Die gewölbte Außenmauer der Magischen Akademie des Zeuth leuchtete nicht mehr in dem dunklen Rot, das ich morgens direkt nach dem Beben gesehen hatte. Nun war nur noch ein rötlicher Schimmer darauf zu erkennen. Die Magier hatten sich etwas beruhigt.
In den Straßen patrouillierten Doppelstreifen von Soldaten. Die Stadtwache konzentrierte sich auf die Jagd nach Plünderern. Aus Gesprächen mit Passanten erfuhr ich, dass man draußen auf dem Händlerwasen vor dem West-Tor ein Zeltlager errichtet hatte. Dorthin schickte man alle Menschen, deren Häuser entweder ganz eingestürzt waren oder aus Gründen der Sicherheit nicht mehr betreten werden durften. Mein erster Eindruck schien zutreffend gewesen zu sein: Das Elend betraf vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten aus der Altstadt und der Nordstadt. Wie es im Armenviertel vor den Stadtmauern aussah, wusste hier niemand. Dort wohnte auch Merion, und ich ging davon aus, dass er sich um alles Notwendige kümmern würde. Die Diebesgilde unterstützte traditionell die Bedürftigen, denn aus deren Kreisen kam ihr Nachwuchs und zwischen denen konnte man untertauchen, wenn man gesucht wurde.
4
Vor dem Eingang der fürstlichen Residenz standen wie gewohnt Wachsoldaten. Sie ließen mich passieren und ich trat ein in die Halle. Hier waren einige der wertvollen Vasen und Statuen von ihren Podesten gefallen, aber sonst konnte ich keine Schäden erkennen. Ich erwartete, Romeran vorzufinden, den achtzigjährigen Leibdiener des Fürsten. Aber es war nur Rolfer Bendal da, ein junger Kerl, der sich um die Pferde kümmerte, die in einem Stall im Seitenflügel des Gebäudetrakts untergebracht waren. Rolfer war damit beschäftigt, die Bruchstücke einer großen Vase vorsichtig in eine Kiste zu packen, die mit Stroh ausgelegt war.
„Sie ist aus Askajdar“, sagte er, als er meinen fragenden Blick bemerkte. „Sehr wertvoll. Vielleicht kann man sie so zusammenkitten, dass man die Bruchstellen nicht sieht.“
„Wo ist Fürst Borran?“, wollte ich wissen.
„Bei seiner Sammlung.“ Rolfer wies die Treppe hoch.
Ich kannte den Weg, ich war ihn schon oft gegangen. Diese Sammlung magischer Artefakte war der Stolz des Fürsten, sie gehörte zu den Umfangreichsten in den Ringlanden. Nur die Akademie des Zeuth und der Handelsherr Rozzary verfügten über noch mehr davon.
Den Raum, in dem er die wertvollen Stücke aufbewahrte, hatte der Fürst in das Felsgestein des Berges hinein hauen lassen. Das diente nicht nur dem Schutz vor Diebstahl, sondern war auch nötig, weil magische Artefakte erfahrungsgemäß seltsame Wirkungen haben konnten. Besonders, wenn sie in unmittelbarer Nähe voneinander gelagert wurden. Es hatte schon manchen Unfall deswegen gegeben, einmal wäre der Fürst beinahe zu Tode gekommen.
Auch in dem Saal mit der Sammlung sah ich Schäden. Vitrinen waren zerbrochen, Bücher aus den Regalen gefallen und Podeste mit wertvollen Schaustücken umgestürzt.
Fürst Borran war jedoch nicht hier. Ich traf nur Romeran und Hidai an, eine kleine rothaarige Frau, die eigentlich Hinde Dailar hieß. Sie hatte früher als Prostituierte gearbeitet und verrichtete nun im Haushalt des Fürsten Hilfstätigkeiten, meist Zuarbeiten für die fest angestellte Näherin. Romeran stand mitten in dem Saal und gab Anweisungen, die Hidai ausführte. Ich sah eine Weile zu, bevor ich mich räusperte.
Romeran wandte sich zu mir um und zog die Augenbrauen hoch. „Fürst Borran hat Sie bereits vor Stunden erwartet. Wo waren Sie?“
Ich öffnete den Mund, um zu antworten, aber er sprach weiter, jedoch nicht zu mir, sondern zu Hidai. „Wir haben hier die gröbsten Schäden beseitigt. Folgen Sie mir in die Wohnräume, dort setzen wir unsere Arbeit fort.“
Hidai sah erst ihn und dann mich erstaunt an, denn es gab noch genug zu tun. Aber sie hatte in den Monaten, die sie hier schon lebte, gelernt, die Anweisungen des alten Dieners nicht zu hinterfragen. Sie folgte ihm zur Tür und auch ich wollte den Saal mit der Sammlung verlassen.
