Das Schrillen des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken, „Ja.“
„Die Spurensicherung hat direkt neben einem Baum, ungefähr fünfzehn Meter vom Fundort entfernt, mehrere Zigarettenstummel der Marke selbst gedreht gefunden. Dort muss jemand längere Zeit gestanden, gewartet und somit vielleicht auch etwas beobachtet haben. Außerdem haben sie gegenüber von der Parkbank, also genau auf der anderen Seite der Obelisken, in und um einen Abfalleimer, einen Haufen leere Bierdosen, Jointfilter und anderen Müll gefunden. Unter anderem auch eine Quittung vom Supermarkt in der Crownsstreet, über eben genau diese Dosen, mit gestrigem Datum und einer exakten Uhrzeit. Neunzehn Uhr siebenundzwanzig. Der ganze Krempel wird gerade auf Fingerabdrücke und DNA Spuren untersucht. Ich habe beim Stadtreinigungsamt angerufen und nachgefragt, wann die Abfallbehälter im Sparrowspark das letzte Mal geleert wurden. Gestern zwischen fünfzehn Uhr dreißig und sechzehn Uhr. Wenn die Jungs gründlich waren, dann ist dieser komplette Müll, der gerade im Labor untersucht wird, erst nach sechzehn Uhr im Park gelandet. Des Weiteren habe ich den Namen der Kassiererin in Erfahrung gebracht, die um diese Zeit an Kasse acht gesessen hat. Ich habe mir erlaubt Misses Sexton, so heißt die gute Frau, anzurufen und für ein Gespräch her zu bitten. Vielleicht kann sie sich ja noch an die Käufer erinnern. Sie wollte so in zehn Minuten hier sein.“
„Danke, Emma, das war gute Arbeit. Schicken sie diese Misses Sexton dann gleich in mein Büro und fühlen sie den fleißigen Arbeitern vom Stadtreinigungsamt, noch mal persönlich auf den Zahn. Sagen sie denen, dass wir sie nicht verpetzen werden, wenn sie ein wenig geschlampt haben. Wir wollen nur sichergehen, dass der ganze gefundene Müll ausschließlich von gestern stammt.“
„Wird gemacht, Chef.“
Vor circa fünf Wochen verschwand Lisa Priest, ein brauner Lockenkopf mit blauen Augen, ebenfalls am helllichten Tag von einem der Spielplätze im Sparrowspark. Ihre Mutter hatte nur für einen kurzen Augenblick nicht hingesehen, da war es auch schon passiert. Eine Spur von Kirschlutschern führte ins dichte Gebüsch und zu einem weiteren Fotoschnipsel. Ihre Spielgefährtin Milly sagte später aus, dass ein großer schwarzer Mann, mit einem ganzen Korb voller Lutscher und Schokolade, im Gebüsch gestanden und gewunken hätte. Milly hatte sich nicht getraut dem schwarzen Mann zu folgen, aber Lisa wollte unbedingt ein paar Lutscher holen, weil sie die doch so gerne mochte.
Es klopfte. „Ja bitte.“
Eine kleine dicke Frau mittleren Alters, mit einer ziemlich missratenen Dauerwelle und offensichtlichen Akneproblemen, betrat schüchtern sein Büro. „Guten Tag, mein Name ist Shauna Sexton. Sie wollten mit mir sprechen?“
Barnaby erhob sich aus seinem Sessel, ging um den Schreibtisch und schüttelte der, penetrant nach altem Schweiß stinkenden Frau, etwas angewidert die Hand. „Guten Tag, Misses Sexton, ich bin Chef Inspektor Fuller. Schön, dass sie kommen konnten. Bitte nehmen sie doch Platz.“
Barnaby verzog sich wieder hinter seinen Schreibtisch und war froh, dass das gute alte Stück, aufgrund seiner beachtlichen Größe, für einen ausreichenden Sicherheitsabstand, zwischen ihm und dieser äußerst ungepflegten Person sorgte. „Sie arbeiten also im hiesigen Supermarkt in der Crownsstreet und hatten gestern Abend Dienst an Kasse acht. Können sie sich vielleicht daran erinnern, wer so gegen neunzehn Uhr dreißig, mehrere Dosen Bier und Zigaretten bei ihnen an der Kasse bezahlt hat?“
In diesem Augenblick verlor Shauna Sexton plötzlich jegliche Schüchternheit und lief zur Höchstform auf. „Ob ich mich noch daran erinnere? Natürlich erinnere ich mich an dieses Pack, dieses nutzlose Gesindel. Ganz im Vertrauen, Chef Inspektor, aber ich bin davon überzeugt, dass diese geisteskranken Leichenschänder hinter all diesen furchtbaren Morden stecken. Man sieht es ihnen doch direkt an, dass sie nur zu einem fähig sind, nämlich zum Abmurksen von kleinen unschuldigen Kindern.“
