Sie blieb stehen und stemmte die Hände in die Hüften, „Jetzt kommen sie schon, Barnaby, das kann doch nun wirklich nicht alles gewesen sein.“
„Du weißt ganz genau, dass ich dir aus ermittlungstechnischen Gründen, nicht alles erzählen darf. Außerdem muss ich selber erst einmal abwarten, was die Untersuchungen der Leiche und des Fundortes ergeben werden. Du hast doch sowieso, mehr oder weniger, die Exklusivrechte an diesem Fall. Ich rufe dich heute Abend an, … okay?“
Sie kraulte sein Kinn, „Okay, aber eine winzig kleine Kleinigkeit müssen sie mir jetzt schon noch geben …“
Barnaby hielt ihr Handgelenk fest, „Du bist einfach unmöglich, Allegra, aber das weißt du ja selber.“ Er seufzte, „Selma wurde, mit ziemlicher Sicherheit, in den Wald gelockt. Wir haben Hundekot und ein Stück Hanfseil gefunden. Der Täter hat vermutlich einen kleinen Hund als Lockmittel benutzt.“
In diesem Augenblick fuhr der schwarze, auf Hochglanz polierte Kombi, der Firma Wellington und Söhne, dem einzigen ortsansässigen Bestattungsunternehmen, an ihnen vorbei Richtung Fundort. Schweigend schauten sie dem Leichenwagen, der in wenigen Minuten den toten Körper dieses unschuldigen Kindes abtransportieren würde, hinterher.
Allegra seufzte, „Was ist das bloß für ein Mensch, Barnaby? Sagen sie mir, wer so etwas Schreckliches tut.“
„Ich weiß es nicht, Allegra. Wenn ich es wüsste, … wenn irgendjemand es wüsste, dann wären wir schon einen großen Schritt weiter.“
„Wurde denn noch kein Täterprofil erstellt?“
„Ist alles in Arbeit. Und jetzt musst du mich entschuldigen, ich muss ins Präsidium.“ Barnaby stieg in seinen Wagen.
„Chef Inspektor.“
„Ja?“
„Werden sie ihn schnappen?“
„Das werden wir, meine Liebe, da kannst du dir sicher sein.“
„Versprechen sie es mir?“
„Ich verspreche es dir.“
Die Frage war einfach nur, wie viele Kinder bis dahin noch sterben mussten, doch diesen Gedanken behielt Barnaby lieber für sich.
„Guten Morgen, Chef. Ein Mister Kensington hat für sie angerufen. Sie möchten sich bei ihm melden, sobald sie im Hause sind.“
„Danke, Emma. Sobald die ersten Ergebnisse vorliegen, hätte ich sie gerne auf meinem Schreibtisch.“
„Selbstverständlich, Chef. Mögen sie vielleicht einen Tee?“
„Das ist eine hervorragende Idee, sehr gerne.“
Sein Büro, ein sonnendurchfluteter freundlicher Raum, befand sich im dritten und somit obersten Stockwerk des hiesigen Polizeipräsidiums. Einziges Manko war die Tatsache, dass der Verkehrslärm von der Queen Elisabeth Road, der Hauptstraße von Counterfoil Grove, es zu manchen Tageszeiten unmöglich machte, bei geöffnetem Fenster zu arbeiten. Dazu kamen dann noch diese stinkenden Abgase, die jeden Atemzug zu einem tödlichen Roulettespiel machten.
Barnaby stellte den Ventilator auf die höchste Stufe ein, zog sein Jackett aus und ließ sich in den abgewetzten Ledersessel, hinter seinem alten Holzschreibtisch fallen. Als die Büros vor drei Jahren renoviert wurden, wollte man ihm solche hässlichen Möbel aus Kunststoff, Glas und Stahl aufzwingen, aber Barnaby hatte sich strikt geweigert und sein altes Mobiliar behalten. Er brauchte nun mal eine warme und gemütliche Umgebung, sonst konnte er einfach nicht richtig denken.
Die einzige geduldete Grünpflanze in diesem Raum hieß Mister Survivor. Ein Gummibaum, der Dank seiner liebevollen Pflege und Zuwendung, im Laufe der Jahre, zu einem regelrechten Urwaldriesen herangewachsen war und eine Menge Platz für sich beanspruchte. Als Meira ihn, vor einer halben Ewigkeit, in der hintersten Ecke eines Kaufhauses entdeckte, krönte nur noch ein einziges Blatt sein sterbendes Haupt. Man wollte ihr den Gummibaum sogar schenken, aber Meira hatte darauf bestanden, den vollen Preis zu bezahlen. Mit viel Liebe, Geduld und Spucke, schaffte sie es schließlich, dass aus dem kleinen Kerl ein stattliches Bäumchen wurde. Und weil er ja nun mal ein echter Überlebenskünstler zu sein schien, taufte sie ihn Mister Survivor und stellte ihn, als Quelle der Inspiration, in Barnabys Büro. Ob Mister Survivor ihn in der Vergangenheit tatsächlich schon mal inspiriert hatte, wusste Barnaby nicht so genau, aber das spielte auch überhaupt keine Rolle. Er liebte diesen Gummibaum und freute sich inständig über jedes neue Blatt.
