1 ...6 7 8 10 11 12 ...23 „Angeblich?“, fragte ich nach.
„Ich zumindest glaube ihnen nicht. Jeder Einzelne könnte so einen Grund haben, aber wenn so viele kommen, steckt etwas dahinter.“
Ich wandte mich an Jinna. „Du führst ein großes Handelshaus. Weißt du, warum sich Handelsherren von auswärts hier in der Stadt versammeln?“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe nichts von alledem bemerkt. Meint ihr, es hat mit dem Erdbeben zu tun? Denn es ist doch seltsam, wenn solche Ereignisse zusammenfallen.“
„Willst du damit andeuten, das Erdbeben sei nicht natürlich entstanden?“, fragte ich. „Niemand hat die Macht, so ein Naturereignis herbeizurufen.“
„Niemand? Da traue ich unserer Magischen Akademie aber mehr zu als du. Die Magi sind verärgert darüber, dass die Königin-Witwe unter dem Einfluss von Rat Geshkan eine Kurretherin zur Erzmagierin ernennen will. Sie ist eine Fremde, sie ist eine Frau und sie hat nicht an der Akademie studiert, die sie leiten wird. Ich halte es durchaus für möglich, dass die Magier ihren Unmut handfest ausdrücken.“
Ich musste ihr Recht geben, weil ich an die seltsame Bemerkung von Magi Achain direkt nach dem Beben dachte. Eigentlich war Achain für die Stelle des Erzmagiers vorgesehen gewesen.
5
Eine Neuigkeit verbreitete sich schneller in der Stadt, als ein Mensch rennen konnte: Die Königin-Witwe Arienna hatte vor, zu heiraten! Solche Gerüchte liefen immer wieder mal um, gewöhnlich nahm sie niemand ernst. Diesmal war es anders, denn das Gerede lenkte die Bürger ab von dem, was sie durch das Beben zu erleiden hatten. Endlich gab es etwas Gutes, über das man reden konnte. Die königliche Hochzeit versprach ein Riesenfest zu werden, an dem alle Dongarther teilhaben durften.
Doch kaum hatte jeder davon erfahren, kam ein zweites Gerücht auf, und die Stimmung kippte: Angeblich beabsichtigte die Königin-Witwe, einen Kurrether zu heiraten!
„Wenn das stimmt, gibt es einen Aufstand!“, sagte Jinna. „Man hat sich damit abgefunden, dass die Kurrether in den Verwaltungen, Gilden und Ratsversammlungen an führender Stelle beteiligt sind. Aber einen von ihnen als neuen König? Das würde niemand akzeptieren.“
Wir beide saßen im Verkaufsraum des Handelshauses Oram. Alles sah wieder so aus wie vor dem Unglück, nur die Regale waren nicht so voll. Doch das spielte keine Rolle, denn die Kunden kamen nicht. Jinna rechnete aber fest damit, dass die wohlhabenden Damen all die vielen Flakons und Parfümfläschchen, die bei ihnen zu Bruch gegangen waren, bald nachkauften. Der Umsatz würde dann sicherlich den Verlust wieder wettmachen. Die Schäden in der Manufaktur in der Nordstadt, wo man die hochwertigen Essenzen herstellte, sollten auch bald behoben sein. Vorläufig hatten ihre Arbeiter und Verkäuferinnen frei und konnten sich um ihre eigenen Belange kümmern. Zwei Wochen, so schätzte Jinna, und man würde Dongarth das Beben nicht mehr ansehen. Zumindest in den besseren Stadtvierteln.
„Kurrether sind Menschen wie alle anderen auch“, sagte ich. „Obwohl sie Fremde in unserem Land sind, haben sie das Recht, zu heiraten, wen sie wollen.“ Ich wusste, wie falsch es klang, wenn ich so etwas behauptete, aber irgendwie traf es ja zu.