Ihr irrer Blick jagte ihm fast ein bisschen Angst ein, „Hoppla, Misses Sexton, nicht so stürmisch. Sagen sie mir doch erst einmal, wer das Bier gekauft hat. Wer war denn nun gestern Abend, zur besagten Zeit, an ihrer Kasse?“
„Na wer wohl, … jetzt enttäuschen sie mich aber doch ein wenig, Chef Inspektor. Ich meine natürlich diese schwer gestörten Gruftis, die sich nachts auf dem Friedhof rumtreiben, Leichen schänden und armen Hühnern die Köpfe abbeißen.“
„Das ist sehr interessant, Misses Sexton. Woher wissen sie das denn alles?“
„Na, das weiß doch jeder.“
„Verstehe. Und wie viele von diesen Gruftis mussten sie gestern Abend ertragen?“
„Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich durchgemacht habe, Chef Inspektor …“
„Wie viele, Misses Sexton?“
„Fünf, sie waren zu fünft. Zwei Mädchen und drei Jungs, … glaube ich jedenfalls. In der heutigen Zeit kann man sich da ja nicht so sicher sein.“
„Kannten sie einen von denen?“
„Nicht persönlich und darüber bin ich, ehrlich gesagt, auch ziemlich froh. Nicht auszudenken wenn …“
„Was heißt nicht persönlich, können sie mir nun einen Namen nennen oder nicht?“
„Na, die sehen doch alle gleich aus, mit ihren kalkweißen Gesichtern, schwarz geschminkten Augen, Lippen und Fingernägeln, diesen Friedhofsklamotten und …“
„Sie können mir also keinen Namen nennen.“
„Nein, kann ich nicht, aber …“
„Danke, Misses Sexton, das wär´s fürs Erste. Constable Dunley wird ihre Personalien aufnehmen. Wenn wir noch Fragen haben, dann melden wir uns bei ihnen.“
„Wie jetzt, … sie machen keine Gegenüberstellung?“
„Im Moment nicht. Wie gesagt, wir melden uns bei ihnen, falls wir sie noch mal brauchen. Auf Wiedersehen, Misses Sexton.“
Barnaby hielt ihr die Tür auf und gleichzeitig die Luft an. Nachdem sie sein Büro endlich verlassen hatte, riss er sofort alle Fenster weit auf. Er steckte den Kopf nach draußen und holte ein paar Mal tief Luft. Die abgasgeschwängerte Luft über der Queen Elisabeth Road, war das reinste Parfüm im Vergleich zu den ekelhaften menschlichen Ausdünstungen, die in diesem Moment als kleine Moleküle durch den Raum waberten, um sich dauerhaft in seinem Büro einzunisten. Sollte er jemals im Supermarkt auf Shauna Sexton treffen, dann würde er sofort zu einer anderen Kasse gehen. Egal wie viel Zeit ihn das am Ende kosten würde.
Es klopfte. „Ja, Emma, kommen sie rein.“
Sie stellte sich direkt neben ihn ans Fenster, „Wow, die Lady roch aber ziemlich streng.“
„Ich würde eher sagen, dass sie gestunken hat, wie die Pest.“ Barnaby schloss die Fenster und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.
„Ich habe inzwischen mit den beiden Herren von der Stadtreinigung gesprochen. Sie haben mir noch mal bestätigt, dass sie gestern garantiert jeden Fetzen Müll, aus den Abfallbehältern und drum herum entfernt haben. Was ist mit der Aussage, der geruchsintensiven Dame? Soll ich die Herrschaften aus der Grufti-Szene herbestellen?“
„Nein, ich will erst noch die Ergebnisse abwarten. Die Friedhofsjunkies laufen uns schon nicht weg, die nehme ich mir später vor.“
„Aber was ist mit Connor Purnell?“
Der Chef Inspektor zuckte sichtlich gleichgültig mit den Schultern, „Das mit den Autoradios ist jetzt drei Jahre her. Seit dem hat er sich, außer einer verdammt großen Klappe, nichts mehr zuschulden kommen lassen. Das sind bloß ein paar geltungssüchtige Kids, Emma, die schlitzen kleinen Kindern nicht die Kehle auf. Und wir wissen doch schließlich alle, was tatsächlich hinter Connors subtiler Gesinnung steckt.“
Es war ein offenes Geheimnis in Counterfoil Grove, dass Connor Purnell das Produkt einer heimlichen und kurzen Affäre von Pfarrer Jonathan Richmont war. Wahrscheinlich rebellierte er deshalb einfach gegen alles, was irgendwie normal erschien. „Ich spreche auf jeden Fall noch mit dem Jungen, aber das hat im Moment keine Priorität.“
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