„Warum tötet er sie nicht gleich nach der Entführung, was macht er mit den Kindern?“
„Vielleicht wartet er auf den richtigen Zeitpunkt oder er versucht seine Verbrechen an den Mädchen schon im Vorfeld wieder gut zu machen.“
Der Chef Inspektor schüttelte mit dem Kopf, „Das ist ja alles schön und gut, aber wir trampeln trotzdem auf der Stelle. Wir sind diesem Bastard noch kein Stück näher gekommen.“
„Oh doch, das sind wir. Wenn wir dieses Profil mit möglichen Verdächtigen abgleichen …“
„Wir haben aber keine möglichen Verdächtigen. Ricky Henson ist viel zu behindert und Connor Purnell hat noch nicht mal einen Führerschein, geschweige denn ein Auto. Was schlägst du also vor, Woodrow, was sollen wir als Nächstes tun?“
„Die meisten Serientäter fangen klein an. Wir sollten uns mal die Vorstrafen der Bewohner in und um Counterfoil Groove ansehen, vielleicht werden wir fündig.“
„Aber wir haben die Datenbanken schon auf Sexualverbrecher gecheckt. Es gibt niemanden in dieser Gegend, der infrage käme.“
„Dann erweitern wir die Suche auf sämtliche Vorstrafen. Autodiebstahl, Tierquälerei, Belästigung, jede Kleinigkeit kann von Bedeutung sein. In der Zwischenzeit nehme ich das Profil aus London noch mal genauer unter die Lupe.“
Emma Dunley stürmte, ohne anzuklopfen ins Büro und legte ihrem Chef eine Akte vor die Nase, „Benjamin Stokes, zweiunddreißig Jahre alt, wohnt in der Habitatroad Nummer siebenundsechzig und ist ein vorbestrafter Sexualverbrecher. Ein anonymer Anrufer hat uns auf Mister Stokes aufmerksam gemacht. Er wohnt wohl seit cirka neun Monaten dort, ist aber nicht in Counterfoil Groove gemeldet. Das Haus gehört einer achtzigjährigen Lady, einer gewissen Prudence Lawrence.“
Das Foto zeigte einen unscheinbaren Mann mit rundem Gesicht, Halbglatze und Brille. Barnaby überflog die Akte. Benjamin Stokes wurde vor sieben Jahren in Southampton festgenommen und wegen versuchter Vergewaltigung einer jungen Studentin zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach zweieinhalb Jahren hat man ihn wegen guter Führung entlassen. Danach hat er sich brav an die Auflagen gehalten und sich, laut Akte, nichts mehr zuschulden kommen lassen. Allerdings war Mister Stokes noch immer in London gemeldet und diese Tatsache machte Barnaby ziemlich stutzig. Endlich bekam er mal ein kleines Stückchen Strohhalm zu fassen. Endlich mal etwas, an dem er sich festhalten konnte. „Dann wollen wir Mister Stokes mal einen Besuch abstatten. Ich bin gespannt, was er zu sagen hat. Emma, bitte besorgen sie mir eine Liste von allen Vorstrafen in unserer Gegend. Egal ob jemand einen Kaugummiautomaten geknackt oder einen Frosch zertreten hat, ich will alle Namen auf meinem Schreibtisch vorfinden, wenn ich wieder zurück bin. Magst du mich vielleicht begleiten, Woodrow?“
„Aber selbstverständlich, mein Lieber. Ich bin mindestens genauso gespannt wie du, was uns der gute Mister Stokes zu sagen hat.“
Das kleine Häuschen in der Habitatroad siebenundsechzig lag ein Stück abseits der Straße in einem äußerst verwilderten Garten. Direkt neben dem Haus parkte ein uralter schlüpferblauer Citroën Kombi. Da es offensichtlich keine Klingel gab, klopfte Barnaby energisch an die Tür. Alles blieb ruhig und Barnaby klopfte erneut, „Hier ist die Polizei. Öffnen sie bitte die Tür, Mister Stokes, wir möchten mit ihnen reden.“
Er trug einen weißen, mit Farbflecken übersäten, Kittel und wirkte ziemlich deprimiert. „Kommen sie rein, ich habe sie schon erwartet.“
Der kleine, leicht untersetzte Mann schlurfte mit hängenden Schultern in seine Küche, Barnaby und Woodrow folgten ihm. Barnaby schaute sich um. Die Einrichtung wirkte eher schlicht, aber alles schien picobello sauber zu sein.
„Sie haben uns also bereits erwartet, Mister Stokes?“
„Ja, … ja, das habe ich. Bitte nehmen sie Platz, meine Herren, … kann ich ihnen etwas anbieten?“
„Nein, vielen Dank. Warum haben sie uns denn erwartet?“
„Na wegen den kleinen Mädchen, ich habe es in der Zeitung gelesen. Mir war klar, dass sie früher oder später auf mich stoßen würden. Aber ich habe damit nichts zu tun, ehrlich nicht. Ich könnte doch niemals einem kleinen Mädchen die Kehle durchschneiden.“ Die Schweißperlen auf seiner Stirn waren nicht zu übersehen.
