Als er aufschrie und mich losließ, dachte ich im ersten Augenblick, mir sei unversehens ein guter Griff gelungen. Ich packte umso fester zu, aber er sackte in sich zusammen. Bewusstlos ließ ich ihn zu Boden gleiten. Neben mir richtete sich Merion auf. Auch sein Gegner war besiegt.
2
Eine Gestalt bewegte sich vor uns durch die Dunkelheit.
„Wer sind Sie?“, rief Merion.
Ich erkannte den Bettler, den ich vor wenigen Minuten noch ignoriert hatte. Der graue Umhang mit den Flicken war unverkennbar. Den Stab, den ich bei ihm gesehen hatte, hielt er nun in der Rechten. Aber er benötigte ihn sicherlich nicht als Stütze, denn er war ein junger Mann, der sich geschmeidig und kraftvoll bewegte.
Nun wusste ich, warum zwei unserer Gegner bewusstlos am Boden lagen: Der Fremde hatte sie mit diesem Stab niedergeschlagen. Er winkte uns lächelnd zu, wobei er makellos weiße Zähne zeigte, die aus seinem Vollbart herausstachen. Dann schnellte er herum und lief davon.
Den Grund dafür hörte ich einen Moment später. Es war ein hartes Klacken, das jeder Bürger Dongarths kannte: So klangen die genagelten Stiefel von Männern der Stadtwache, die über das Kopfsteinpflaster rannten. Sie näherten sich uns. Was auch immer sie aufmerksam gemacht hatte, wir würden eine gute Ausrede für unsere Situation finden müssen, um die Nacht nicht im Kerker zu verbringen.
„Flunkere ihnen etwas vor!“, forderte Merion mich auf. „Ich nehme die Folianten und haue ab. Wir treffen uns beim Tempel.“
Er griff nach dem Tragesack und verschwand in der Dunkelheit. Ich blieb bei den drei am Boden liegenden Gaunern und wartete ab.
Aus mehreren Nebenstraßen zugleich kamen Wachmänner auf mich zu. Sie hatten Sturmlaternen bei sich, in deren Licht ich einige mir bekannte Gestalten sah, darunter Hauptmann Peer Sterrin. Diese Gegend gehörte zur Altstadt von Dongarth, und das war sein Bezirk.
Abrupt blieb Sterrin stehen, als er mich erkannte. „Was machen Sie hier?“, schnauzte er mich an.
„Abendspaziergang“, antwortete ich kurz. „Und Sie?“
Seine Männer waren dabei, zwei der Gauner zu Bewusstsein zu bringen. Der dritte, den ich mit dem Messer am Hals getroffen hatte, war entweder tot oder reagierte wegen des Blutverlustes nicht mehr.
Nachdem sich Sterrin die Gesichter der drei angesehen hatte, wandte er sich wieder mir zu. „Überfall?“, fragte er.
„Sie haben es versucht und sind gescheitert“, behauptete ich.
„Nicht schlecht. Drei gegen einen und Sie gewinnen.“
„So bin ich nun mal.“ Wenn sich diese Version der Geschichte herumsprach, konnte das meinem Ruf nur guttun. „Kennen Sie die Kerle?“
„Nein. Wir werden sie zur Wache bringen. Vielleicht kann unser Heiler dem da noch helfen. Aber die anderen beiden sagen uns bis morgen früh sicherlich gerne, wer sie sind und warum sie nachts Unruhe stiften.“
Einer seiner Männer kam zu uns. „Zwei sind von hinten niedergeschlagen worden“, berichtete er. „Den dritten hat von vorne dieser Dolch getroffen.“
Hauptmann Sterrin nahm die Waffe mit spitzen Fingern entgegen. Er musterte den Griff und die kurze, geschwärzte Klinge, und danach mich. „Seit wann tragen Sie so etwas bei sich? Und wo ist Ihr Degen, ohne den Sie nie zu sehen sind?“
Ich tat überrascht. „Muss man in dieser Stadt voll bewaffnet sein, wenn man nachts vor die Tür geht?“
„Ja. Wo ist der Andere?“
„Welcher Andere?“
„Der Mann, der bei Ihnen gewesen sein muss.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Davon gerannt. Vielleicht wollte er Ihnen nicht begegnen, Hauptmann.“
„Groß, kräftig, jung, mit einem Vollbart, gekleidet wie ein Bettler?“, fragte er.
Erstaunt gab ich es zu. „Er kam wie aus dem Nichts und hat den Kampf zu meinen Gunsten entschieden. Wer ist er?“
„Wer er ist?“ Sterrin runzelte die Stirn. „Die Frage muss lauten: Wer sind die? Es sind mehrere von denen in der Stadt unterwegs. Wir wissen nicht, woher sie kommen. Sie verhalten sich unauffällig. Keiner meiner Männer hat bisher einen von ihnen mit eigenen Augen gesehen, was bemerkenswert ist. Wir haben nur von ihnen gehört.“
„Mischen sich diese Bartträger öfter in Schlägereien ein?“ Auch ich hatte noch nichts von den angeblichen Bettlern erfahren, aber das wollte ich nicht zugeben.
