„Dad, Tyler ist eben nach Hause gekommen. Er will sich gerade in sein Zimmer verpissen.“
„Was soll diese vulgäre Ausdrucksweise, Kelly? Das geht auch anders, mein Fräulein. Tyler kommst du bitte mal zu mir.“
Tyler bedachte seine Schwester mit einem wütenden Blick. „Du bist eine gottverdammte Petze und ‘ne echt blöde Kuh“, dann ging er ins Arbeitszimmer seines Vaters.
Mister Thornton schaute über den Rand seiner schmalen Brille, „Schließ bitte die Tür und setz dich.“
Timothy Thornton war ein groß gewachsener Mann von kräftiger Statur. Er hatte die gleichen strahlend blauen Augen wie sein Sohn. Seine kurz geschnittenen dunkelblonden Haare waren an den Schläfen bereits leicht ergraut. Er lehnte sich in seinen schweren Ledersessel zurück, zündete sich seine Pfeife an und blies den Rauch langsam und bedächtig in die Luft. Dabei strahlte er eine trügerische Ruhe aus, doch Tyler spürte genau, dass irgendetwas im Busche war.
„Mister McCarsey hat mich heute Mittag angerufen. Was glaubst du, hatte er mir wohl zu sagen?“
Obwohl Tyler sich denken konnte, worüber sein Schulleiter mit seinem Vater gesprochen hatte, gab er sich vollkommen unwissend und zuckte mit seinen Schultern, „Keine Ahnung, Dad, … was wollte er denn von dir?“
Mister Thornton legte die Pfeife zurück in den Aschenbecher, „Du weißt es nicht? Na dann muss ich deinem Gedächtnis wohl mal ein wenig auf die Sprünge helfen. Nach Aussage von Mister McCarsey bist du stur wie ein Maulesel, über alle Maßen hochnäsig, total widerspenstig, absolut gleichgültig, stinkend faul und untergräbst zudem auch noch permanent die Autorität deiner Lehrer. So wie es aussieht, wirst du dieses Schuljahr mit Hängen und Würgen gerade eben so schaffen.“
„Aber Dad, du weißt doch genau …“
„Komm mir jetzt bitte nicht mit irgendwelchen billigen Ausreden, Tyler. Wir hatten einen Deal, und dieser Deal war ganz klar formuliert. Deine Mutter und ich haben deine Entscheidung, nicht auf die Hochbegabtenschule gehen zu wollen, nur akzeptiert, weil du versprochen hast, einen adäquaten und für alle Parteien zufriedenstellenden Abschluss vorzulegen. Ich bin mit deiner Leistung ganz und gar nicht zufrieden, deshalb sehe ich mich gezwungen umgehend zu handeln. Strafe muss nun mal sein, wenn man sich nicht an die Abmachungen hält. Deine Frau Mutter sieht das im Übrigen genauso. Ein Versuch sie umzustimmen, wäre also vollkommen zwecklos. Wir haben beschlossen, dich sofort von der Schule zu nehmen und dich in die Obhut deiner Großmutter zu geben. Vielleicht bist du ja durch unser turbulentes Großstadtleben und diesen ganzen Luxus einfach nur zu abgelenkt und deshalb nicht in der Lage, dich auf das Wesentliche zu konzentrieren. In der Ruhe liegt doch bekanntlich die Kraft. Der Flug ist bereits gebucht. Dein Flieger startet übermorgen früh.“
Das kam jetzt zwar ziemlich überraschend, aber als Strafe konnte man einen Umzug ins sonnige Kalifornien, auf die Farm seiner Großeltern, eigentlich nicht gerade bezeichnen. Tyler fand den Gedanken, die kalifornischen Mädels mit seinem Sportflitzer beeindrucken zu können, sogar recht amüsant. Und selbst wenn er ihn nicht mitnehmen durfte, so hatte sein Großvater noch genügend andere schicke Autos in seiner Garage stehen, die er seinem Enkel bestimmt gerne für eine Spritztour überlassen würde.