Barnaby starrte ihm unverhohlen ins Gesicht, „Warum sind sie nicht in Counterfoil Groove gemeldet, Mister Stokes? Man könnte ja fast meinen, dass sie etwas zu verbergen haben.“
Benjamin Stokes seufzte betont laut, „Sie wissen ja nicht, wie das ist, Sergeant.“
„Chef Inspektor.“
„Entschuldigung, Chef Inspektor. Diese Tat, die ich vor vielen Jahren begangen und furchtbar bereut habe, klebt an mir, wie ein tätowierter Schandfleck. Egal wohin ich auch gehe, sie verfolgt mich hart und unbarmherzig. Jedes Mal, wenn ich mich irgendwo niederlasse, finden meine Nachbarn innerhalb kürzester Zeit heraus, wer ich bin und was ich getan habe. Na ja, und dann beschimpfen sie mich, bewerfen mich mit Eiern und bedrohen mich sogar mit Messern. Die geben nicht eher Ruhe, bis ich schließlich wieder wegziehe. Der Zufall hat mir dann per Zeitungsannonce dieses Häuschen beschert. Misses Lawrence wollte keinen Mietvertrag, keinen Ausweis oder andere Papiere. Sie will lediglich, dass ich ihr am Monatsersten ihre Miete in den Briefkasten stecke und das tue ich. Zum ersten Mal, seit viereinhalb Jahren, kann ich in Ruhe und Frieden leben. Zumindest konnte ich das bis jetzt. Wer hat ihnen denn verraten, dass ich hier wohne?“
„Das tut im Moment nichts zur Sache. Wovon leben sie, Mister Stokes?“
„Ich habe eine Kleinigkeit von meiner Mutter geerbt. Sie ist gestorben, kurz bevor ich aus dem Gefängnis entlassen wurde.“
„Dann gehen sie also keiner regelmäßigen Tätigkeit nach?“
„Nein, … nein, ich bin in der glücklichen Lage nicht arbeiten zu müssen.“
„Ist das Malen ihr Hobby?“
Benjamin Stokes wurde zunehmend nervöser, „Ja, ich male ganz gerne.“
„Dürfen wir uns hier mal umsehen, Mister Stokes?“
„Haben sie denn einen Durchsuchungsbefehl?“
„Nein, den haben wir nicht. Es dürfte aber kein Problem darstellen, einen zu besorgen. Aber da sie ja angeblich nichts zu verbergen haben, können wir doch sicherlich mit ihrer Kooperation rechnen, nicht wahr, Mister Stokes?“
Er zuckte mit den Schultern, „Sicher meine Herren, schauen sie sich ruhig um.“
Ein spärlich möbliertes Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und ein kleines Bad. Barnaby und Woodrow konnten nichts Ungewöhnliches entdecken.
„Was ist hinter dieser Tür?“
„In diesem Zimmer male ich, da gibt es nicht besonderes zu sehen.“
Wenn es in diesem Zimmer tatsächlich nichts zu sehen gab, warum wurde Benjamin Stokes dann plötzlich so rot?
Woodrow öffnete die Tür. Mehrere größere und kleinere Staffeleien mit Bildern waren im ganzen Zimmer verteilt. Neugierig gingen die beiden um die Staffelleien herum, um sich die Kunstwerke einmal näher anzuschauen. Woodrow und Barnaby hatten im Laufe ihrer langen Polizeikarriere schon einiges mitgemacht und erlebt, aber was sie in diesem Augenblick zu sehen bekamen, übertraf ihr Vorstellungsvermögen bei Weitem. Wie krank musste jemand sein, um so etwas malen zu können? Zottige schwarze Monster fraßen die blutigen Eingeweide einer nackten Frau. Ein muskulöser Männerkörper mit Pferdefuß, einer hässlichen Fratze und einem gewaltigen erigierten Penis, badete in den Überresten von unzähligen zerstückelten Frauenkörpern.
Barnaby zählte insgesamt zwölf Bilder, auf denen ausschließlich brutale und blutige Gewaltszenen mit schlanken jungen Frauen dargestellt waren.
Barnaby schaute Benjamin Stokes ungläubig ins Gesicht, doch der zuckte wieder einmal nur mit den Schultern und senkte etwas verschämt seinen Blick. „Das ist die einzige Möglichkeit meine Fantasien auszuleben, ohne dabei jemandem zu schaden. Ich habe und ich würde das aber niemals in die Tat umsetzen. Schon gar nicht bei Kindern, Kinder sind nicht mein Ding.“
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