber Floria hatte nie wirklich zugehört, wenn Emma über Jahreszeiten, Pflanzennamen oder die richtige Art zu düngen sprach. Sie hatte sich rote Stachelbeeren vom Strauch direkt in den Mund gestopft. Mit der Zunge hatte sie die haarigen Häutchen zerdrückt, sie ausgespuckt und das überraschend süße Innere geschluckt.
In Emmas Garten wuchsen Blumen und Gemüse in scheinbar wildem Durcheinander. Ein Beet stand ganz für sich und es war ihr verboten die Kräuter, die dort wuchsen, auch nur zu berühren. Ein kleiner Holzzaun grenzte es zum restlichen Garten hin ab.
»Sie sind giftig, Flo, und allein eine Berührung kann gefährlich sein.«
Sie hatte Emmas Worte genau im Ohr.
Floria nahm eine der Jacken vom Haken und öffnete die Tür der Kammer zum Hof.
Ein leises Wuff ließ sie zur Haustür sehen. Dort saß, hoch aufgerichtet, ein riesiger grauer Hund. Floria hatte keine Angst vor Hunden, dieser flößte ihr Respekt ein.
»Das ist Ramses.« Katja war mit dem kleinen Korb voller Holz neben dem Hund erschienen. Das Tier war sitzend größer als das Kind.
»Hallo, Ramses«, sagte Floria.
Floria genoss die Einsamkeit und die Stille am Kanal. Wie oft war sie hier mit Emma gegangen? Diese Landschaft hatte für sie einmal Geborgenheit bedeutet. Diese Geborgenheit spürte sie auch jetzt.
In der Schulzeit hatte Floria nicht viele Freundinnen. Sie war gerne alleine. Ihr besonderes Interesse für Musik schloss sie in gewisser Weise aus. Sie sang im Schulchor und ihr Lehrer hatte bald ihr Talent entdeckt. Immer öfter sang sie die Soli. Emma hatte sie, nach einem Gespräch mit dem Musiklehrer, zusätzlich zu ihrem Klavierunterricht bei einer Gesangslehrerin angemeldet. Nein, für Freundschaften hatte Floria wenig Zeit gehabt.
Der Kanal glich einem silbernen Band, das sich schier endlos neben ihr herschlängelte. Auf der anderen Seite des Kanals standen Schafe so dicht am Wasser, dass sie sich darin spiegelten. Floria stieg die Holzstufen zu einem kleinen Steg hinab, an dem ein gelbes Boot vertäut lag. Sie blieb lange dort sitzen, horchte auf das Gluckern des gekräuselten Wassers und die leisen Rufe, die aus dem Schilf zu ihr drangen. Ein paar Enten paddelten zwischen den Halmen.
Sie saß so lange, bis sie die Kälte spürte. Steif stieg sie die Stufen zum Ufer hoch und begann zu laufen. Floria hatte nicht bemerkt, wohin sie lief, bis sie vor seinem Haus stand. Neben der blau gestrichenen Eingangstür hing ein neues Praxisschild.
Doktor Alex Mendel praktizierte seit Jahren nicht mehr. Der alte Arzt, der Emmas und Florias Hausarzt gewesen war, wohnte noch über seiner ehemaligen Praxis und ging seiner Liebhaberei nach. Er züchtete hinter dem Haus Rosen. Alex Mendel mochte etwa fünf Jahre jünger als Emma sein. Floria lehnte gebückt, die Hände auf den Knien, am Zaun, um wieder zu Atem zu kommen.
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