„Sie bleiben hier und warten!“, wies Romeran mich an.
Also blieb ich alleine zurück. Im vorderen Bereich des Saals, wo er noch nicht in das Felsgestein hinein reichte, gab es zwei Fenster. Durch das eine sah ich die Königsburg, durch das andere die Akademie. Beide Gebäude wiesen keine erkennbaren Schäden auf.
Da ich nicht wusste, worauf ich warten sollte, ging ich umher und sah mir das Durcheinander an. Falls sich zwei Artefakte, deren magische Eigenschaften sich nicht miteinander vertrugen, nach dem Herunterfallen berührt hätten, wären unvorhersehbare Konsequenzen die Folge gewesen. Bis hin zu einer Katastrophe, die schlimmer war, als das Beben. Zum Glück kannte sich Romeran in der Sammlung seines Herrn fast so gut aus wie dieser selbst. Er hatte Hidai sicherlich zunächst angewiesen, die gefährlichsten Stücke wieder an ihren Platz zu stellen.
Um die Bücher hatten die beiden sich bisher nicht gekümmert. Ich nahm eines davon in die Hand, das aufgeblättert auf dem Boden lag. Ich kannte nicht einmal die Sprache, in der es geschrieben war.
Jemand hinter meinem Rücken sagte: „Das ist ein thaumaturgisches Brevier aus der Frühzeit der Religion des Einen Gottes.“
Ich fuhr herum, weil niemand außer mir im Raum sein konnte. Aber Fürst Borran und Magi Achain standen wenige Schritte entfernt. An der Rückwand des Saals sah ich eine offene Tür, von deren Existenz ich bisher nichts gewusst hatte. Sie war getarnt durch einen verschiebbaren Schrank.
„Sie haben Glück, dass ich nicht zu den schreckhaften Menschen zähle“, behauptete ich, um meine Überraschung zu überspielen. „Sonst hätte ich den Degen gezogen und zugeschlagen, bevor ich Sie erkannt hätte.“
„Deshalb haben wir Abstand gehalten“, sagte der Fürst. Er streckte die Hand aus. „Geben Sie her. Solche Bücher sind nur für die Augen der Wissenden bestimmt.“
Ich gab ihm den Band und er stellte ihn in eines der Bücherregale. Bisher hatte ich angenommen, dass sich dort nur Fachliteratur über magische Artefakte befand. Offenbar sammelte Borran auch andere wertvolle Werke.
Da die Geheimtür offenstand, ging ich hin, um einen Blick in den dahinter liegenden Raum zu werfen. Er schien genauso groß zu sein wie dieser Saal und entsprechend weit in den Berg hineinzureichen. Ebenso wie hier brannten Öllampen, was bedeutete, dass es auch eine Luftzufuhr und eine Abzugsöffnung in der Decke geben musste.
„Ist das ein Teil des Tunnelsystems, das in den beiden Folianten aus dem königlichen Archiv beschrieben wurde?“, fragte ich.
„Nein“, sagte Borran. „Das ist nur ein Lagerraum für Teile meiner Sammlung, die sich nicht für die Präsentation hier im Saal eignen.“
Da er es mir nicht untersagte, ging ich ein paar Schritte in diesen versteckten Bereich hinein. Nirgendwo gab es Anzeichen von Zerstörungen durch das Erdbeben. Der Saal war mit stabilen Holzregalen ausgestattet, in denen Kisten und Truhen lagerten. Weiter hinten sah ich seltsame Gegenstände: Quaderförmige Blöcke mit einer Kantenlänge von wenigen Handspannen bis zu halber Mannshöhe, die in größeren Abständen voneinander auf Gestellen lagen. Ich konnte nicht erkennen, aus welchem Material sie bestanden. Manche waren dunkler als normales Felsgestein, manche aber auch heller. Es kam mir vor, als würde ein dünner Schleier über ihnen schweben, der ein genaues Betrachten verhinderte. Ein Instinkt hielt mich davon ab, hinzugehen und sie zu berühren.
„Was ist das?“, fragte ich Borran.
„Das ist Magie“, sagte er und winkte mich zu sich, aus dem geheimen Saal heraus. Mit einem kräftigen Ruck schloss er die Tür und schob den Schrank davor. „Vergessen Sie, dass Sie das gesehen haben.“
„Wie weit reicht ihre Residenz in den Berg hinein?“, fragte ich.
„Nicht weit genug, wie ich inzwischen weiß. Aber das ist nun nicht mehr zu ändern. Kommen Sie mit, wir müssen etwas besprechen.“ Borran ging nach vorne, wo jetzt durch die Fenster die ersten Zeichen des Sonnenuntergangs zu erkennen waren, und ließ sich in einen Sessel fallen.
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