Jinna schüttelte den Kopf. „Ich habe noch nie von einer Ehe zwischen einem Kurrether und einer Ringländerin gehört.“
„Ich auch nicht. Im Übrigen glaube ich nicht, dass der Ehemann der Königin-Witwe der neue Herrscher der Ringlande sein wird. Das bleibt der Kronprinz, der den Thron besteigt, sobald er volljährig ist. Bis dahin vertritt ihn seine Mutter. Warum sollte es also Unruhen geben?“
„Erstens: Wissen das alle Leute in Dongarth?“, fragte Jinna. „Wohl nicht! Sie werden sagen, wer im Bett der Königin-Witwe liegt, hat die Macht. Und zweitens: Was ist, wenn Prinz Joha etwas zustößt? Er ist das einzige Kind von Arienna. Dann ist sie Königin. Bekommt sie von dem Kurrether ein Kind, so wird das der Thronfolger. Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass die Dongarther das hinnehmen werden.“
„Andererseits, was können sie dagegen tun? Protestieren, ja. Es kann zu Unruhen kommen, aber ein größerer Aufstand ist unmöglich. Der Schutz des Berges Zeuth lässt keine Kämpfe zwischen Gruppen von mehr als einem Dutzend Menschen zu. Insofern schützt er auch die bestehenden Verhältnisse, weil kein Bürgerkrieg ausbrechen kann.“
Wir schwiegen eine Weile. Ich war mir früher selbst nicht klar darüber gewesen, dass sich die Grundlage unserer friedlichen Existenz, die Magie des Berges und des Ringgebirges, auch gegen uns richtete. Aber es war so. Jeder Krieg war unmöglich, nur kleine Scharmützel konnten ausgefochten werden. Damit war aber die derzeitige Regierungsmacht, bestehend aus dem Königshaus und den sieben Fürstenhöfen, nicht zu stürzen. Da die Königin-Witwe und die meisten der von den Fürsten regierten Provinzen von Kurrethern beeinflusst wurden, bedeutete das auch, dass der Berg Zeuth die größer und größer werdende Macht der Fremden beschützte.
Als sich unvermutet die Tür öffnete, sprang ich auf und griff nach der Waffe. Wäre es ein Kunde gewesen, der bei Jinna einkaufen wollte, so hätte ich ihn mit dieser Reaktion sicherlich für immer vertrieben. Aber im Eingang erschien die kerzengerade Silhouette von Romeran, dem Leibdiener des Fürsten Borran.
„Sie vernachlässigen Ihre Pflichten, Herr von Reichenstein!“, sagte er ohne ein Wort der Begrüßung. „Der Fürst hatte Sie aufgefordert, ihm am heutigen Morgen über die Zustände in der Stadt Bericht zu erstatten.“
„Noch ist der Vormittag nicht vorbei“, versuchte ich, mich zu rechtfertigen.
Jinnas vorwurfsvoller Blick zeigte mir, dass nicht einmal sie mich unterstützte. Von Romeran war sowieso keine Nachsicht zu erwarten. So unerschütterlich, wie er trotz seines hohen Alters seinen Verpflichtungen nachkam, so erwartete er es auch von jedem anderen.
„Schon gut“, sagte ich. „Ich komme gleich mit Ihnen mit.“
„Das ist nicht mehr erforderlich. Fürst Borran hat sich das notwendige Wissen auf Umwegen beschafft. Er hat bereits damit begonnen, die Bedürftigen zu unterstützen.“
Jinna war ebenfalls aufgestanden. Nun zog sie ihren Stuhl Richtung Tür und bot Romeran an, sich zu setzen. Ich hätte ihr sagen können, dass das sinnlos war. Der Diener würde niemals so tief sinken, dass er sich hinsetzte, wenn er im Auftrag seines Herrn unterwegs war.
Er dankte ihr mit einer kurzen Bemerkung, blieb aber wie erwartet stehen.
„Ihre Anwesenheit bei der Gedenkfeier im Tempel des Einen Gottes wird gewünscht, Herr von Reichenstein“, sagte er zu mir. „Vorher sollen Sie jedoch Magi Achain behilflich sein, einige Dinge zu regeln. Er wartet auf Sie am Eingang der Akademie des Zeuth.“
„Gedenkfeier?“, fragte ich nach. „Davon habe ich noch nichts gehört.“
„Für die Opfer des Erdbebens“, erklärte Romeran und warf mir einen Blick zu, der mir zeigen sollte, dass ich wieder einmal unter seinen Erwartungen blieb. „Die Feier findet morgen zur Mittagszeit statt. Auf Veranlassung der Königin-Witwe, wie ich anmerken möchte, die persönlich anwesend sein wird.“
„Oh, dann muss ich auch hin!“, rief Jinna.
Arienna war seit dem Tod des Königs nur selten in der Öffentlichkeit gesehen worden. Sie aus der Nähe zu erleben, war für jeden Ringländer ein besonderes Erlebnis. Entsprechend gut besucht würde die morgige Feier sein.
„Es ist geplant, den allgemeinen Teil der Veranstaltung im Eingangsbereich des Tempels abzuhalten“, informierte Romeran sie. „Vom Vorplatz aus können mehrere tausend Menschen dem Ereignis beiwohnen. Trotzdem ist zu empfehlen, frühzeitig dort zu sein.“
„Ich werde dich begleiten“, versprach ich Jinna.
„Das werden Sie nicht“, korrigierte mich der Diener. „Sie werden an der Seite des Fürsten unter den Ehrengästen sein.“
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