Barnaby holte sein kleines schwarzes Adressbuch aus der Schublade. Woodrow Kensington und er waren schon ein ganzes Leben lang befreundet. Der ehemalige Chef Inspektor von Scotland Yard, genoss seit einem knappen Jahr seinen wohlverdienten Ruhestand. Eine Tatsache, um die ihn Barnaby ziemlich beneidete.
Wenn die beiden aufeinandertrafen, was bedauerlicherweise eher selten der Fall war, dann konnten sie stundenlang philosophieren, diskutieren oder einfach nur irgendwelchen Blödsinn erzählen. Ihre größte Leidenschaft bestand darin, bei einem Pfeifchen und einem schönen malzigen Whisky, die berühmtesten Schachpartien der großen Meister nachzuspielen und zu analysieren.
„Kensington.“
„Woodrow, du alter Strauchdieb, wie geht es dir?“
„Mir geht es ganz ausgezeichnet, Barnaby, danke der Nachfrage. Ich war drei Monate in Afrika, bei meiner Tochter Lilibeth, bin gestern erst zurückgekommen.“
„Man Woodrow, du hast ja keine Ahnung, wie sehr ich dich beneide.“
„Ich kann`s mir vorstellen, ich habe es heute früh in der Zeitung gelesen. Habt ihr sie schon gefunden?“
„Haben wir, … heute Morgen, um kurz vor halb sieben.“
Es klopfte an der Tür. „Wart mal kurz, … ja bitte.“
„Ihr Tee, Chef.“
Constable Emma Dunley war eine echte Perle, … seine Perle. Sie war nicht nur klug, einfühlsam und zuvorkommend, sondern zudem auch noch ausgesprochen hübsch. Ihre tiefschwarzen Haare trug sie stets streng zurückgekämmt. Barnaby kannte sie eigentlich nur mit dieser, wie er fand, etwas altmodischen Duttfrisur.
Die kleine zierliche Frau, mit den dunkelbraunen Augen, erledigte seit nunmehr fast drei Jahren seine Post und stand ihm mit Rat und Tat zur Seite.
„Ich habe mir erlaubt, ihnen ein Käsebrötchen zu belegen. Sie haben doch mit Sicherheit noch nicht gefrühstückt.“
„Sie sind ein Schatz, Emma, vielen Dank. Apropos, … haben sie mein komisches kleines Telefon irgendwo gesehen?“
Sie lachte, „Ihr Handy liegt, wie immer, in der rechten oberen Schublade.“
Er würde sich wohl nie daran gewöhnen, dass er dieses Privatsphäre raubende Wunderwerk der Technik, ja eigentlich immer bei sich haben sollte.
„So, da bin ich wieder. Ja, so wie es aussieht, verhält es sich, wie bei den anderen beiden Opfern. Das Kind wurde gebadet, es fand kein sexueller Missbrauch statt und es gibt kaum verwertbare Spuren. Ich warte noch auf die entsprechenden Ergebnisse. Dieser Fall raubt mir noch den Verstand, Woodrow, ich könnte deinen Beistand jetzt wirklich gut gebrauchen.“
„Genau das wollte ich dir vorschlagen, mein Lieber. Ich muss mich noch schnell um ein paar wichtige Dinge kümmern. Sobald ich alles erledigt habe, komme ich rüber nach Counterfoil Grove.“
„Ich freu mich, Woodrow, … mach`s gut mein Freund und beeil dich bitte.“
„Ich freu mich auch, wir sehen uns …“
Während Barnaby seinem knurrenden Magen zu etwas Beschäftigung verhalf, durchforstete er zum x-ten Mal die Akte von Cindy Smith, dem kleinen dunkelblonden Mädchen, mit dem die Entführungs- und Mordserie vor fast genau neun Wochen begonnen hatte. Cindy verschwand am helllichten Tag vom Grundstück der Großeltern. Ihre Großmutter war nur für einen kurzen Moment ins Haus gegangen, um ihrem kleinen Bruder die Windeln zu wechseln.
Etwas außerhalb des Farmgrundstücks fanden die Ermittler später einen ausgelaufenen Behälter für Seifenblasen und ein kleines Randstück von einem Foto. Aber es gab keine Fingerabdrücke und auch sonst keinerlei brauchbare Spuren.
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