„Warum soll ich fliegen, ich kann doch mit dem Auto fahren.“
Sein Vater lächelte, „Ich glaube du verstehst nicht, Tyler. Ich rede hier von einer Strafe, nicht von einem Vergnügen. Der Wagen bleibt selbstverständlich hier.“
„Okay, dann fliege ich halt nach Kalifornien.“
„Offensichtlich handelt es sich hier um ein weiteres Missverständnis, mein lieber Sohn. Du fliegst keinesfalls nach Kalifornien, sondern nach Europa.“
Tyler war vollkommen entsetzt, „Das ist jetzt aber ein verdammt schlechter Scherz, Dad, … das meinst du doch nicht wirklich ernst? Ich fliege nicht zu diesen Inselaffen, und erst recht nicht zu dieser durchgeknallten Person. Das kannst du gepflegt knicken, Dad, das läuft nicht.“
„Ich fürchte du hast gar keine andere Wahl, Tyler. Unser Entschluss steht endgültig fest.“
Niemals würde er nach England fliegen, das konnten sie nicht mit ihm machen. „Aber Dad, du hast selber gesagt, dass diese Frau vollkommen verrückt ist. Warum tust du mir das an? Bitte Dad, ich werde mich ändern. Ich schwöre es dir.“
Doch Mister Thorntons stärkste Eigenschaft war nun mal seine beinahe schon unmenschliche Konsequenz. „Übermorgen um sechs. Du hast noch genügend Zeit, um dich von deinen Freunden zu verabschieden. Ende der Diskussion.“
Tyler wusste genau, dass es wenig Sinn machte zu protestieren. Die einzige Chance, die er noch hatte, war seine Mutter. Elisabeth Thornton würde es niemals zulassen, dass ihr einziger Sohn in der Hölle leben musste, ... niemals.
Als Tyler wutentbrannt aus dem Arbeitszimmer stürmte, stieß er mit Kelly zusammen, die ganz offensichtlich gelauscht hatte. Natürlich konnte sie es sich nicht verkneifen, einen entsprechenden Kommentar abzugeben. „Na, Bruderherz, wie fühlt es sich an, wenn man in die Verbannung geschickt wird? Hoffentlich ist Irrsinn nicht ansteckend, sonst hast du nämlich verdammt schlechte Karten.“
Am liebsten hätte Tyler ihr mit der Faust mitten ins Gesicht geschlagen, aber er wusste, dass das die Situation auch nicht verbessert hätte. „Halt deine Klappe, Kelly, sonst vergesse ich mich am Ende noch.“
Mister Thorntons donnernde Stimme dröhnte aus dem Arbeitszimmer, „Lass deinen Bruder in Ruhe, Kelly! Sonst buche ich gleich noch einen zweiten Flug dazu. Geh bitte sofort in dein Zimmer.“
Kelly zog einen Flunsch und beugte sich widerwillig den Anweisungen ihres Vaters. Tyler ging auf direktem Weg zum Arbeitszimmer seiner Mutter.
Elisabeth Thornton war mit ihren einundvierzig Jahren ganze fünfzehn Jahre jünger, als ihr Mann Timothy. Sie führte eine äußerst erfolgreiche Praxis als Kinderpsychologin, in der sie ausschließlich die Sprösslinge der besser Betuchten behandelte.
Tyler klopfte zwar an, wartete aber nicht auf eine mögliche Antwort. „Mom bitte, du darfst nicht zulassen, dass er mich nach England schickt.“
Misses Thornton erhob sich von ihrem Stuhl um Tyler, der seinen Kampf gegen die Tränen inzwischen verloren hatte, in den Arm zu nehmen. „Kopf hoch, mein Großer, so schlimm wird es schon nicht werden. Ich bin mir sicher, dass du dich gut mit deiner Großmutter verstehen wirst, … vorausgesetzt du lässt es zu. Und in der Schule hast du dich ruck zuck eingelebt. Bei deinem Charme stehen die Mädchen doch garantiert gleich am ersten Tag Schlange.“
„Aber Mom, Dad hat selbst immer wieder gesagt, dass diese Frau total irre ist. Willst du mich tatsächlich in die Obhut einer Wahnsinnigen geben?“
Elisabeth Thornton gab ihrem Sohn einen Kuss auf die Stirn, „Diese Frau ist immerhin meine Mutter. Außerdem ist und war sie zu keiner Zeit irre oder wahnsinnig. Im Gegenteil, deine Grandma ist eine hochintelligente Frau. Sie hat Religionswissenschaften und Philosophie studiert. Sie spricht immerhin vier Sprachen und hat sogar einige Bücher geschrieben. Dein Vater konnte einfach nicht mit ihrem, … na sagen wir mal, äußerst lockeren Lebensstil umgehen. Sie ist halt in ihrer Jugend durch die ganze Welt gereist und hat ihr Leben in vollen Zügen genossen. Meine Mom ist eine tolle Frau, von der du bestimmt eine ganze Menge lernen kannst.“
„Aber du hast sie seit Jahren nicht gesehen. Du kannst gar nicht wissen, wie sie heute drauf ist.“
Elisabeth lächelte geheimnisvoll, „Dein Vater wollte zwar partout keinen Kontakt zu ihr, aber mich hat das selbstverständlich nicht davon abgehalten, mit meiner Mutter in Verbindung zu bleiben. Wir telefonieren manchmal zusammen und mindestens einmal in der Woche schreiben wir uns eine Mail. Sie weiß, dass du kommst und sie freut sich auf dich.“
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