„Es ist vorgekommen. Jedenfalls verfügen sie über die bemerkenswerte Fähigkeit, sich in Nichts aufzulösen, sobald jemand von der Stadtwache in ihre Nähe kommt.“
„Ein Talent, das sich mancher in Dongarth wünscht“, sagte ich grinsend.
Sterrin sah mich nachdenklich an. Wir kannten uns schon lange, und ich hatte manchmal den Verdacht, dass ich kaum etwas vor ihm verbergen konnte. So auch diesmal.
Er fuhr fort: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie nichts über diese Bettler wissen. Sie sehen so überrascht aus. Melden Sie sich im Laufe des Tages bei mir in der Stadtwache. Im Moment habe ich keine Zeit, mich weiter mit Ihnen zu beschäftigen.“
Mehrere seiner Männer fesselten die beiden Gauner, die bei Bewusstsein waren, und zogen sie mit sich fort. Einer blieb bei dem Verletzten stehen. Es hatte bereits jemand einen Heiler und eine Tragbahre für ihn angefordert. Peer Sterrin folgte seinen Leuten, ohne sich noch einmal nach mir umzusehen. Ich würde wohl wegen dieses Vorfalls später ausführlich von ihm ausgefragt werden.
Sobald ich sicher war, dass sich niemand mehr in meiner Nähe befand, schlich ich mich davon. Obwohl mein Ziel - der Tempel des Einen Gottes - nicht weit entfernt war, machte ich einen Umweg. Ich wollte neugierige Verfolger aus den Reihen der Stadtwache abschütteln. Was mir gelingen würde, wenn nicht Sterrin persönlich sich an meine Fersen heftete. Auf dem Gebiet war er mir über. Außerdem hoffte ich, irgendwo einen dieser wehrhaften Bettler zu entdecken. Vielleicht sogar den, der Merion und mir geholfen hatte. Ich könnte mich bei ihm bedanken und ihn fragen, wer er und seinesgleichen waren.
Da Hauptmann Sterrin meinen Dolch mitgenommen hatte, war ich nun ohne Waffe unterwegs. Entsprechend vorsichtig bewegte ich mich durch die nächtliche Stadt. Es musste gegen zwei Uhr morgens sein, eine Zeit, in der kaum noch Trunkenbolde auf ihrem Weg nach Hause waren. Wer um diese Zeit durch die Straßen schlich, war entweder Verbrecher oder Mitglied der Stadtwache. Beiden wollte ich nicht begegnen.
Es dauerte daher noch einmal eine halbe Stunde, bis ich den Platz vor dem Tempel des Einen Gottes erreichte. Das sogar für Dongarther Verhältnisse gewaltige Bauwerk war rundum erleuchtet. Heilige Leuchten hingen in Kopfhöhe entlang der Außenwände. Es handelte sich zwar nur um Öllampen, wie sie in jedem Haus zu finden waren, aber ihre besondere Bauart und getrübten Gläser ließen sie in einem gleichzeitig hellen und doch diffusen Licht erstrahlen.
Das Gebäude selbst mit seiner Säulenfront und dem Giebeldach mit goldenen Ornamenten flößte jedem Betrachter Ehrfurcht ein. Die alten Baumeister hatten diesen Effekt sicherlich bewusst angestrebt. Alles war aus weißem Marmor, auch die niedrigeren Nebengebäude, die direkt angebaut waren. Vor dem Eingang des Tempels standen rund um die Uhr Männer der königlichen Garde und hielten Wacht. Sie trugen jedoch nicht die königliche Uniform, sondern helle, weite Umhänge, unter denen verzierte Lederrüstungen erkennbar waren. Nicht gerade praktisch für den Kampf. Aber niemand in den Ringlanden würde es wagen, diese Wachmänner anzugreifen. Der Eine Gott war bekannt dafür, dass er keinen Spaß verstand und Vergehen mit einer Gnadenlosigkeit ahndete, die selbst die Magier der Akademie als Weichlinge erscheinen ließ.
Ich ging nicht auf den weiten Platz vor dem Tempel, sondern blieb in einer schmalen Gasse, um nicht gesehen zu werden. Dort wartete ich darauf, dass Merion sich zeigte. Nach wenigen Minuten hörte ich hinter mir ein leises, rhythmisches Zischen. Dieses Zeichen kannte ich seit den Lehrjahren, die ich bei ihm absolviert hatte, also wandte ich mich um und ging auf den Ursprung des Geräuschs zu.
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